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Zahlungsriese Worldline hofft nach Aktienabsturz auf Neustart

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Worldline wickelt jährlich Transaktionen im Wert von rund 500 Milliarden Euro ab.Bild: KEYSTONE

Aktie stürzte um 99 Prozent ab: Zahlungsriese hofft jetzt auf Neustart

Der französische Konzern Worldline erzielt hierzulande beträchtliche Umsätze und beschäftigt 660 Angestellte. Nach einer existenziellen Krise verspricht die Führung nun Besserung.
03.08.2026, 22:2303.08.2026, 22:23
Pascal Michel / ch media

Bernhard Lachenmeier gibt sich optimistisch. «In den letzten neun Monaten konnten wir den Kundenabfluss stoppen und etliche neue Kunden dazugewinnen. Und unsere Zahlungsterminals funktionieren wieder deutlich stabiler», sagt der Geschäftsführer von Worldline Schweiz.

Der französische Zahlungsdienstleister verkauft europaweit Kartenterminals und wickelt als sogenannter Acquirer digitale Zahlungen zwischen Händlern und ihren Kunden ab (siehe Grafik). Damit sorgt er dafür, dass Konsumenten überall bequem per Karte und Handy bezahlen können. Auf seine Dienste setzen hierzulande namhafte Schweizer Firmen wie etwa SBB, Coop und Migros. Der Marktanteil beträgt in der Schweiz rund 60 Prozent.

Das tönt auf den ersten Blick nach einem sicheren Geschäft. Digitales Bezahlen boomt, und bei jeder Transaktion verdient Worldline mit. Doch tatsächlich hat sich der Konzern innert kurzer Zeit in eine existenzielle Krise manövriert. Daraus versucht er sich nun zu befreien, weshalb der Schweiz-Chef auch gerade betont, es gehe wieder aufwärts.

Kein klarer Fokus und ein Skandal

Wie tief Worldline gefallen ist, lässt sich am Börsenkurs ablesen. Innerhalb von fünf Jahren hat die Aktie rund 99 Prozent an Wert verloren.

Der Kurssturz hat verschiedene Gründe. Nach einem Boom während der Pandemie trübte sich das Geschäft ein. Dabei half nicht, dass Worldline gewisse Neuerungen verschlief, etwa neue Kartenterminals auf Basis des Android-Betriebssystems. Zudem agierte der Konzern schwerfällig und verzettelte sich. Statt zentral neue Produkte zu lancieren, brachte er in den jeweiligen Märkten separate Lösungen. So verpufften Skaleneffekte.

Zu diesen Problemen kam im Herbst 2023 ein veritabler Skandal hinzu: Die deutschen Behörden verfügten, dass die Worldline-Tochter Payone die Beziehung zu lukrativen, aber «schmutzigen» Kunden kappen musste. Es handelte sich um dubiose Akteure aus der Porno- und Glücksspielbranche. Daraufhin musste Worldline seine Gewinnprognose senken – offiziell wegen eines «schwierigen makroökonomischen Umfelds». Der Aktienkurs rauschte um 59 Prozent in die Tiefe.

Anderthalb Jahre später erfuhr auch die breite Öffentlichkeit den wahren Grund für die korrigierte Gewinnprognose: Eine grossangelegte Medienrecherche zeigte, wie Worldline jahrelang mit «schmutzigen» Kunden Gewinne machte, dies aber zu vertuschen versuchte. Am Tag der Publikation brach der Börsenkurs nochmals um 40 Prozent ein. Aktuell laufen Untersuchungen wegen Verstössen gegen die Geldwäscherei- und Betrugsprävention.

Der «Dirty-Payments»-Skandal schlug direkt auf die Liquidität des Unternehmens durch. Das Vertrauen, der Firma noch Geld zu leihen, sackte ins Bodenlose. Die Agentur Standard & Poor's stufte die Kreditwürdigkeit auf «Junk»-Status herab.

Das führte zu einer paradoxen Situation: Ein Unternehmen, das weltweit täglich Milliardensummen verschiebt, gerät selbst in Geldnot. Der Grund liegt darin, dass Worldline die Kundengelder nicht antasten darf. Die Geldströme sind streng getrennt. Als Einnahmen hat Worldline nur seine Gebührengelder zur Verfügung.

Happige Abschreiber für die Schweizer Börse

Der Konzern reagierte auf die drohende Geldknappheit, indem er eine Aktienkapitalerhöhung von 500 Millionen Euro auflegte. Die Banken Bpifrance Participations, Crédit Agricole und BNP Paribas schossen daraufhin Geld nach. Genug gesehen hatte der Schweizer Börsenbetreiber Six. Er ist seit 2018 an Worldline beteiligt, zog bei der Kapitalerhöhung aber nicht mit.

Nach einem letzten happigen Abschreiber im Herbst kumuliert sich der Verlust von Six durch Worldline insgesamt auf 1,6 Milliarden Franken. Das Kapitel hat die Börsenbetreiberin nun abgehakt, indem sie den durch die Kapitalerhöhung stark verwässerten Anteil nur noch als Finanzbeteiligung führt, die das eigene Ergebnis nicht mehr stark nach unten ziehen kann.

«Wer wäre schon glücklich mit dieser Situation», fragte der Worldline-Konzernchef Pierre-Antoine Vacheron rhetorisch, als ihn «Schweiz heute» Anfang Jahr auf den Milliarden-Abschreiber der Six ansprach. Immerhin: Durch den klaren Schnitt sind die Fronten inzwischen geklärt. Six wie Worldline haben zudem ihre Führungsetagen komplett ausgetauscht. Das bietet die Möglichkeit eines Neustarts.

Vacheron betonte in diesem Gespräch, dass er den Laden aufgeräumt habe und der «Dirty-Payments»-Skandal der Vergangenheit angehöre. «Wir haben unser Portfolio bereinigt und sind seit 2024 sauber», sagt Vacheron. Er ist überzeugt, dass so etwas nicht mehr passieren könne. Dazu habe man die Kontrollabteilung über die Händler in Polen zentralisiert und die Überwachung technisch stark ausgebaut. «Wir wollen das Vertrauen Schritt für Schritt wieder aufbauen.»

Der Konzern strafft sich radikal

Der neue Chef hat sein Amt erst im März 2025 angetreten und soll den Konzern aus der Krise führen. Die Kehrtwende will Vacheron bis 2027 schaffen. Anfang dieses Jahr hiess es, nach einer langen Durststrecke soll im laufenden Jahr wieder ein kleines Umsatzwachstum drinliegen.

«Wir haben einen Plan, um wieder auf ein akzeptables Wachstumsniveau zu gelangen», sagte Vacheron damals im Gespräch. Dazu hat sich Worldline eine strenge Schlankheitskur verpasst, konzentriert sich nur noch auf den europäischen Markt und hat andere Geschäftsfelder abgestossen. Das führt dazu, dass rund 30 Prozent der 18'000 Mitarbeitenden gehen müssen – oder durch die Verkäufe einen neuen Arbeitgeber erhalten.

Der Umbau hat Folgen für die Schweiz, einen wichtigen Standort für den Zahlungsriesen. Hier generiert Worldline 15 Prozent des Umsatzes und beschäftigt 660 Mitarbeitende. Zu den Standorten gehören Zürich, Schlieren ZH und Biel BE. Dort entwickelt Worldline die Zahlungsabwicklungssoftware für die meisten europäischen Märkte. «Wir haben hier eine sehr gute Plattform und werden dazu Leute von den Standorten in Italien, Belgien oder Deutschland in die Schweiz holen», sagte Vacheron. Die Zahl der Beschäftigten in der Schweiz soll also trotz des Umbaus stabil bleiben.

Bis die Krise allerdings ganz überwunden ist, dauert es noch. Das zeigt ein Blick in die Halbjahreszahlen, welche die Führung soeben präsentierte. Umsatz und Reingewinn sind weiterhin rückläufig. Auch die Aussicht auf ein kleines Umsatzwachstum im laufenden Jahr musste der Chef nach unten korrigieren. Die Rede ist nun nur noch von stagnierenden bis «marginal positiven» Zuwächsen.

Dennoch zeigte sich Vacheron zuversichtlich. Es brauche Geduld, bis alle Massnahmen greifen würden. Man sei aber auf dem richtigen Weg – und schob fast trotzig nach: «Worldline ist zurück.» Es sind Worte, an denen die Investoren den Chef messen werden. Am Freitag machte der Kurs jedenfalls einen deutlichen Sprung nach oben.

In der Schweiz denkt Bernhard Lachenmeier, der hiesige Geschäftsführer, nicht mehr nur an Krisenbewältigung. Sondern wieder an neue Produkte. Im August lanciert Worldline ein neues, quadratisches Terminal für kleine Händler. Es erinnert an das Gerät von Sumup, akzeptiert anders als die Konkurrenz aber auch Twint.

Es sind kleine Schritte Richtung Neuanfang.

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So funktioniert bargeldloses zahlen / schweiz heute / mop /
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