«Es ist der Wahnsinn»: Bauern müssen wegen Trockenheit ihre Kühe schlachten
«3 Franken 50, wer bietet mehr? Niemand?»: Auf dem Parkplatz vor der Badi Burgdorf bleibt es still. Die braun-weiss gefleckte Kuh reisst am Strick, mit dem sie am Unterstand angebunden ist. Einen höheren Kilopreis will niemand zahlen. «Verchouft!», ruft der Versteigerer.
Der Käufer bindet die Kuh los und zerrt sie mit vereinten Kräften zu seinem Viehtransporter. Die Rippen zeichnen sich deutlich ab. Das Tier ist nicht schlachtreif und muss erst noch gemästet werden. Entsprechend hält sich das Interesse am Schlachtviehmarkt in Grenzen. Vor einigen Monaten wäre wohl deutlich mehr für die gleiche Kuh geboten worden.
Jetzt aber kämpfen die Bauern landauf, landab mit der Trockenheit. Vielerorts sind die Wiesen ausgedorrt. Vor allem im Flachland wird frisches Gras knapp. Einige Landwirte müssen deshalb Tiere loswerden. Gleichzeitig halten sich die Käufer bei Kühen zurück, die nicht sofort geschlachtet werden können. Solche Tiere könne er nicht gebrauchen, sagt ein Käufer aus der Region. Auf seinem Handy zeigt er ein Video seiner Weiden: kein Grün, nur Braun. «Es ist der Wahnsinn!»
1353 mehr Kühe und Rinder geschlachtet
«Die Trockenheit ist ein riesiges Problem», sagt auch ein Viehzüchter. Er verfüttere bereits Wintervorräte und müsse Tiere früher zum Schlachten bringen. Den rund zweijährigen Muni neben sich verkauft er einen Monat früher als geplant – einen Monat, in dem das Tier kein zusätzliches Gewicht mehr zulegen kann. Das gehe ins Geld.
Nur wenige Meter entfernt wird gerade eine weiss-schwarze Holstein-Kuh für 5 Franken und 5 Rappen pro Kilogramm versteigert. Das Anfangsgebot lag 35 Rappen tiefer. «Für ein solch gesundes Tier ist das ein guter Preis, doch hätte diese Kuh vermutlich noch einige Wochen gemolken werden können», sagt Ernst Wandfluh. Der Berner SVP-Nationalrat ist der oberste Älpler der Schweiz und präsidiert die Interessengemeinschaft öffentliche Märkte, die pro Jahr rund 60'000 Stück Rindvieh vermarktet. Diese Woche machte er sich am Schlachtviehmarkt in Burgdorf ein Bild der aktuellen Lage.
Die Anspannung ist wegen der hohen Schlachtzahlen gross. Laut aktuellen Zahlen von Proviande wurden letzte Woche 1353 Tiere der Kategorie Grossvieh mehr geschlachtet als in der Vorjahreswoche. Über die vergangenen vier Wochen betrachtet lag die Zahl geschlachteter Rinder und Kühe bei über 31'000 – rund 3500 mehr als im regenreicheren Sommer 2025.
Wandfluh befürchtet einen Teufelskreis: Viehzüchter bringen mehr Tiere zum Schlachten, weil sie Angst vor einem Preiszerfall haben. Das Überangebot drückt die Preise – und löst weitere Panikverkäufe aus. «Problematisch wäre das auch deshalb, weil dann spätestens im Frühling Rinder fehlen würden und Fleischimporte aus dem Ausland nötig wären», warnt Wandfluh. Seine Interessengemeinschaft und der Bauernverband riefen die Viehzüchter deshalb Mitte Juli dazu auf, die Schlachtkühe gestaffelt zu liefern. Hat das etwas gebracht?
Appell des Bauernverbands zeigt Wirkung
Um Punkt 8 Uhr reiht sich in Burgdorf bereits Kuhbein an Gummistiefel. Mehrere Dutzend Bauern stehen mit ihren Kühen an. Insgesamt werden heute 130 Tiere gewogen, geschätzt und versteigert.
«Manchmal bringen die Bauern nur halb so viele Kühe hierhin, der grosse Aufmarsch ist ein schlechtes Zeichen», sagt Wandfluh. Bei anderen Märkten hat der Andrang hingegen nachgelassen. Schweizweit wurden für diese Woche 100 Kühe weniger angemeldet als noch in der Vorwoche, teilt eine Sprecherin des Schweizerischen Bauernverbands mit. Sie betont: «Der Aufruf zeigt Wirkung und ist weiterhin zu befolgen.»
Was sonst droht, lassen Wortgefechte auf dem Parkplatz unterhalb des Schlosses Burgdorf erahnen. «Du musst uns mehr Geld geben», ruft eine Bäuerin einem Käufer zu. «Ich habe selbst fast keines mehr», erwidert dieser trocken. Und ein Dritter kommentiert: «Wir bekommen noch Krach um die Kühe!»
Doch am Ende einigt man sich fast immer. So handelt eine Bäuerin für ihre Kuh 5 Rappen mehr pro Kilo heraus, nachdem sie das letzte Gebot zunächst abgelehnt hat. Theoretisch können die Viehzüchter ihre Tiere nämlich wieder mit nach Hause nehmen. Die Schlachtviehmärkte verschaffen ihnen damit mehr Verhandlungsmacht als eine Direktlieferung an den Schlachthof.
Heu-Zoll rückt in den Fokus
Dort gelten einheitliche Richtpreise. Diese wurden kürzlich um 20 Rappen pro Kilo Schlachtgewicht gesenkt. Für eine 600 Kilogramm schwere Kuh bedeutet das rund 60 Franken weniger Erlös. Normalerweise geraten die Schlachtpreise erst gegen September unter Druck. Allerdings liegt der Richtpreis derzeit trotz Senkung noch über dem Vorjahresniveau.
Wandfluh fordert, der Bund solle wegen der Trockenheit den Zoll auf Importheu aussetzen. Dieser wird monatlich festgelegt; die nächste Möglichkeit für eine Anpassung besteht per 1. August. Der Zoll verteuert 100 Kilogramm Heu aus dem Ausland um rund 4 Franken. Das entspreche etwa 15 Prozent des Preises, sagt Wandfluh. «Für Betriebe, denen das Futter ausgeht, wären die Importe zum Überbrücken wichtig.»
Damit die Schlange am Viehmarkt nicht weiter zunimmt – und aus der Nervosität keine Panik wird. (schweizheute.ch)

