Chancen von Kindern – grosse Ungleichheit zwischen Arm und Reich
Die reichsten Nationen der Welt werden immer reicher. Doch aktuell wird dieser Reichtum nicht mit der gesamten Gesellschaft gleichsam geteilt. In einem neu erschienenen Bericht der UNICEF werden drei Aspekte von Kinderwohl in 44 als einkommenstark eingestuften Ländern analysiert: physische Gesundheit, mentale Gesundheit und ihre Fähigkeiten.
Die Ungleichheit
Der Bericht hält fest, dass Nationen mit tieferer Einkommensungleichheit bessere Voraussetzungen für die Entwicklung, Bildung und Gesundheit von Kindern bieten als Staaten, die ähnlich reich sind, aber die ökonomische Ungleichheit grösser ist.
Aber trotz des Anstiegs des Reichtums bleibt eine Schere zwischen dem ärmsten und dem reichsten Fünftel. Selbst in den Nationen mit den kleinsten Einkommensunterschieden ist der Lohn der obersten Einkommensklasse rund 3,5 Mal so hoch wie derjenige der untersten. In den ungleichsten Ländern ist es gar sieben Mal so viel. Diese Ungleichheit schlägt sich in verschiedensten Formen auch auf das Leben von Kindern nieder.
Während 73 Prozent der Kinder in reichen Familien in sehr guter körperlicher Verfassung sind, berichten lediglich 58 Prozent des ärmsten Fünftels, körperlich sehr gesund zu sein. Dem Bericht zufolge haben Kinder in schwächeren sozioökonomischen Schichten ein höheres Risiko für Übergewicht. Familien mit einem tieferen Einkommen haben grössere Schwierigkeiten, gesunde und diverse Nahrungsmittel zu kaufen, da diese oft teuer sind.
Gleichzeitig haben die fünf Länder mit der höchsten Einkommenungleichheit auch die höchsten Kindersterblichkeitsraten von allen ausgewerteten Nationen.
Ähnlich sieht es bei der Lebenszufriedenheit aus. 67 Prozent der Kinder, die in stark benachteiligten Familien leben, berichten von hoher Lebenszufriedenheit. Deutlich weniger als die 77 Prozent im obersten Fünftel der Einkommensklassen.
Die Bildung
Besonders deutlich wird der Einfluss der sozioökonomischen Ungleichheit bei der Bildung. Während 83 Prozent der Jugendlichen aus privilegierten Haushalten, sprich in den obersten 20 Prozent der Einkommensklasse, grundlegende Kompetenzen in Mathematik und Lesen erreichen, sind es bei Jugendlichen aus benachteiligten Familien lediglich 42 Prozent.
Am stärksten ausgeprägt ist diese Differenz in Rumänien mit 61 Prozent. Aber nicht weit dahinter – auf Platz 11 – liegt auch bereits die Schweiz.
Die Schweiz
Das Bildungsniveau in der Schweiz ist über alle Einkommensklassen gesehen im internationalen Vergleich relativ hoch. Doch ist auch die Schere zwischen der Bildung der Ärmsten und den Reichsten mit 45 Prozent gross. Damit gehört die Schweiz zu den Ländern mit den grössten schulischen Leistungsunterschieden.
«Die Daten zeigen klar, dass die soziale Herkunft in der Schweiz nach wie vor entscheidend für die Chancen von Kindern ist», sagt Désirée Zaugg, Kinderrechts- und Politikexpertin bei UNICEF Schweiz und Liechtenstein.
Die Analyse zeige ein zentrales Spannungsfeld, heisst es im Bericht weiter. Der Schweizer Sozialstaat schütze zwar vor extremer materieller Not, gleiche aber ungleiche Startbedingungen nur begrenzt aus. Die soziale Herkunft bleibe damit ein entscheidender Faktor für Bildungserfolg und Lebensbedingungen von Kindern.
Gleichzeitig hat sich gemäss der Studie die Situation in den letzten Jahren verschärft: Sowohl die Kinderarmut als auch die Einkommensungleichheit sind in der Schweiz in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 10 Prozent gestiegen. Damit gehört die Schweiz zu den OECD-Ländern mit der stärksten Zunahme.
Aus Sicht der UNICEF zeigt die Analyse, dass zusätzliche Anstrengungen notwendig sind, um allen Kindern gleiche Chancen zu ermöglichen – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.
