Schweiz
Interview

Naturkatastrophe im Tessin: So stark wurde das Val Bavona verwüstet

Luftbild: Sicht Richtung Val Bavona, wo ein Erdrutsch am 30. Juni 2024 mehrere Menschenleben gefordert, Häuser zerstört und die Strasse verschüttet hat.
Nach einer verheerenden Naturkatastrophe geht im Val Bavona gar nichts mehr. Und wegen neuer drohender Unwetter werden alle Anwohner evakuiert.Bild: Swisstopo
Interview

«Wir werden wieder aufstehen und kämpfen, so wie es unsere Vorfahren getan haben»

Eines der schönsten Täler der Schweiz bangt nach schweren Unwetter-Schäden um seine Zukunft. Die Direktorin der gemeinnützigen Fondazione Val Bavona, Rachele Gadea Martini, nimmt Stellung.
05.07.2024, 16:5206.07.2024, 20:54
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Das Val Bavona wurde auch schon als das wildeste Tal der Schweiz bezeichnet. Seine Bewohnerinnen und Bewohner sind seit jeher hart im Nehmen.

Wer unter normalen Umständen hier übernachtet, stellt sich auf ein einfaches Leben ein. Gekocht wird auf offenem Feuer oder mit Gas. Strom aus der Steckdose gibt es nur im hintersten Weiler San Carlo und in wenigen Häusern, die zuvorderst im 12 Kilometer langen Bergtal liegen. All die kleinen Siedlungen dazwischen sind nicht an das Elektrizitätsnetz angeschlossen.

Die Geschichte des Tals ist geprägt von Naturkatastrophen. Der Tessiner Schriftsteller Plinio Martini (1923–1979) brachte es in seinem berühmten Buch «Il Fondo del Sacco» (siehe Quellen) auf den Punkt:

«Die wenigen Nachrichten, die unsere Vorfahren uns überliefert haben, betreffen nur Unglücksfälle; wie in Fontana, wo auf einem Felsblock mitten im Geröll ein Aufschrei eingehauen ist, von dem man nicht weiss, ob er ein Gebet oder einen Fluch be­deu­ten soll: ‹Jesus Maria, hier war schönes Land!› Damals hatten sie nicht genug Atem, um mehr zu sagen.»

Die Fels-Inschrift datiert aus dem Jahr 1594.

430 Jahre später wiederholt sich die Geschichte.

Erneut ist das wahrscheinlich steilste und steinigste Tal des gesamten Alpengebiets von einer verheerenden Naturkatastrophe betroffen. In der Nacht auf Sonntag brachte ein Unwetter den Berg ins Rutschen. Und wieder hat es Fontana am schlimmsten erwischt.

Oberhalb des Weilers lösten sich gewaltige Geröll- und Schlammmassen und rutschten zwischen den steilen Felswänden eine Schlucht hinunter. Auf den bewaldeten Hängen darunter walzten sie alles nieder.

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Verheerender Erdrutsch im Val Bavona
Es passierte in der Nacht auf Sonntag, 30. Juni 2024. Seither ist in Fontana nichts mehr so, wie es war.
quelle: keystone / michael buholzer
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Mehrere der traditionellen Steinhäuser wurden schwer beschädigt oder komplett zerstört. Die einzige Strasse, die durch den Talboden führt, ist auf Hunderten Metern verschüttet worden. Der Murgang transportierte dermassen viel Material, dass die Gegend kaum mehr wiederzuerkennen ist. Mindestens drei Menschen, die in einem Rustico übernachtet hatten, starben.

Am Freitag dann die nächste Hiobsbotschaft: Alle im Tal verbliebenen Menschen müssen evakuiert werden.

Das Krisengebiet wird geräumt
Wegen der für die nächsten Tage erwarteten Regenfälle sind weitere Vorsichtsmassnahmen ergriffen worden, wie der regionale Notfallstab am Freitag mitteilte, der zur Bewältigung der katastrophalen Ereignisse im Vallemaggia gebildet worden ist. Die Bevölkerung werde fast gänzlich mit Helikoptern evakuiert. Für Samstag seien weitere Evakuierungen geplant.

Alle Bewohner werden gebeten, die betroffenen Gebiete in Absprache mit den betroffenen Gemeinden und den Rettungsdiensten zu verlassen. Anschliessend werden die Strassenzufahrten zu den von den Massnahmen betroffenen Gebieten für den Individualverkehr gesperrt, wie es weiter hiess.

Von den Evakuierungsplänen ausgenommen ist offenbar der hinterste Weiler im Bavonatal, San Carlo.​

Und damit zu Rachele Gadea Martini. Die Tessinerin ist die Direktorin der Fondazione Val Bavona – und die Nichte von Plinio Martini. Gegenüber watson nimmt sie zur Bewältigung der Katastrophe Stellung.

Das Interview

Frau Gadea Martini, was können Sie zur Katastrophe und ihren Folgen für das Tal sagen?
Rachele Gadea Martini:
Die Zerstörung, die wir miterlebt haben, lässt uns keine Worte finden, wir sind fassungslos, verloren. Wir waren vor Ort, haben es mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Händen angefasst. Zur Fassungslosigkeit gesellen sich die grossen Verluste, in erster Linie die menschlichen, aber auch die materiellen.

Was ist nun das Wichtigste?
Vor allem in dem Gebiet zwischen Mondada und Fontana hat sich die Landschaft völlig verändert. Jetzt geht es vor allem darum, die Sicherheit und den Zugang zu den Grundbedürfnissen wie Trinkwasser, dessen Quelle im Gebiet von Fontana lag, und die Wiederherstellung der Kommunikationswege zu gewährleisten. Zu diesem Zweck haben die Gemeinden Cevio und Lavizzara eine gemeinsame Spendenaktion gestartet, um mit dem Wiederaufbau zu beginnen (siehe Box unten).

Stiftungspräsident Lorenzo Dalessi äusserte sich an einer Medienkonferenz zur menschlichen Tragödie und der Solidaritäts-Kampagne, die gestartet wurde. Wie engagiert sich nun die Stiftung konkret?
Als Stiftung unterstützen wir die gemeinsame Aktion der Gemeinden Cevio und Lavizzara, um die Mittel für unsere beiden Täler, die als eine Region betrachtet werden, gemeinsam zu beschaffen. In dieser Zeit ist es absolut wichtig, die Kräfte zu bündeln und eng zusammenzuarbeiten. Diese Vorgehensweise ist unabdingbar, um koordiniert vorzugehen, um mit den richtigen Prioritäten zunächst die strukturellen Eingriffe und dann alle anderen notwendigen Arbeiten zu bewältigen. Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir uns an Partner wenden, um gezieltere Hilfe zu erhalten.

Eine kleine Kapelle in Mondada, die von nach Australien ausgewanderten Cavergnesi gestiftet wurde, ist zerstört, und die alte Bogenbrücke, die bei Fontana über den Fluss führt, nicht mehr begehbar. Wie beurteilen Sie die Katastrophe und ihre Folgen aus kulturhistorischer Perspektive?
Diese wertvollen historischen Zeugnisse sind durch die Naturgewalten zerstört worden, unser kulturelles Erbe ist schwer beschädigt worden. Wir können noch nicht sagen, ob dies irreversibel ist oder ob etwas wieder aufgebaut werden kann. Sicherlich wird die Stiftung zu gegebener Zeit Massnahmen ergreifen, um zu erinnern und aufzuwerten.

Blick in die kleine Kapelle in Mondada, Val Bavona.
Diese 1854 beim Weiler Mondada errichtete Gedenkstätte wurde dem Erdboden gleichgemacht.Bild: watson

Zur Geschichte der Kapelle:

«Im Jahr 1854 zogen einundzwanzig Cavergnesen nach Australien. Die Gemeinde streckte ihnen das Reisegeld zinsfrei vor, und die Väter standen mit dem Wenigen, das sie besassen, für ihre Söhne gut. Der Älteste der einundzwanzig Auswanderer war dreissig Jahre alt, manche liessen ihre Frau zu Hause zurück. Sie schifften sich in Hamburg ein, wohin fast alle auf Schusters Rappen gelangt waren. Zu Weihnachten ge­rieten sie vor der afrikanischen Küste in einen gewaltigen Sturm, und da sie keinen Ausweg mehr sahen, gelobten sie der Madonna, die Kapelle della Mondada zu errichten.

In den Goldminen von Australien lernten sie die Kunst, ein paar Goldkörner zu schlucken, wenn der Aufseher ihnen gerade den Rücken kehrte, und so brachten die armen Teufel schliesslich auch ein bisschen gestohlenes Gut nach Hause, soweit man das Stehlen nennen kann.»
Plinio Martini, «Il Fondo del Sacco»

Frau Gadea Martini, wie soll es aus Ihrer Sicht nun weitergehen im Val Bavona?
Wir werden sicherlich wieder aufstehen, kämpfen und unseren Platz zwischen den Felsen des Bavonatals finden, so wie es unsere Vorfahren getan haben. Wir werden dies tun müssen, um wieder ein aktives Tal zu werden, aber auch und vor allem ein Ort, an dem wir, unsere Familien und unsere lieben Gäste sich sicher fühlen können.

Im Tal besteht ja grundsätzlich ein Bauverbot. Ist ein Wiederaufbau der zerstörten Bauten möglich?
Dies wird eine Evaluierung auf mehreren Ebenen sein, weshalb die Stiftung zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme abgeben kann.

Werden abgesehen von Spenden bereits freiwillige Helferinnen und Helfer gesucht?
Es gibt viele Menschen, die sich freiwillig engagieren. Aber der Einsatz wird nur koordiniert möglich sein. Diese Koordinationsarbeit wird von den Gemeinden durch den Führungsstab geleitet, um die Prioritäten bestmöglich zu setzen und allen eine sichere Arbeit zu ermöglichen. Freiwillige können sich bei der Gemeindekanzlei in Cevio anmelden, unter cancelleria@cevio.ch.

Solidarische Gemeinden
Die Fondazione Val Bavona informiert auf ihrer Website, dass die Strasse durchs Bavonatal wegen des katastrophalen Ereignisses vorläufig geschlossen bleibe und alle Aktivitäten bis auf Weiteres eingestellt seien. Wer etwas Geld spenden könne, solle dies bitte im Rahmen der örtlichen Solidaritäts-Aktion «Ricostruiamo insieme la Bavona e la Lavizzara» tun, die von den Gemeinden Cevio und Lavizzara gemeinsam ins Leben gerufen worden ist. Und zwar an das folgende Spenden-Konto (IBAN): CH18 0076 4224 7339 0200 1.

Quellen

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