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Avenir-Suisse-Studie: Wohnungsnot nur ein Mythos? Nun hagelt es Kritik

Teaser Avenir Suisse vs. Wohnbaugenossenschaften Schweiz
Sind sich uneinig: Denkfabrik Avenir Suisse und Dachverband für Wohnbaugenossenschaften Schweiz.Bild: watson/keystone/screenshot

Avenir Suisse schiesst gegen gemeinnützigen Wohnbau – Retourkutsche folgt sofort

Der Thinktank Avenir Suisse warnt in einem Thesenpapier vor weiteren Eingriffen in den Wohnungsmarkt und greift den gemeinnützigen Wohnbau an. Der Verband Wohnbaugenossenschaften Schweiz holt zum Rundumschlag aus.
31.08.2023, 18:5401.09.2023, 17:57

Wohnungsnot? Ein Mythos. Zu diesem Ergebnis kommt die liberale Denkfabrik Avenir Suisse in ihrem neusten Thesenpapier.

Im publizierten Bericht warnt die Denkfabrik gar vor weiteren Eingriffen in den Wohnungsmarkt. Und sie stellt die Nachhaltigkeit des gemeinnützigen Wohnungsbaus infrage.

Der Verband Wohnbaugenossenschaften Schweiz (WBG) ist derart erzürnt über das Positionspapier, dass er gleich eine Podiumsdiskussion dazu abgehalten hat. Dabei wurden drei «gezielte Falschaussagen» von Avenir Suisse unter die Lupe genommen.

Nur dank Subventionen überleben

Laut Avenir Suisse profitieren Wohnbaugenossenschaften von einer indirekten Subventionierung durch vergünstigte Bodenpreise und staatliche Bürgschaften bei der Kreditaufnahme. Die Denkfabrik moniert, dass sich gemeinnützige Wohnbauträger nur dank Subventionen der öffentlichen Hand finanzieren können und nicht selbsttragend seien.

«Das stimmt nicht: Schätzungsweise 85 Prozent der gemeinnützigen Wohnungen beanspruchen keinerlei Förderungen», schreibt der Dachverband Wohnbaugenossenschaften Schweiz in einer Mitteilung.

Die wenigen Förderinstrumente des Bundes – namentlich rückzahlbare Darlehen und Bürgschaften – würden den Steuerzahlenden keinen Rappen kosten.

Der Verband kritisiert, dass auch Baurechte als Beispiel für Subventionen angeführt werden. «Aufgrund der vielen preis-mindernden Auflagen sind Baurechte gemäss Wüest Partner nur bedingt als Subventionierung zu betrachten», schreiben WBG.

Von Bodenspekulationen profitieren

Weiter holen WBG Schweiz aus, dass Avenir Suisse «korrekterweise feststelle, dass die Mietzinsen der Genossenschaften insbesondere wegen des Verzichts auf die Bodenrente» so günstig seien.

«Im haarsträubenden Umkehrschluss leitet Avenir Suisse dann allerdings ab, dass Genossenschaften stark von der Bodenspekulation profitieren», kritisieren WBG Schweiz.

Fragwürdige Nachhaltigkeit

Gegensätze sieht Avenir Suisse bei der Nachhaltigkeit der Genossenschaften: Nicht gemeinnützige Siedlungen würden eine höhere Verdichtung ausweisen. Die gewinnorientierten Investoren würden somit die Fläche effizienter nutzen. Die Denkfabrik schätzt, dass tausende Wohnungen entstehen würden, wenn Baugenossenschaften dieselbe Dichte haben würden wie Privatimmobilien.

Dagegen argumentieren WGB mit einer Studie des Forschungsbüros Sotomos: «Sowohl der Wohn- als auch der Grundflächenverbrauch ist bei gemeinnützigen Wohnungen schweizweit gesehen deutlich tiefer.» Zudem werde seit der Jahrtausendwende vermehrt verdichtet.

«Mit der Kritik am angeblich zu hohen Landverbrauch fordert Avenir Suisse nichts anderes, als dass Wohnbaugenossenschaften ihre Wohnungen vorzeitig abreissen sollen», sagte Andreas Wirz, Präsident von Wohnbaugenossenschaften Zürich an der Podiumsdiskussion. Damit würde ein massiver Verlust an bezahlbarem Wohnraum einhergehen.

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97 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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joe155
31.08.2023 19:11registriert Juni 2016
Wenn ich nur schon das Wort "Denkfabrik" höre... "Interessensvereinigung" triffts da schon deutlich besser.
Da der Markt von Spekulanten überrannt wird, entstehen Genossenschaften, die faire Mietbedingungen haben, da Mieter sich nicht einfach ausnehmen lassen wollen. Was macht Avenir Suisse als Vertreter dieser Spekulanten? Volles Kreuzfeuer gegen Genossenschaften, da kann man ja keinen Gewinn mehr erzielen. Dabei sind ja genau die Personen hinter dieser Vereinigung Schuld daran, dass es zu diesen Genossenschaften gekommen ist...
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International anerkannter Experte für ALLES
31.08.2023 19:39registriert Juli 2021
Vielleicht sollte man mal beleuchten, was der „Think“🤣Tank untersucht hat… sie haben nämlich lediglich die Höhe von laufenden Mietverträgen denen von neuen (wechselnden) Mitverträgen gegenübergestellt…

Viel hirnverbrannter wird’s nicht mehr…
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B-M
31.08.2023 21:20registriert Februar 2021
Die Wohnungsnot ist tatsächlich ein Mythos. In Tat und Wahrheit gibt es eine Milionärsnot.
Wenn alle 5000.- Miete pro Monat bezahlen könnten, gäbe es genug Wohnungen.
Also wenn ich Avenir Suisse richtig verstehe, fordern die einen allgemeinen Mindestlohn von 20'000 pro Monat.
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