Das Val Bavona wurde auch schon als das wildeste Tal der Schweiz bezeichnet. Seine Bewohnerinnen und Bewohner sind seit jeher hart im Nehmen.
Wer unter normalen Umständen hier übernachtet, stellt sich auf ein einfaches Leben ein. Gekocht wird auf offenem Feuer oder mit Gas. Strom aus der Steckdose gibt es nur im hintersten Weiler San Carlo und in wenigen Häusern, die zuvorderst im 12 Kilometer langen Bergtal liegen. All die kleinen Siedlungen dazwischen sind nicht an das Elektrizitätsnetz angeschlossen.
Die Geschichte des Tals ist geprägt von Naturkatastrophen. Der Tessiner Schriftsteller Plinio Martini (1923–1979) brachte es in seinem berühmten Buch «Il Fondo del Sacco» (siehe Quellen) auf den Punkt:
Die Fels-Inschrift datiert aus dem Jahr 1594.
430 Jahre später wiederholt sich die Geschichte.
Erneut ist das wahrscheinlich steilste und steinigste Tal des gesamten Alpengebiets von einer verheerenden Naturkatastrophe betroffen. In der Nacht auf Sonntag brachte ein Unwetter den Berg ins Rutschen. Und wieder hat es Fontana am schlimmsten erwischt.
Oberhalb des Weilers lösten sich gewaltige Geröll- und Schlammmassen und rutschten zwischen den steilen Felswänden eine Schlucht hinunter. Auf den bewaldeten Hängen darunter walzten sie alles nieder.
Mehrere der traditionellen Steinhäuser wurden schwer beschädigt oder komplett zerstört. Die einzige Strasse, die durch den Talboden führt, ist auf Hunderten Metern verschüttet worden. Der Murgang transportierte dermassen viel Material, dass die Gegend kaum mehr wiederzuerkennen ist. Mindestens drei Menschen, die in einem Rustico übernachtet hatten, starben.
Am Freitag dann die nächste Hiobsbotschaft: Alle im Tal verbliebenen Menschen müssen evakuiert werden.
Und damit zu Rachele Gadea Martini. Die Tessinerin ist die Direktorin der Fondazione Val Bavona – und die Nichte von Plinio Martini. Gegenüber watson nimmt sie zur Bewältigung der Katastrophe Stellung.
Frau Gadea Martini, was können Sie zur Katastrophe und ihren Folgen für das Tal sagen?
Rachele Gadea Martini: Die Zerstörung, die wir miterlebt haben, lässt uns keine Worte finden, wir sind fassungslos, verloren. Wir waren vor Ort, haben es mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Händen angefasst. Zur Fassungslosigkeit gesellen sich die grossen Verluste, in erster Linie die menschlichen, aber auch die materiellen.
Was ist nun das Wichtigste?
Vor allem in dem Gebiet zwischen Mondada und Fontana hat sich die Landschaft völlig verändert. Jetzt geht es vor allem darum, die Sicherheit und den Zugang zu den Grundbedürfnissen wie Trinkwasser, dessen Quelle im Gebiet von Fontana lag, und die Wiederherstellung der Kommunikationswege zu gewährleisten. Zu diesem Zweck haben die Gemeinden Cevio und Lavizzara eine gemeinsame Spendenaktion gestartet, um mit dem Wiederaufbau zu beginnen (siehe Box unten).
Stiftungspräsident Lorenzo Dalessi äusserte sich an einer Medienkonferenz zur menschlichen Tragödie und der Solidaritäts-Kampagne, die gestartet wurde. Wie engagiert sich nun die Stiftung konkret?
Als Stiftung unterstützen wir die gemeinsame Aktion der Gemeinden Cevio und Lavizzara, um die Mittel für unsere beiden Täler, die als eine Region betrachtet werden, gemeinsam zu beschaffen. In dieser Zeit ist es absolut wichtig, die Kräfte zu bündeln und eng zusammenzuarbeiten. Diese Vorgehensweise ist unabdingbar, um koordiniert vorzugehen, um mit den richtigen Prioritäten zunächst die strukturellen Eingriffe und dann alle anderen notwendigen Arbeiten zu bewältigen. Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir uns an Partner wenden, um gezieltere Hilfe zu erhalten.
Eine kleine Kapelle in Mondada, die von nach Australien ausgewanderten Cavergnesi gestiftet wurde, ist zerstört, und die alte Bogenbrücke, die bei Fontana über den Fluss führt, nicht mehr begehbar. Wie beurteilen Sie die Katastrophe und ihre Folgen aus kulturhistorischer Perspektive?
Diese wertvollen historischen Zeugnisse sind durch die Naturgewalten zerstört worden, unser kulturelles Erbe ist schwer beschädigt worden. Wir können noch nicht sagen, ob dies irreversibel ist oder ob etwas wieder aufgebaut werden kann. Sicherlich wird die Stiftung zu gegebener Zeit Massnahmen ergreifen, um zu erinnern und aufzuwerten.
Frau Gadea Martini, wie soll es aus Ihrer Sicht nun weitergehen im Val Bavona?
Wir werden sicherlich wieder aufstehen, kämpfen und unseren Platz zwischen den Felsen des Bavonatals finden, so wie es unsere Vorfahren getan haben. Wir werden dies tun müssen, um wieder ein aktives Tal zu werden, aber auch und vor allem ein Ort, an dem wir, unsere Familien und unsere lieben Gäste sich sicher fühlen können.
Im Tal besteht ja grundsätzlich ein Bauverbot. Ist ein Wiederaufbau der zerstörten Bauten möglich?
Dies wird eine Evaluierung auf mehreren Ebenen sein, weshalb die Stiftung zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme abgeben kann.
Werden abgesehen von Spenden bereits freiwillige Helferinnen und Helfer gesucht?
Es gibt viele Menschen, die sich freiwillig engagieren. Aber der Einsatz wird nur koordiniert möglich sein. Diese Koordinationsarbeit wird von den Gemeinden durch den Führungsstab geleitet, um die Prioritäten bestmöglich zu setzen und allen eine sichere Arbeit zu ermöglichen. Freiwillige können sich bei der Gemeindekanzlei in Cevio anmelden, unter cancelleria@cevio.ch.