«Unser Sohn hat kein Preisschild»: Robin ist mittels Leihmutterschaft zur Welt gekommen
Im Dezember 2024 reisen Peter Odermatt und Elias Fischer in die USA. Ihr Ziel: Baltimore im US-Bundesstaat Maryland. Der Flug geht über New York. Dass sich unter ihm nun die Freiheitsstatue befindet, macht Odermatt emotional:
Mitte Januar 2025 reisen Odermatt und Fischer zurück in die Schweiz. Sie sind nun zu dritt. Eine kleine Familie. Mit dabei ist jetzt auch Robin: der Sohn des Männerpaares. Eine Leihmutter hat ihn am 4. Januar um 12.34 Uhr in einem Spital in Baltimore zur Welt gebracht.
In der Schweiz ist die Leihmutterschaft verboten. Der Gesetzgeber sieht darin einen Missbrauch der Fortpflanzungsmedizin, vor dem es die Menschen zu schützen gelte. «Wunscheltern aus der Schweiz umgehen die schweizerische Rechtsordnung und nützen das Armutsgefälle in fernen Ländern aus», heisst es in einem Bericht des Bundesamts für Justiz.
Seit der konservative deutsche Politiker Jens Spahn als Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag zurücktreten musste, weil er und sein Ehemann via Leihmutterschaft Väter geworden waren, ist das Thema wieder stärker in den öffentlichen Fokus gerückt.
An einem heissen Mittwochabend Ende Juli besucht watson Odermatt und Fischer in ihrem Zuhause in Stans im Kanton Nidwalden. Die Quartierstrasse, die zum Einfamilienhaus mit Garten führt, ist gesäumt mit violettfarbenen Trottinetten, roten Plastik-Traktoren und fröhlichen Pappfiguren mit rosigen Wangen. Hier wohnen Kinder.
Eines von ihnen: Robin. In der Hand trägt er seinen treuen Begleiter, die Kuschelgiraffe Abu.
Seine Eltern sagen, dass es für sie einige Grundvoraussetzungen gab, die erfüllt sein mussten, bevor sie sich für den Weg der Leihmutterschaft entschieden.
«Uns war wichtig, dass die Frau in einem gesellschaftlich sicheren Umfeld ist und ihre eigene Familienplanung abgeschlossen hat», sagt Fischer. Voraussetzung der Agentur war, dass die Leihmutter bereits eigene Kinder hat.
Begründung: Eine Schwangerschaft kann jederzeit mit Komplikationen verbunden sein. Da helfe es, wenn die Frau die körperlichen und emotionalen Auswirkungen einer Schwangerschaft bereits aus eigener Erfahrung kennen sollte.
Odermatt und Fischer wollten nicht, dass eine Frau aus finanzieller Not oder Perspektivlosigkeit heraus handelt, «sondern auch aus der freiwilligen Überzeugung, etwas Gutes zu tun».
Bei der Leihmama, die Robin austrägt, sind die beiden sich sicher, dass das der Fall ist. Sie arbeite als Sonderpädagogin mit schwer erziehbaren Kindern, sei selbst Mutter zweier Kinder und geschieden.
Sie will sich den Traum von einem eigenen Haus verwirklichen. Die Leihmutterschaft bringt sie diesem Ziel näher.
Odermatt und Fischer sind seit zehn Jahren ein Paar. Den Kinderwunsch hegen der Mitte-Politiker, der im siebenköpfigen Gemeinderat von Stans sitzt, und der Garagist schon lange.
Fischer wollte ursprünglich ein Kind adoptieren. «Dann haben wir aber festgestellt, dass das ein Prozess ist, der Jahre in Anspruch nehmen kann, ohne dass am Ende eine Gewissheit bestünde, ein Kind adoptieren zu können», sagt er.
Der Grund: Auf immer mehr Menschen, die ein Kind adoptieren wollen, kommen immer weniger Kinder, die zur Adoption freigegeben werden. Gleichzeitig denkt Bundesrat Beat Jans sogar über ein Verbot von Auslandadoptionen nach.
An einem Wochenende vor etwa fünf Jahren wird es beim Stanser Paar konkret. Damals treffen sie sich bei einem Picknick auf dem Gurten in Bern mit anderen Vätern, die durch eine Leihmutterschaft Eltern geworden sind.
Schnell merken sie, dass es diesen Leitfaden nicht gibt. Nach reiflicher Überlegung und Beratung entscheiden sie sich für eine Leihmutterschaft in den USA. «In den Vereinigten Staaten ist das Thema Leihmutterschaft sauber geregelt», sagt Fischer.
Die Leihmutter sei gut geschützt: einerseits durch einen Vertrag, auf den sie sich mit Odermatt und Fischer einigt. Andererseits durch eine Krankenversicherung, die das schwule Paar abschliessen muss und die für alles aufkommen würde, was der Leihmutter oder dem ungeborenen Kind zustossen würde.
Auch ist es in den USA so, dass sich die Leihmutter für die Eltern entscheidet – und nicht umgekehrt. Bis eine Leihmutter Odermatt und Fischer auswählt, vergehen anderthalb Jahre.
Die Leihmutter lernen die beiden per Video-Call kennen. «Das war sehr speziell», erinnert sich Odermatt. «Wir waren sehr nervös, sie war sehr nervös.» Obwohl das Gespräch sehr gut verlief, habe es sich unwirklich angefühlt:
Heute, etwas mehr als anderthalb Jahre nach der Geburt ihres Sohnes, sagt Odermatt: «Wir haben mit dem Bauchmami von Robin den Lottosechser gezogen.» Fischer ergänzt: «Wir hatten vom ersten Moment an den Eindruck, dass sie sich selbst Sorge und somit auch dem Kind Sorge trägt.»
Spermaproben über den Atlantik
Plötzlich wird es sehr konkret: Die beiden Männer müssen sich von Kopf bis Fuss medizinisch durchchecken lassen, bevor sie eine Samenspende in die USA schicken dürfen.
Es schicken beide eine Probe. Denn die Leihmutter soll für Odermatt und Fischer Zwillinge austragen. Bei einem Baby ist Odermatt der leibliche Vater, beim anderen Fischer. Die Eizelle stammt nicht von der Leihmutter, sondern von einer separaten Spenderin. Odermatt und Fischer kennen sie nicht persönlich.
So weit der Plan. Es kommt aber anders. Denn nur eine der befruchteten Eizellen nistet sich in der Leihgebärmutter ein. Es ist Robin, dessen leiblicher Vater Odermatt ist.
Als Odermatt seinen Sohn das erste Mal in den Armen hält, ist das für ihn ganz besonders. «Das war ein sehr intimer Moment. Es hat sich nach Ankommen angefühlt», sagt er.
Drei Tage verbringen die frischgebackenen Eltern im Spital in Baltimore, beziehen das Zimmer gleich neben der Leihmutter. «Viele Menschen haben bei Leihmutterschaft das Bild im Kopf, dass das Kind unmittelbar nach der Geburt der Leihmutter weggenommen wird», sagt Odermatt.
Dem sei nicht so. Seit der Geburt von Robin stehen die beiden Väter in engem Austausch mit der Leihmutter und haben zu dritt eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe.
«Wir werden die Leihmutter ganz sicher nicht vor Robin verstecken. Das können wir gar nicht», sagt Odermatt. «Er wird aufwachsen im Wissen darum, wer sie ist.» Der Kontakt werde bleiben, ist er überzeugt, und sein Partner Fischer pflichtet ihm bei: «Wir können uns auch vorstellen, dass sie uns in der Schweiz besucht.»
«Gesellschaft ist weiter als Politik»
Die beiden Väter gehen offen damit um, dass sie via Leihmutterschaft Eltern geworden sind. Nur etwas ist tabu. Über Geld wollen Fischer und Odermatt nicht sprechen. «Ich möchte meinem Sohn kein Preisschild umhängen», sagt Odermatt.
Und sein Partner fügt an: «Die Frage wird halt auch nur homosexuellen Pärchen gestellt.» Heterosexuelle Paare können viel besser verstecken, dass sie mit einer Leihmutter Eltern geworden sind.
Aus Gesprächen mit anderen Paaren, die auf dem gleichen Weg – mit einer Leihmutter in den USA – Eltern geworden sind, weiss watson: Der ganze Prozess kostet bis zu 200'000 Franken. Von allen Staaten, die die Leihmutterschaft kommerziell anbieten, sind die Vereinigten Staaten das teuerste.
Das Umfeld der beiden schwulen Männer hat auf die Leihmutterschaft positiv reagiert. Die Mutter von Fischer hat die beiden sogar in die USA begleitet. «Ich habe das Gefühl, dass die Gesellschaft offener mit dem Thema umgeht als die Politik», sagt Odermatt.
Rechtliche Anerkennung als Problem
Den Umgang mit den Schweizer Behörden beschreiben Odermatt und Fischer als respektvoll. Trotzdem wünschte sich das Paar einen besseren Kinderschutz in der Schweiz. Denn bis Robin nebst dem US-amerikanischen auch einen Schweizer Pass erhielt, vergingen Monate.
Und noch immer ist bloss Odermatt als leiblicher Vater rechtlich anerkannt. Eine Vereinfachung der Stiefkindadoption würde das Paar begrüssen.
Fischer bleibt nur die Stiefkindadoption, die jedoch voraussetzt, das Kind mindestens ein Jahr gepflegt zu haben. «Würde mir jetzt etwas zustossen, gäbe es niemanden, der für Robin im rechtlichen Sinn verantwortlich wäre, obwohl wir nach amerikanischem Recht in der Geburtsurkunde als rechtliche Elternteile eingetragen sind», sagt Odermatt.
Auf der amerikanischen Geburtsurkunde ist neben Odermatt wie selbstverständlich auch Fischer als Vater eingetragen – was die Schweiz aber nicht anerkennt. In den Augen des schweizerischen Rechtsstaats sind es Odermatt und Fischer, die mit der Leihmutterschaft das Kindeswohl gefährden.
Der Grund: «Die Wunscheltern entscheiden sich bewusst dafür, diese Situation zu schaffen», heisst es im Leihmutterschaftsbericht des Bundesamts für Justiz. «Sie vertrauen darauf, dass das Kind bei ihnen leben kann, selbst wenn die Elternrechte nicht zu beiden Wunscheltern geregelt werden können.»
Odermatt glaubt, dass es eine Frage der Zeit ist, bis die Leihmutterschaft auch in der Schweiz legalisiert wird – auch weil es eine Möglichkeit für unfruchtbare heterosexuelle Paare ist, ihren Kinderwunsch zu verwirklichen. «Wir haben in der Schweiz einen starken Geburtenrückgang. Das wird in der Debatte sicher auch eine Rolle spielen.»
Bis dahin bleibt schwulen Paaren nur die Leihmutterschaft im Ausland. Und zu der haben sich Odermatt und Fischer ein zweites Mal entschieden. Robin erhält bald ein Geschwisterchen. «Die Leihmama hat uns das wenige Minuten nach der Geburt von Robin bereits angeboten», sagt Fischer. Nun haben sie sich entschieden, das Angebot anzunehmen.
In drei Monaten ist es so weit. Das Geschlecht wollen die beiden nicht verraten. Sie sind nicht mehr ganz so aufgeregt wie bei der ersten Schwangerschaft: «Es ist die gleiche Leihmutter, das gleiche Spital, das gleiche medizinische Personal», sagt Fischer. «Das ist ein Riesenvorteil.»
Im Oktober kommt Robins Geschwisterchen zur Welt. «Wir sind wieder schwanger», sagt Odermatt.
