Warum Frühfranzösisch nicht hält, was es verspricht
Die Schweiz wird international für ihre Mehrsprachigkeit bewundert. Das schmeichelt unserem Selbstverständnis. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke. Ausgerechnet dort, wo Mehrsprachigkeit praktisch eingeübt werden soll – in der Volksschule –, zeigt sich diese Lücke deutlich. Der scherzhafte Satz «Sche parl Franzä» bringt das Dilemma auf den Punkt. Er steht sinnbildlich für einen Unterricht, der viel verspricht, aber oft wenig bewirkt. Kinder lernen zwar früh Französisch. Aber lernen sie die Sprache wirklich?
Die Idee des Frühfranzösischs ist bestechend. Kinder lernen Sprachen leichter und müheloser als Erwachsene. Weshalb also nicht möglichst früh beginnen? Die Forschung zeichnet allerdings ein differenzierteres Bild. Nicht das Alter allein entscheidet über den Lernerfolg, sondern vor allem Intensität, Qualität und Kontinuität des Unterrichts. Genau diese Voraussetzungen sind im Schulalltag häufig nicht gegeben. Viele Kinder lernen während Jahren Französisch, ohne je Sicherheit im Sprechen zu entwickeln. Es entsteht eine Art Pseudo-Kompetenz: Man kennt Wörter und ein paar Grammatikregeln, kann sich aber kaum verständigen.
Französisch an der Primarschule kann zur Belastung werden
«Sche parl Franzä» ist deshalb weit mehr als ein Witz – es ist Ausdruck eines strukturellen Problems. Fast die Hälfte der Schülerinnen und Schüler erreicht im Französisch-Leseverstehen die Grundkompetenzen nicht. Im Englisch sind fast neun von zehn erfolgreich – wohl auch, weil ihnen diese Sprache in Musik, Filmen, Games und sozialen Medien ständig begegnet.
Ein Grund liegt in der Überfrachtung des Primarschulstoffs. Frühfranzösisch kommt in einem Alter hinzu, in dem Kinder gleichzeitig lesen und schreiben lernen, mathematische Grundlagen erwerben, soziale Kompetenzen entwickeln und manche zunächst einmal ausreichend Deutsch lernen sollen. Gerade für solche Kinder kann Französisch zu einer zusätzlichen Belastung werden. Was als Förderung gedacht war, verstärkt möglicherweise Bildungsungleichheiten – unbeabsichtigt.
Sprache entsteht durch Praxis. Davon ist der schulische Alltag häufig weit entfernt. Wenige Lektionen, künstliche Dialoge und fehlende Gelegenheiten, Französisch im Alltag anzuwenden, erschweren den Spracherwerb. Viele Kinder lernen Vokabeln – aber sie lernen nicht, die Sprache zu sprechen. Entsprechend gilt Französisch für nicht wenige – oft sind es Knaben – als «Hassfach»: schwierig, lebensfern, unnötig. Auch manche Lehrpersonen erleben einen Unterricht, dessen politische Zielsetzung sie zwar nachvollziehen können, die praktische Umsetzung aber als kaum erfüllbar beurteilen.
Gute Absichten genügen nicht
Die Debatte ist kontrovers. Für die einen ist Frühfranzösisch ein gescheitertes Reformprojekt, für die anderen ein Symbol des nationalen Zusammenhalts. Doch gerade deshalb wird eine wichtige Frage zu selten gestellt: Ist symbolischer Unterricht der beste Weg, um die Verständigung zwischen den Sprachregionen zu fördern? Wer die Schule mit dem Gefühl verlässt, trotz jahrelangen Unterrichts kaum Französisch zu sprechen, entwickelt wahrscheinlich wenig Freude an der Fremdsprache.
Meine Argumentation ist kein Plädoyer gegen Frühfranzösisch, aber eines für einen anderen Umgang mit dem Französischlernen. Früher ist nicht automatisch besser. Manchmal ist später – dafür intensiver und mit mehr Erfolgserlebnissen – der klügere Weg. Sprachaufenthalte und Austauschprogramme statt zusätzliche Arbeitsblätter. Authentische Begegnungen statt Symbolpolitik.
Mehrsprachigkeit bleibt eine Stärke der Schweiz. Gerade deshalb sollten wir sie nicht mit bildungspolitischen Gesten verwechseln. Gute Absichten genügen nicht. Entscheidend ist, ob Kinder eine Sprache am Ende tatsächlich sprechen können. Nicht das Frühfranzösisch ist das Problem, sondern die Verwechslung von frühem Beginn mit erfolgreichem Lernen.
Der Satz «Sche parl Franzä» ist mehr als eine humorvolle Pointe. Er ist ein Warnsignal. Wer die Mehrsprachigkeit stärken will, muss Kinder nicht einfach früher, sondern anders fördern – mit realistischeren Rahmenbedingungen, mehr sprachlicher Praxis und mit Unterricht, der Neugier weckt statt Überforderung produziert. Dann besteht die Chance, dass aus «Sche parl Franzä» eines Tages tatsächlich «Je parle français» wird.
