Bericht zum Fall Ramiswil: 21 Hunde hätten nicht zwingend eingeschläfert werden müssen
Im November 2025 schläferte das Solothurner Veterinäramt auf einem Hof in Ramiswil 122 Hunde ein. 43 Pferde und zwei Ziegen wurden beschlagnahmt. Die Behörden verteidigten die drastischen Massnahmen damit, dass die Tiere «nicht mehr zu retten» gewesen seien.
Die Auswertung von vier der 122 getöteten Hunde am Institut für Tierpathologie der Universität Bern ergab aber ein anderes Bild: Die Tiere seien gut genährt gewesen, der Pflegezustand mässig. Bilder, die Schweiz Heute exklusiv vorliegen, zeigen einen Hund mit einer mutmasslichen Schusswunde und Tiere mit weissen, sauberen Fellen.
Waren die Tötungen also ungerechtfertigt? Diese Frage sollte die Anwaltskanzlei Kellerhals Carrard im Auftrag des Veterinäramts untersuchen.
Am Freitagmorgen stellte die Kanzlei ihre Befunde vor und die Solothurner Regierungsrätin Sibylle Jeker (SVP) nahm ebenfalls Stellung. Die Pressekonferenz kannst du oben im Video nachschauen. Jeker hielt bei der Präsentation des externen Berichts vor den Medien fest, der Fall Ramiswil sei ausserordentlich anspruchsvoll gewesen. Der Veterinärdienst sei von der Tierhalterin getäuscht und hingehalten worden.
Das steht im Bericht
Die externe Untersuchung hat ein mangelndes Risikobewusstsein bei den Behörden festgestellt. Der Veterinärdienst hat demnach auch zu viel auf Administration gesetzt. Ein Fall Ramiswil darf sich laut Jeker nicht mehr wiederholen. Der Bericht kommt zum Schluss, dass die Eskalation auf dem Hof nicht auf einen einzelnen Fehlentscheid oder ein punktuelles Versagen zurückzuführen sei.
Gründe waren laut Bericht zu viel Administration beim Vollzug, zu wenig Risikobewusstsein und zu viel Vertrauen in die Tierhalterin. Besonders bei den Hunden seien die rassenspezifischen Risiken zu lange unterschätzt worden. Dem Veterinärdienst attestiert der Bericht ein professionelles Handeln.
Der Bericht kommt zum Schluss, dass es richtig war, 99 der 122 Hunde einzuschläfern. Diese 99 Tiere waren klar als Herdenschutzhunde identifizierbar. Realistische Alternativen hätten gefehlt, die Hunde hätten weder platziert noch als Schutzhunde eingesetzt werden können. Zudem hätten erhebliche Tierschutz- und Sicherheitsrisiken bestanden.
Bei den übrigen 23 Hunden hingegen sei keine genügend differenzierte Triage vorgenommen worden; hier sei die Euthanasie nicht zwingend alternativlos gewesen. Ausser bei zwei Hunden, die aufgrund ihres Gesundheitszustandes ebenfalls hätten eingeschläfert werden müssen.
So reagiert der Kanton Solothurn
Nach Veröffentlichung des Untersuchungsberichts will der Kanton Solothurn verschiedene Massnahmen ergreifen. Regierungsrätin Jeker stellte in Aussicht, der Bericht werde vertieft analysiert und konkrete Massnahmen ausgearbeitet. So solle die Arbeit des Amtes für Landwirtschaft und des Veterinärdienstes gestärkt werden. Transparenz sei ihr wichtig, deshalb sei schnell über den Untersuchungsbericht informiert worden.
Michael Daphinoff, Untersuchungsleiter der Anwaltskanzlei Kellerhals Carrard, sagte, es habe mehrere sachgerechte Schritte des Veterinärdienstes gegeben. Der Dienst sei an der Sache von Anfang daran gewesen. Die Koordination und der Austausch im Amt seien gut gewesen. Es habe jedoch der Gesamtüberblick gefehlt. Die wohlwollend-kooperative Grundhaltung gegenüber der Tierhalterin sei zu lange beibehalten worden. Eine frühere systematische Gesamtbeurteilung wäre laut Daphinoff angezeigt gewesen.
Kritik von Tierschützern bleibt bestehen
Der Schweizer Tierschutz reagiert mit einer Strafanzeige auf den Untersuchungsbericht zum Tierschutzfall in Ramiswil. Der unabhängige Untersuchungsbericht zum Fall Ramiswil sei ein erschreckendes und bedrückendes Dokument menschlichen Versagens, schrieb der Schweizer Tierschutz (STS) zum am Freitag vorgestellten Bericht. Seine Strafanzeige richtet sich gegen Unbekannt.
Auch die SP Solothurn sieht die Ergebnisse des Berichts kritischer: «Der Tierschutzfall Ramiswil war nicht das Resultat eines einzelnen Fehlentscheids. Vielmehr entwickelte sich über Monate ein Systemversagen. Warnsignale wurden nicht konsequent wahrgenommen und Risiken unterschätzt», schreibt Parteisekretär Fabian Müller in einer Mitteilung.
Die Partei fordert, dass beim Tierschutz nun nicht weiter gespart, sondern dass hier Ressourcen gesprochen werden müssen, damit sich ein solcher Fall nicht wiederholt: «Gute Gesetze allein reichen nicht. Der Kanton muss auch in der Lagesein, sie durchzusetzen. Wer den Vollzug über Jahre kaputtspart, spart am falschen Ort – zulasten des Tierwohls», sagt SP-Kantonsrätin Silvia Fröhlicher. (dab/leo)
