«Sie räumten mein Restaurant leer»: Franzose erlebte den G8 in Evian hautnah
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
In genau einer Woche wird die Stadt Evian-les-Bains von der Aussenwelt abgeschnitten sein, Trumps Geheimdienst wird das Sagen haben und die Einwohner werden an jeder Strassenecke an Kontrollpunkten streng überwacht. Während die Schweiz alles tut, um die historischen Ausschreitungen von 2003 nicht noch einmal zu erleben – sowohl in Genf als auch in Lausanne –, hat watson einen französischen Gastronomen getroffen, der den G8 hautnah erlebt hat.
Sylvain* war gerade erst Anfang 20, als ihm klar wurde, dass das Lokal, dessen Mitbetreiber er war, während des Gipfels in Zone 1 liegen würde. Ein Gebiet, das die Stadt Evian umfasst, aber auch einige nahegelegene Gemeinden wie Neuvecelle, Publier oder Amphion. Eine streng gesicherte Zone, in der Autos eine Vignette und Anwohner einen personalisierten Ausweis benötigen.
Zunächst wusste er nicht viel mehr, doch es kursierte das Gerücht, sein Restaurant könnte vom Staat beschlagnahmt werden. «Ich war etwas überrascht, da wir vier oder fünf Kilometer vom Zentrum entfernt waren. Man hatte mir gesagt, dass dies eine Möglichkeit sei, aber wir haben nicht wirklich daran geglaubt, und es gab nie einen offiziellen Austausch zu diesem Thema», erzählt er uns auf einer Caféterrasse in der Schweiz. Eine unklare Situation, die sich jedoch rasch zu einer regelrechten Kommandoaktion entwickelte: «Alles ging sehr schnell.»
Kurz darauf erhält Sylvain eine Nachricht von der Gemeinde, in der ihm versichert wird, dass alles in Ordnung sei und er eine Entschädigung erhalten werde. Nun ist er gezwungen, die Schlüssel für das Bistro abzugeben und das Lokal zu verlassen, bis die mächtigsten Staatschefs der Welt wieder abgereist sind.
Anstelle seiner Stammgäste zieht das Pressezentrum ein. Wenige Stunden später schliessen Journalisten aus aller Welt ihre Computer und Drucker in Sylvains Speisesaal an, aber auch im benachbarten Sportzentrum, wo für jedes Medium eine eigene Kabine eingerichtet wurde.
Doch obwohl die Strassen von Genf und Lausanne während des Gipfels buchstäblich in Flammen standen, ist für Sylvain letztendlich alles gut ausgegangen. Die Entschädigung wurde an den Umsatz gekoppelt, und bei seiner Rückkehr in sein Lokal stellte er keinerlei Schäden fest.
Besser noch: Die Mitarbeiter des Staates hinterliessen die Räumlichkeiten nicht nur «fast wie zuvor», sondern die für diesen Anlass errichtete «schöne Holzterrasse» ging sogar in den Besitz des Restaurants über: «Ich habe darum gebeten, und es kam ihnen gelegen, sie nicht abbauen zu müssen.»
Gab es wirklich keinerlei Pannen?
Auch wenn die Beschlagnahmung seines Bistros es ihm ermöglichte, den G8-Gipfel ohne Probleme zu überstehen, hatten viele seiner Kollegen im Zentrum von Evian nicht dieses Glück.
Einige Lokale mussten sogar vorübergehend schliessen, weil die Gäste ausblieben, während die Region zwei Monate vor der tragischen Hitzewelle im August bereits von einer frühen Hitzewelle erfasst wurde. «Die Gastronomen hatten es schwer, über die Runden zu kommen, ja. Das ist nicht wirklich überraschend: Wer möchte schon auf einer Terrasse essen, wenn Polizisten und Soldaten von morgens bis abends jeden kontrollieren?», meint Sylvain.
«Auf jeden Fall bedeutet so ein Gipfeltreffen maximale Sicherheitsvorkehrungen», sagt er, während er sich eine Zigarette anzündet. Wie blickt dieser Grenzgänger, der mittlerweile in der Schweiz arbeitet, auf den G7-Gipfel in seiner Region in den kommenden Tagen? «Sagen wir mal so: Die Welt hat sich verändert, die geopolitische Lage ist heute sehr instabil. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie umfangreich die Sicherheitsmassnahmen sein werden. Vor dreiundzwanzig Jahren waren die Beziehungen zwischen den Ländern deutlich friedlicher.»
Ab dem 11. Juni werden Evian-les-Bains und die umliegenden Gemeinden erneut stillstehen. Ein hochgesicherter Bunker, der diesmal jedoch einen neuen Akteur beherbergen wird, den es 2003 noch gar nicht gab: das Smartphone.
«Daran habe ich vor unserem Treffen auch gedacht», lacht Sylvain. «Ich habe kein einziges Foto, das ich Ihnen zeigen könnte. Damals hatte ich wahrscheinlich ein Nokia 3210 – können Sie sich das vorstellen? Dieses Jahr werden wir dank Smartphones, Drohnen und all der anderen Technologie vielleicht etwas mehr aus dem Inneren von Evian zu sehen bekommen. Wer weiss!»
Die Antwort darauf gibt es in einer Woche.
