«So viele Leute hatte es noch nie»: Erste 24-Stunden-Migros der Schweiz wird überrannt
Es ist Sonntagnachmittag, kurz nach halb vier. Vor der Migros an der Alpsteinstrasse in Herisau stehen Menschen Schlange. Hier kann seit Donnerstagabend rund um die Uhr eingekauft werden. Wer ausserhalb der bedienten Öffnungszeiten in die Filiale will, muss sich am neuen Zugangsterminal verifizieren.
Manche zücken routiniert ihr Smartphone, andere bleiben unsicher davor stehen. Eine Mitarbeiterin der Firma, die das System installiert hat, erklärt geduldig, wie der Zutritt funktioniert, während sich immer mehr Menschen in die Schlange stellen.
Dass der erste Sonntag nach der Umstellung einen solchen Ansturm bringen würde, damit hat offenbar niemand gerechnet. Die Regale wurden am Samstag nach dem bedienten Ladenschluss aufgefüllt. Am Sonntagnachmittag sind sie teilweise leer.
Die Schlange vor den beiden Self-Checkout-Kassen reicht durch die halbe Filiale. Was die Leute kaufen, ist ganz unterschiedlich. Vom einzelnen Produkt im Korb bis zum randvollen Einkaufswagen ist alles zu finden. Die Kundschaft ist bunt gemischt. Junge Erwachsene, Familien mit Kindern, Senioren.
Gelassene Stimmung trotz leerer Regale und blockierter Kassen
Eine 35-jährige Herisauerin, die anonym bleiben möchte, nutzt den Sonntag für eine kurze Auszeit vom Familienalltag. Eine Stunde Me-Time, während ihr Mann mit dem gemeinsamen Kind auf dem Spielplatz ist, wie sie sagt. Eigentlich sei sie nur zufällig vorbeigefahren. Nun wolle sie das neue Angebot ausprobieren.
Um die lange Schlange an den Kassen zu umgehen, wollte sie mit Subito-Go einkaufen, dem Self-Scanning-Angebot der Migros. Mit einem Scanner ging sie durch den Laden und scannte ihre Einkäufe. Blöd nur, dass sie an der Kasse für eine Stichprobenkontrolle ausgesucht wird. Die Kasse verlangt nach Personal und blockiert den Bezahlvorgang. Die Kundin ruft die Notfallnummer an. Sie wird gebeten, auf einen Mitarbeiter zu warten. Die 35-jährige Herisauerin nimmt es gelassen. Dass es nach einer solchen Umstellung zu Problemen kommen könne, sei klar. «Jede Modernisierung braucht ihre Zeit», sagt sie.
Auch eine der beiden Self-Checkout-Kassen ist blockiert – wieder wegen einer Stichprobenkontrolle: «Bitte wenden Sie sich an das Service-Personal». Bleibt also noch eine funktionierende Kasse. Mehrere Dutzend wartende Kunden und nur eine geöffnete Kasse: Da ist schlechte Stimmung garantiert. Würde man meinen. Die meisten nehmen die Wartezeiten mit Humor. Nur ein Mann zeigt sich verärgert. Er habe lediglich Bargeld dabei und fragt laut, ob denn niemand an einer Kasse arbeite. Doch bezahlen lässt sich ausserhalb der bedienten Öffnungszeiten nur mit Karte oder Twint. Schliesslich verlässt er den Laden wütend und ohne Einkauf.
Auch eine junge Mutter verlässt mit ihrem Partner die Migros-Filiale unverrichteter Dinge. Eigentlich wollten sie Zutaten für selbstgemachte Energy Balls kaufen. Die Schlange an der Kasse war ihr aber zu lang. Zudem haben sie die teilweise leeren Regale abgeschreckt. «Es sieht aus wie im Krieg», sagt sie.
«Da haben wir morgen ganz schön zu tun»
Eine Mitarbeiterin, die am Mittag privat in der Filiale einkaufte und wegen der vielen Kunden, die sie angetroffen hatte, am Nachmittag nach dem Rechten sehen wollte, staunt über das Gedränge und die leergekauften Regale. Viele der Gesichter habe sie noch nie gesehen. Und so viele Menschen in «ihrer» Migros erst recht nicht. Offenbar lockt die erste 24-Stunden-Migros der Ostschweiz nicht nur die Bevölkerung aus Herisau an, sondern auch zahlreiche Neugierige aus der Umgebung oder Touristen, die am Sonntagnachmittag aus dem Alpstein zurückkehren.
In der Zwischenzeit ist Filialleiter Rezon Ibraimi eingetroffen. Eine halbe Stunde nach dem Anruf der Kundin, die für eine Subito-Go-Stichprobenkontrolle ausgewählt wurde. Er hat an diesem Wochenende Pikettdienst. Es ist sein erster Einsatz. Innerhalb weniger Minuten behebt er das Problem. Anschliessend telefoniert er mit der Zentrale und schildert die Schwierigkeiten. Die IT arbeite bereits daran, die Abläufe weiter zu verbessern und die Stichprobenkontrollen ausserhalb der bedienten Öffnungszeiten auszuschalten, sagt er.
Auch Ibraimi ist überrascht, wie viele Menschen in der Filiale sind. «So viele Leute hatten wir hier noch nie», sagt er. Bereits am Samstag sei die Filiale sehr gut besucht gewesen, habe er gehört. Selbst in der Nacht auf Sonntag herrschte noch Betrieb. Wer gegen halb zwei Uhr morgens vorbeischaute, traf auf Kundinnen und Kunden. «Da haben wir morgen ganz schön zu tun. Am besten bestellen wir auch gleich mehr Self-Checkout-Kassen», sagt er zu seiner Mitarbeiterin.
Derweil piepsen die Scanner der Self-Checkout-Kassen ununterbrochen weiter. Draussen warten bereits die nächsten Kundinnen und Kunden auf den Zutritt. Der erste Sonntag im Dauerbetrieb zeigt vor allem eines: Das neue Angebot stösst auf weit grösseres Interesse, als selbst die Verantwortlichen erwartet haben. (schweizheute.ch)
