82 Schafe stürzen in Graubünden über Felshang in den Tod
Am 11. September entdeckte eine Hirtin in der Val Russein in Graubünden unterhalb eines Felshanges zahlreiche tote Schafe. Dort lagen die Tiere wahrscheinlich bereits zwei Tage. Dichter Nebel hatte die Sicht im alpinen Hochtal am Fusse des Tödi zuvor für mehrere Tage stark eingeschränkt.
Insgesamt kamen beim Unglück 82 Tiere ums Leben. Besonders schwer traf es den Schafbauern Marcus Berther aus Segnas. Er verlor beim Unglück 62 Schafe, wie er im Gespräch mit der Zeitung Südostschweiz erklärt. Auch weitere Schafbauern aus der Region habe es teilweise hart getroffen. Einer verlor 16, ein anderer drei Tiere, so Berther. Die Bilder der abgestürzten Tiere würden ihn nicht mehr los lassen, auch die Hirtin, die die Kadaver entdeckt hatte, sei emotional stark belastet, so Berther.
Ursache noch ungeklärt
Wieso die Tiere über den Felshang stürzten, sei bislang ungeklärt. In der Region wird von vielen ein möglicher Wolfsangriff vermutet. Gegenüber der Südostschweiz erklärt Berther jedoch, dass man keine Wolfsbisse gefunden habe und DNA-Spuren noch untersucht würden.
Er sei jedoch überzeugt, dass die Tiere gejagt oder anderweitig aufgeschreckt worden seien. Ob ein Wolf, Hunde oder ein anderes Ereignis die Panik ausgelöst habe, könne er nicht sagen. Schafe hätten einen ausgeprägten Herdentrieb und könnten in einer Ausnahmesituation blindlings einem Leittier folgen, ohne die Gefahr richtig einzuschätzen.
Dankbarkeit für Hilfsmittel vom Bund
Der Vorfall verdeutlicht für Berther die Herausforderungen, mit denen Schafbauern im Wolfsgebiet konfrontiert sind. Um seine Tiere zu schützen, investiert er viel Zeit und Geld in Elektrozäune. Im felsigen Gelände der Val Russein sei es allerdings besonders schwierig, die Zäune sicher anzubringen.
Herdenschutzhunde setzt Berther nicht immer ein. Wie er gegenüber der Südostschweiz erklärt, erhält er vom Bund Unterstützung für verschiedene Schutzmassnahmen. Dazu gehören unter anderem Zaunmaterial, Herdenschutzhunde, Hilfshirten und Unterkünfte für das Alppersonal.
Er sei für diese Unterstützung dankbar, trotzdem sieht Berther weiteren Handlungsbedarf. Er fordert eine Regulierung des Wolfsbestands sowie mehr finanzielle Unterstützung für die Schafhaltung. Gleichzeitig werde es immer schwieriger, genügend Personal für die anspruchsvolle Arbeit auf den Alpen zu finden.
Bauer sieht Kulturlandschaft in den Alpen bedroht
Bleiben die Tiere wegen der Herausforderungen künftig vermehrt von den Alpen fern, könnte dies auch Folgen für die Landschaft haben. Ohne die Beweidung durch Schafe, Kühe oder Ziegen würden offene Flächen zunehmend verbuschen und langfristig verwalden. Damit würde sich die traditionelle Kulturlandschaft in den Alpen verändern, die Artenvielfalt beeinträchtigt sowie die Gefahr für Lawinen und Murgänge steigen.
Trotz des schweren Verlusts blickt Berther zuversichtlich in die Zukunft. Seine Verbundenheit zu den Schafen reicht bis in seine Kindheit zurück. Schon als Siebenjähriger habe er viel Zeit mit den Tieren verbracht. Er hoffe deshalb, dass die Schafalpen trotz der wachsenden Herausforderungen auch künftig bewirtschaftet werden können. (ear)
