Menstruation, Stillen, Anlaufstellen: So soll die Swiss mehr Pilotinnen gewinnen
Zumindest die Sprache und das Bild stimmen. «Werde Pilot:in» heisst es auf dem Stellenportal der Swiss. Und nebst dem Gender-Doppelpunkt achtet die Airline auch darauf, dass eine Frau im Cockpit gezeigt wird. Denn wie viele andere Fluggesellschaften will auch die Swiss den Frauenanteil beim fliegenden Personal erhöhen.
Doch die Realität ist nach wie vor eine andere. Und diese ist von Y-Chromosomen dominiert. Bei der Swiss beträgt der Frauenanteil im Cockpit seit Jahren nur etwa 5 Prozent. Wenn am Weltfrauentag bei der Swiss und anderen Airlines jeweils die gesamte Crew aus Frauen besteht, ist dies vor allem Marketing.
Ein Artikel im Mitgliedermagazin «Rundschau» des Swiss-Pilotenverbandes Aeropers legt nahe, dass die Lufthansa-Tochter durchaus mehr unternehmen könnte, um die Geschlechterquote ausgeglichener zu gestalten. Dabei kommt Edith Mischler in einem Interview zu Wort, die Frauenbeauftragte der Aeropers. Sie steuert zudem als Kapitänin A330-Flugzeuge der Swiss durch die Welt. Sie nennt gleich mehrere Punkte:
Menstruation
Die Aviatik ist nach wie vor eine Männerdomäne, was dazu führt, dass viele Vorgesetzte männlich sind. Das hat Folgen für die Kommunikation. Teilweise seien Anliegen wie Menstruationsbeschwerden oder Schlafstörungen in den Wechseljahren für die Swiss «unangenehm». Sprich: Es fehlt an Sensibilität bei den Führungsleuten.
Diese Anliegen würden dann oft bei ihr landen, sagt Mischler. «Gerade diese Themen sollten also noch stärker beleuchtet werden, damit Pilotinnen nicht negative Erfahrungen machen müssen, nur weil sie sich aus nicht beeinflussbaren, physiologischen Gründen vom Flugdienst abmelden.» Doch solche Negativerlebnisse seien leider schon öfters vorgekommen.
Schwangerschaft und Stillen
Ein häufiges Thema ist die Zeit nach der Geburt eines Kindes. «Der Wiedereinstieg nach einer längeren Abwesenheit – meist durch eine Schwangerschaft bedingt – ist immer wieder mit Fragezeichen verbunden», sagt Mischler. Denn viele wünschten sich eine temporäre Alternativ-Tätigkeit am Boden während der Stillzeit.
Zwar können Pilotinnen nach ihrem bezahlten Mutterschaftsurlaub unbezahlte Ferien bis insgesamt ein Jahr nach der Geburt anfügen, um ihr Kind stillen zu können. Bis vor einigen Monaten fehlte es jedoch an flexiblen Lösungen für einen Überbrückungsjob am Boden, um das Stillen zu ermöglichen. Seit Frühling ist dies nun aber möglich, wie Swiss-Sprecher Michael Pelzer sagt. «Unsere Pilotinnen können bereits ab dem ersten Tag der Schwangerschaft in den Bodendienst wechseln.»
Als Vorbild nennt Mischler die spanische Fluggesellschaft Iberia. Dort würden stillende Pilotinnen einen angepassten Flugplan erhalten, wenn immer möglich mit einem Nachtstopp an der Heimatbasis oder Flugeinsätzen mit maximal einer Übernachtung. Das helfe insbesondere auch bei der familiären Organisation mit Kleinkindern. Mischler wünscht sich diesbezüglich auch bei der Swiss einen geregelten, transparenten Prozess. Ähnliche Unterstützung würden vermehrt Airlines in den USA bieten.
Die US-Bundesluftfahrtbehörde FAA hat laut Mischler bereits spezielle Pumpen und Kühlboxen für die Benutzung im Flugzeug zertifiziert. Diesbezüglich hinke die Schweiz hinterher. Beim Thema Stillen stecke sehr viel ungenutztes Potenzial für die Airlines drin, wenn man an solche Lösungen denke. «Die Firmen können schon früher wieder mit der Arbeitskraft rechnen und sind ausserdem in der Lage, mit solchen Lösungen prägnantes Marketing für unseren Beruf zu betreiben.»
Fehlende Anlaufstelle
Mischler ist bei der Aeropers die Ansprechperson für den Umgang mit verschiedenen Themen bei der Arbeit – von Menstruationsproblemen über Mobbing bis hin zur sexuellen Belästigung. Doch eine vergleichbare Stelle beim Arbeitgeber selbst gebe es nicht.
Immerhin existiere im Intranet auf ihre Initiative hin der Hashtag #respect. Unter diesem Projektmotto soll Betroffenen – egal welchen Geschlechts – Hilfestellung geboten werden.
Und was sagt die Swiss zur niedrigen Frauenquote sowie zu den Kritikpunkten und Vorschlägen ihres Cockpit-Corps? «Ein Grund für den weiterhin geringen Frauenanteil dürfte sein, dass technische Berufe gesellschaftlich noch immer häufiger mit Männern verbunden werden», sagt Sprecher Pelzer.
«Seit Jahren sprechen wir Frauen gezielt an, informieren über den Beruf und bauen Hürden ab, wo dies möglich ist.» Dazu gehörten Informationsveranstaltungen, zusätzliche Förderangebote sowie Modelle, die Beruf und Familie besser vereinbaren liessen. «Unser Ziel ist es, langfristig mehr Frauen für eine Cockpit-Laufbahn zu gewinnen.» Erfreulich sei, dass der Frauenanteil in den Ausbildungskursen immerhin bei 10 Prozent liege.
Eine Zielquote habe man nicht definiert, sagt Pelzer. In den Auswahlverfahren zeige sich klar, dass Frauen dieselben Voraussetzungen für den Beruf wie Männer mitbringen.
Angepasstes Hosen-Reglement
Dass es der Swiss-Führung zuweilen an Sensibilität für Themen wie Menstruations- oder Wechseljahrbeschwerden fehle, könne man so nicht bestätigen, sagt Pelzer. «Wir nehmen die Anliegen unserer Mitarbeitenden ernst und bieten verschiedene Anlaufstellen an.» Dazu gehörten die zuständigen Team-Leitenden, die Medizin- und Personalabteilung oder die Angestelltenberatung. «Dort können persönliche Themen vertraulich besprochen werden.»
Spezielle Pumpen und Kühlboxen für stillende Pilotinnen, wie sie in den USA vorgesehen sind, seien für die Swiss derweil kein Thema, sagt Pelzer. «Die bestehenden Möglichkeiten mit Bodendienst oder unbezahltem Urlaub erscheinen uns hier pragmatischer.»
Eine Frauenbeauftragte wie bei der Aeropers existiere ebenfalls nicht, sagt Pelzer. Doch man habe eine Stelle im Bodendienst, die es Pilotinnen ermögliche, sich gezielt mit für sie spezifischen Themen zu befassen. Aus diesen Diskussionen bereits konkrete Verbesserungen entstanden, wie zum Beispiel 2024 Flexibilisierungen im Uniformreglement für schwangere Pilotinnen, insbesondere für Anpassungen der Hose. Für weitere Anliegen und Vorschläge sei man jederzeit offen. (schweizheute.ch)

