Die Gletscherschmelze in Zermatt bremst auch die Skiprofis aus
Der 1. August wurde für den alpinen Skisport zu einem ungewöhnlichen Einschnitt. Die Zermatt Bergbahnen mussten den Sommerskibetrieb auf dem Theodulgletscher einstellen. Verantwortlich waren nicht primär die Pistenverhältnisse, sondern die Transportanlagen. Die anhaltende Hitze, fehlende nächtliche Abkühlung und die starke Gletscherschmelze beeinträchtigen deren Stabilität.
«Das Problem sind vor allem die Liftmasten. Aufgrund der starken Gletscherschmelze sind sie zurzeit nicht stabil», sagte Walter Reusser, Co-Geschäftsführer von Swiss-Ski, im Interview mit dem «Walliser Boten». Die Situation erinnere an den Sommer 2022, als Zermatt den Betrieb bereits einmal wegen ähnlicher Probleme unterbrechen musste. Auch damals waren die aus dem Eis schmelzenden Masten der entscheidende Faktor.
Für die Schweizer Nationalteams bedeutet die Schliessung deshalb nicht das komplette Aus. Die von den Zermatt Bergbahnen präparierten Trainingspisten bleiben für einzelne Teams von Swiss-Ski weiterhin zugänglich, allerdings unter deutlich erschwerten Bedingungen. Statt mit den Schleppliften werden die Athletinnen und Athleten mit Schneemobilen nach oben transportiert.
«Es ist klar, dass nicht so viele Athletinnen und Athleten trainieren können wie beim regulären Trainingsbetrieb mit Skiliften. Aber insbesondere die Topteams können in Zermatt weitertrainieren», erklärte Reusser.
Swiss-Ski profitiert von Partnerschaft
Die Situation zeigt auch die Bedeutung des vor einem Jahr aufgesetzten Vertrags zwischen Swiss-Ski und den Zermatt Bergbahnen. Die Schweizer Elite-Teams verfügen dadurch weiterhin über Zugang zu einem der wichtigsten Sommerskigebiete Europas. Gerade für die Speedfahrer war Zermatt in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Trainingsstandort geworden. Die Abfahrtstrainings auf fast 4000 Metern Höhe boten Bedingungen, die in vielen anderen Gletscherskigebieten nicht mehr vorhanden sind.
Für ausländische Nationen ist die Lage deutlich komplizierter. Österreichische Teams, die traditionell ebenfalls auf europäischen Gletschern trainieren, verlieren wichtige Möglichkeiten. In tiefer gelegenen österreichischen Gletscherskigebieten sind Sommerstrecken für Speedfahrer bereits weitgehend verschwunden. Nun fallen auch geplante Trainingslager auf dem Zermatter Gletscher weg.
Ausweichen nach Südamerika
Auch prominente Einzelathleten sind betroffen. So muss etwa die zweifache Olympiasiegerin Federica Brignone, die in den sozialen Medien ein Video vom schneearmen Plateau Rosa veröffentlichte und die Entwicklung mit der Musik aus «Titanic» kommentierte, ihr Vorbereitungsprogramm anpassen. Medienberichten zufolge plant die Italienerin eine Fortsetzung des Trainings im südamerikanischen Winter. Chile und Argentinien sind beliebte Destinationen.
Eine mögliche Alternative wäre das zweite grosse Walliser Sommerskigebiet in Saas-Fee. Doch auch dort sind die Kapazitäten begrenzt. Die Bedingungen auf dem Feegletscher sind zwar weiterhin gut, gleichzeitig trainierten zuletzt bis zu 600 Athletinnen und Athleten auf den verfügbaren Pisten. Zusätzliche Teams aus Zermatt aufzunehmen, ist deshalb kaum möglich.
«Wir können nicht einfach so Teams, die für Trainings in Zermatt vorgesehen wären, nach Saas-Fee rüberschicken. Es gibt schlicht keinen Platz mehr», sagte Reusser im «Walliser Boten». Für Swiss-Ski sei dies weniger problematisch als für internationale Verbände, die nun kurzfristig Alternativen für ihre Trainingslager suchen müssten.
Zukunft des Sommerskisports immer unsicherer
Die Schliessung in Zermatt ist mehr als ein kurzfristiges Wetterproblem. Sie ist ein weiteres Zeichen dafür, wie stark der Klimawandel den alpinen Skisport verändert. Die Zeitfenster für Sommertraining auf Gletschern werden kürzer, die Erhaltung der Pisten und Anlagen auf dem Eis aufwendiger.
Martin Hug, CEO der Zermatt Bergbahnen, betonte im Communiqué, dass die Sicherheit der Gäste und Mitarbeitenden oberste Priorität habe. «Sind diese Voraussetzungen nicht mehr erfüllt, wird der Betrieb verantwortungsvoll an die natürlichen Gegebenheiten angepasst», so Hug.
Auch Swiss-Ski sieht die Entwicklung mit Sorge, setzt aber weiterhin auf die Zusammenarbeit mit den Gletschergebieten. Alpin-Direktor Hans Flatscher verwies im Communiqué auf die hervorragenden Verhältnisse, die Zermatt trotz erschwerter Bedingungen bietet: «Wir sind sehr dankbar, dass zumindest einzelne unserer Teams auch in den kommenden Tagen die Möglichkeit haben werden, trotz herausfordernder Rahmenbedingungen Trainingseinheiten in Zermatt absolvieren zu können.» (abu/sda)
