Schweiz
Interview

Littering am OASG: Psychologin Mirjam Hauser nennt Gründe für

KEYPIX - Besucherinnen mit Gepaeck am Openair St. Gallen, am Freitag, 26. Juni 2026. Das Openair dauert bis kommenden Sonntag. KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Am Freitag sah alles noch anders aus: Während Zelte sehr ordentlich verpackt zum OASG gebracht wurden, liessen Besucherinnen und Besucher diese nach dem Wochenende oft auf dem Festivalgelände stehen. (Symbolbild) Bild: keystone
Interview

Weshalb Musikfans tonnenweise Abfall auf dem OASG-Gelände zurücklassen

Die Musik ist verklungen, die letzten Festivalbesucherinnen und -besucher haben das Gelände verlassen. Was zurückbleibt, ist eine Menge Abfall. Eine Psychologin erklärt, warum Leute ihren Müll liegen lassen.
30.06.2026, 17:0530.06.2026, 17:05
Jessy Nzuki

Halb kaputte Zelte auf der leeren Wiese, Flaschen und Verpackungsmüll wenige Meter neben einer Mülltonne und leere Bierschachteln an Bushaltestellen – Littering ist auch am Open Air St.Gallen ein Thema. Im Sittertobel sind die Trash Heroes im Einsatz, stellen Abfalleimer bereit und räumen den Besuchenden hinterher. Eine Expertin erklärt, warum die Leute ihren Abfall einfach liegen lassen.

Die Zelte bleiben liegen, der Müll schafft es nicht in den Eimer. Sind Open-Air-Besucherinnen und -Besucher einfach Umweltsünder?
Mirjam Hauser:
Aus unserer Forschung wissen wir, dass Littering an Festivals weniger mit fehlendem Umweltbewusstsein zu tun hat, sondern stark durch die Situation geprägt ist. Gerade an einem Festival ist man in einer spontanen Haltung. Es ist eine ausgelassene Stimmung – Musik und Alkohol. Dann ist es nicht zwingend ein bewusster Entscheid für oder gegen die Umwelt. Sondern man handelt aus Bequemlichkeit oder im Kontext, weniger rational.

Zur Person
Mirjam Hauser ist Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule für Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Sie leitet ein Forschungsprojekt zu wirkungsvollen Massnahmen gegen Littering. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit IGSU, dem Schweizer Kompetenzzentrum gegen Littering, durchgeführt. Das Bundesamt für Umwelt und die beteiligten Städte unterstützen es finanziell.
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Bild: zvg

Welche Rolle spielt dabei die Gruppe?
Der Einfluss der Gruppe verändert das Verhalten. Die Verantwortung ist weniger individuell, sondern man ist Teil eines Kollektivs. Das nennt sich Verantwortungsdiffusion. Es ist weniger sichtbar, ob ich die Person bin, die Abfall liegen lässt. Wenn andere Abfall liegen lassen, dann ist das wie ein stilles Signal, dass man seinen eigenen Abfall auch eher liegen lässt. Es ist eine soziale Norm, dass man sich an dem orientiert, was die anderen machen. Und das ist klar aus der Gruppe heraus geprägt.

Könnte man Festival-Littering auch als Symptom unserer Wegwerfgesellschaft betrachten?
Leider ist das schon ein Symptom unseres extrem schnelllebigen Konsums zu sehr tiefen Preisen. Man bekommt die Artikel so günstig, etwa über Onlineportale, dass es einem nicht wehtut, sie wegzuschmeissen.

Muell liegt auf dem Boden neben wartenden Besuchern, am ersten Tag des Openair St. Gallen, am Donnerstag, 25. Juni 2015, in St. Gallen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Littering beim Open Air St.Gallen ist kein neues Problem: Bereits 2015 blieb eine Menge Müll liegen.Bild: KEYSTONE

Also müssten die Zelte teurer sein?
Das wäre natürlich ideal. Doch man kann die Leute auch nicht zwingen, etwas nicht zu tun. Es braucht Sensibilisierung, etwa für die Produktionsbedingungen und die versteckten Kosten.

Entsteht bei den Leuten, die ihren Abfall liegen gelassen haben, ein Reuegefühl?
Das wäre noch interessant herauszufinden. Ich glaube, wenn man die Leute bewusst darauf ansprechen würde, würden wahrscheinlich viele sagen, dass sie so etwas nicht machen. Es sind eben die Gruppendynamik und der spontane, ausgelassene Zustand, die dazu führen, dass sie sich irrational und nicht ihren Wertehaltungen entsprechend verhalten.

Und was hilft dagegen?
Wir empfehlen, die Umgebung so zu gestalten, dass es den Besucherinnen und Besuchern so einfach wie möglich gemacht wird, die Sachen zu entsorgen. Und das machen viele Festivals natürlich schon, aber vielleicht könnte man noch einen Schritt weiter gehen.

Wie?
Ich denke jetzt ein bisschen über den Tellerrand hinaus: blinkende Abfallkübel zum Beispiel. Weil aufgestellt werden ja schon viele, doch man müsste etwas machen, das auffällt, eine Person aus der Partystimmung herausnimmt und darauf hinweist: Da gehört meine PET-Flasche hin.

Beim Open Air St.Gallen wird für jedes mitgebrachte Zelt ein Depot von 20 Franken verlangt. Wie hoch müsste das Depot sein, damit man die Bequemlichkeit überwindet, um das Geld zurückzubekommen?
Das ist schwierig zu sagen, wahrscheinlich müssten es dynamische Preise sein. Je länger der Festivalbesuch dauert, desto höher müsste das Depot wahrscheinlich ausfallen. Ich vermute, dass man am Anfang des Festivals noch eher in der Situation ist, das Depot zu respektieren. Je länger der Besuch, je später in der Nacht, desto weniger nützt es.

Was sind die Nachteile von Depots?
Sie sind begrenzt wirksam: Man nimmt das Zelt mit, bekommt das Depot zurück und lässt das Zelt dann an der nächsten Strassenecke liegen. Das Problem hat sich verschoben, aber nicht gelöst.

Im Kanton St.Gallen ist Littering strafbar und mit Bussen von 50 oder 200 Franken belegt. Was halten Sie von Littering-Strafen an Festivals?
Ich glaube, bei den Strafen der Gemeinden oder Kantone geht es mehr um Sensibilisierung. Das Ziel ist nicht, die Strafe auszusprechen, sondern eine abschreckende Wirkung hervorzurufen. Der beste Effekt ist, dass in der Öffentlichkeit darüber diskutiert wird, warum die Strafe nötig ist. Psychologisch gesehen sind Strafen kritisch, denn sie heben das Inkorrekte hervor. Man bestimmt inkorrektes Verhalten und das wird dann bestraft. Eigentlich sollte man eher das Gute fördern und nicht umgekehrt.

Ein klassisches Mittel zur Sensibilisierung wären Plakate. Haben diese bei einem Open Air eine Wirkung?
Ich glaube, auf dem Festivalgelände selber nicht – vor allem keine Botschaften mit der Moralkeule. Doch ich könnte mir Plakate vor dem Festival, etwa im Eingangsbereich, vorstellen. Dort könnte man schreiben: «So kannst du dein Zeug entsorgen.»

Passt die Moralkeule auf dem Gelände einfach nicht zum Setting?
Es gibt in der Psychologie den sogenannten Reaktanzeffekt. Wenn die Leute zu einem Verhalten gedrängt oder gar gezwungen werden, kann das bewirken, dass sie mit einer Gegenreaktion antworten. Also genau das machen, was man nicht möchte. Wir spielen mit den Littering-Plakaten schon auf die soziale Norm an. Das ist ähnlich wie bei der Erziehung von Kindern, wenn man sagt: «Der Abfall gehört in den Abfallkübel, weil das besser für die Umwelt ist». Doch zu stark sagen «du musst» oder «mach das Richtige» ist oft nicht zielführend. Man muss den richtigen Ton finden.

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quelle: keystone / ennio leanza
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Wollschaf
30.06.2026 17:20registriert Mai 2024
Selten so einen Artikel mit so viel Rechtfertigungsversuche für nicht rechtfertigendes Verhalten gelesen.
Wem dem so ist, wie Frau Professor sagt, braucht es ihre Stelle und die Unterstützung des Bundes mit Steuergelder gar nicht.
Elternhaus hätte gereicht und wenn das nicht vorhanden ist, wird halt aufgeräumt aber zumindest spart man sich teure Professoren Löhne und Studien.
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Shazuu
30.06.2026 17:25registriert Januar 2022
Man soll nicht immer von früher erzählen, aber das war eindeutig besser. Man nahm seinen Abfall wieder mit. Heute sind viele zu faul, den Abfall nur schon im nächsten Eimer zu entsorgen. Man hinterlässt den Ort so, wie man ihn vorgefunden hat (oder sogar noch sauberer).
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ruedi62
30.06.2026 17:20registriert Juli 2022
Komischerweise sah es bei Goa/Trance festivals ganz anders aus. Da ist am Schluss Ordnung.
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