Schweiz
International

Schweiz hilft Ländern beim Steuern eintreiben – Hilfe ist umstritten

Schweiz hilft ärmeren Ländern beim Steuern eintreiben – das stösst auf Kritik

Der oberste Entwicklungshelfer der Welt will dem Globalen Süden beim Besteuern der Reichen helfen. Die Schweiz investiert bereits Millionen in diesem Bereich. Doch die Hilfe ist umstritten.
20.07.2026, 06:0620.07.2026, 06:06
Julian Spörri
Julian Spörri
Strassenverkäufer in Ghana: Gewisse Wirtschaftsbereiche sind in vielen afrikanischen Ländern nicht staatlich erfasst.
Strassenverkäufer in Ghana: Gewisse Wirtschaftsbereiche sind in vielen afrikanischen Ländern nicht staatlich erfasst.Bild: Ute Grabowsky/Imago

Vom obersten Entwicklungshelfer würde man erwarten, dass er mehr Entwicklungshilfe für die ärmeren Länder fordert – nicht, dass er dort mehr Steuern eintreiben lassen will. Und doch weibelt Alexander De Croo, Chef des UNO-Entwicklungsprogramms, für diese Lösung. Dies vor dem Hintergrund, dass weltweit immer mehr Krisen eskalieren, aber viele westliche Länder bei der Entwicklungshilfe kürzen. Auch in der Schweiz sollen bis 2030 rund 113 Millionen Franken eingespart werden.

De Croo will Entwicklungsländern dabei helfen, ihre eigenen Steuersysteme zu verbessern. Die reichen Leute in den ärmeren Ländern müssten «ihren fairen Anteil an Steuern» bezahlen, sagte der Belgier jüngst im Interview mit der deutschen Zeitung «Die Zeit». Der Aufbau effizienter Steuersysteme bringe «eine enorme Rendite». Für jeden Dollar, den man investiere, bekomme man «mehr als hundert Dollar» zurück.

Weg von der Entwicklungshilfe

Solche Steuerprogramme gibt es seit Längerem, etwa von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Weltbank. An ihnen beteiligt sich auch die Schweiz. Zwischen 2015 und 2024 flossen aus der Bundeskasse jährlich durchschnittlich 11,7 Millionen Franken in Steuerprogramme für Entwicklungsländer, darunter Kolumbien, Ghana oder Indonesien. Bis 2028 dürften die Ausgaben im gleichen Rahmen liegen. Das ergeben Anfragen beim Wirtschaftsdepartement sowie beim Aussendepartement. Sind sie von der Lösung ebenso überzeugt wie der oberste Entwicklungshelfer?

Das Staatssekretariat für Wirtschaft teilt die Einschätzung, dass der Aufbau effizienter Steuersysteme positive Auswirkungen habe. Zur Frage der Rendite habe man keine Studien durchgeführt. Es stehe jedoch fest, dass die Steuereinnahmen in den meisten Entwicklungsländern unzureichend seien. «Während wohlhabendere Nationen 20 bis 30 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts an Steuern einnehmen, erzielen Entwicklungsländer in der Regel nur 10 bis 14 Prozent», schreibt eine Sprecherin.

Mit einer Stärkung des Steuersystems werde die Eigenverantwortung gestärkt und die Abhängigkeit von Entwicklungshilfe verringert. Zudem könne dies das Geschäftsumfeld verbessern und Investitionen fördern. Die Unterstützung des Bundes umfasst unter anderem die Schulung von Behörden oder die Vermittlung von Fachwissen.

Von Brot und Brösmeli

Bei den Hilfswerken hält man die Stärkung der Steuerbehörden von Entwicklungsländern zwar grundsätzlich für eine gute Idee, wie der Geschäftsleiter des Dachverbands Alliance Sud, Andreas Missbach, sagt. Problematisch seien die Bemühungen dann, wenn sie zur Erhöhung der Mehrwertsteuern oder zur Besteuerung des informellen Sektors wie des Strassenverkaufs führten, weil das die ärmsten Schichten treffe. Zudem werde der Elefant im Raum ausgeblendet: «Die wirklich grossen Summen, die den Entwicklungsländern entgehen, entfallen auf das Konto der Steuerflucht von westlichen Grosskonzernen, auch mit Hilfe der Schweiz», sagt Missbach.

Studien zufolge entgehen dem afrikanischen Kontinent durch die Gewinnverschiebung und missbräuchliche Steuerpraktiken jährlich Einnahmen von über 50 Milliarden US-Dollar. Aktuell macht der Fall des Rohstoffhändlers Glencore Schlagzeilen. Laut dem «Tages-Anzeiger» soll der Zuger Konzern im Kongo mehrere Milliarden Steuern nachzahlen müssen. Glencore bestreitet die Vorwürfe.

Die Entwicklungsländer pochen darauf, dass Konzerne ihre Gewinne dort versteuern, wo sie sie erwirtschaften. Um diese Forderung geht es in einer neuen Steuerkonvention auf UNO-Ebene. Im August steht die nächste Verhandlungsrunde an. Die Schweiz wollte ursprünglich nicht mitmachen. Missbach kritisiert: Der Bund bremse bei der Besteuerung der Konzerne, während er gleichzeitig einige Millionen für Steuerprogramme in ärmeren Ländern spreche. «Die Schweiz gibt Brösmeli, aber nimmt das Brot weg.» (schweizheute.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Innovativ und tödlich: Der Drohnenkrieg der Ukraine
1 / 18
Innovativ und tödlich: Der Drohnenkrieg der Ukraine

Die Ukraine wehrt sich erfolgreich gegen den Aggressor Russland, dabei spielen Drohnen eine zentrale Rolle. In dieser Bildstrecke geht es um Meilensteine und historische Wendepunkte...

quelle: keystone / alex babenko
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Erste Kampfliga für humanoide Roboter gegründet
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
24 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Overton Window
20.07.2026 09:50registriert August 2022
Die reichen Leute müssten eigentlich nicht nur in den ärmeren Ländern «ihren fairen Anteil an Steuern» bezahlen. Es wäre angebracht wenn sie das überall täten...
293
Melden
Zum Kommentar
avatar
001243.3e08972a@apple
20.07.2026 08:35registriert Juli 2024
Nicht die Schweiz gibt die Brösmeli, sondern der Schweizer Steuerzahler, weil Glencore & co. lokal keine Steuern zahlen wollen.
206
Melden
Zum Kommentar
24
Wegen Balogun-Skandal: Anti-Gianni-Protest vor FIFA-Gebäude in Zürich
Einige wenige Fussballfans haben am Montag vor dem FIFA-Hauptsitz in Zürich gegen die Entwicklungen im Weltfussball protestiert. Sie forderten den Rücktritt von Präsident Gianni Infantino.
Die Kundgebung vor dem FIFA-Tor blieb friedlich und war von der Stadtpolizei Zürich bewilligt. Infantino war nicht anwesend.
Zur Story