Preisgekrönter Schweizer Autor lebt von 265 Franken Rente – nun sammeln seine Freunde Geld
Es ist wohl ein einmaliger Fall von Künstler-Nothilfe: Via E-Mail wendet sich der neu gegründete Verein Max&Maurice an einen grossen Kreis von Literaturfreunden, unter anderem auch an mich als Kulturjournalisten.
Diese E-Mail hat eine im Kern nicht überraschende, aber in der Dimension geradezu erschütternde Botschaft:
Den Lebensunterhalt müsse er aus seinen Ersparnissen bestreiten, die jedoch rasch dahinschwinden. Zschokke lebt seit 1979 in Berlin – mit seiner Frau.
Prominente Literaturfreunde als Vereinsgründer
Absender der E-Mail sind renommierte Personen aus der Schweizer Literaturszene, die Matthias Zschokke den Gang aufs Sozialamt ersparen wollen: Der emeritierte Literaturprofessor Peter Utz, der Literaturwissenschaftler und Autor Daniel Rothenbühler (Mitgründer des Literaturinstituts Biel) oder die Lektorin Anina Barandun vom Rotpunktverlag, in welchem Zschokkes vorläufig letztes Buch «Der graue Peter» erschienen ist. Ein wunderbarer kleiner Roman, der 2023 für den Schweizer Buchpreis nominiert war.
Ziel des Vereins Max&Maurice ist es, Mitglieder zu finden, die Zschokke jährlich mit mindestens 200 Franken unterstützen, sodass ihm längerfristig eine monatliche Summe von rund 800 Franken überwiesen werden könne. Daniel Rothenbühler betont, Zschokke habe nie um Hilfe gebeten. Die Initiative sei allein von den Vereinsgründern ausgegangen.
Fleissig und preisgekrönt, aber zu geringe Verkäufe
153 Franken plus 122 Euro monatliche Rente: Diese Zahlen sind mehr als verblüffend, ja schockierend. Wie kann es sein, dass ein im Literaturbetrieb etablierter Schweizer Schriftsteller materiell so miserabel dasteht?
Hauptgrund ist, dass Zschokke ganz auf die Schriftstellerei gesetzt hat, die Verkäufe seiner Bücher jedoch kaum je ein existenzsicherndes Einkommen generiert haben, er auf Preisgelder angewiesen war.
Produktiv war Zschokke: In den vergangenen 40 Jahren sind 14 Bücher erschienen, 7 Theaterstücke kamen auf die Bühne und 3 Filme hat er realisiert. Für seinen Debütroman «Max» erhielt er 1982 den Robert-Walser-Preis. Es folgten unter anderem 1996 der Aargauer Literaturpreis (25'000 Franken), 2006 der Solothurner Literaturpreis (15'000 Franken) und im gleichen Jahr ein Schillerpreis (10'000 Franken), 2013 ein Eidgenössischer Literaturpreis (25'000 Franken), 2014 der Grosse Berner Literaturpreis (30'000 Franken).
Zudem erhielt er 2009 als bislang einziger deutschsprachiger Autor den französischen Prix Femina étranger (eine Ehre ohne Preisgeld) für «Maurice mit Huhn». Also eine stolze Lebensleistung als Schriftsteller. Alles dies hat die Altersarmut aber nicht verhindert.
Zu wenig Absicherung, schwache Not-Fallschirme
In den letzten Jahren erhielt Zschokke aus einem Solidaritätsfonds von Pro Litteris noch monatlich rund 700 Franken. Dieser Fonds hat ihm nun angekündigt, dass die Beihilfe ab dem nächsten Jahr gemäss Statuten nicht mehr ausgerichtet werden könne.
Die Fürsorge-Stiftung von Pro Litteris erhält jährlich neun Prozent der eingenommenen Vergütungen für Urheberrechte. Diese Stiftung zahlt Unterstützungsleistungen an Urheber und deren Hinterbliebene, die in eine finanzielle Not geraten sind, insbesondere an solche, welche die Voraussetzungen für eine Altersrente nicht erfüllen. Dabei handelt es sich jedoch um einmalige Beiträge.
Paare haben einen Anspruch auf eine Rente der Fürsorge-Stiftung von Pro Litteris, wenn sie nach Erreichen des AHV-Alters ein Einkommen von maximal 66'667 Franken besteuern. Entscheidend im Fall von Matthias Zschokke ist die weitere Voraussetzung: Er müsste eine Urheberrechts-Entschädigung von insgesamt 1000 Franken oder mehr erhalten haben. Hat er aber nicht mehr, weil er zu wenige Bücher verkauft hat.
Am sichersten wäre die Rückkehr in die Schweiz
Eine sicherere Variante wäre, wenn Zschokke in die Schweiz zurückkehren würde. Dann könnte er hier Ergänzungsleistungen oder Sozialhilfe beantragen. Letztere würde den Grundbetrag für das Paar je nach Kanton mit rund 1620 Franken decken, von denen die beiden Altersrenten abgezogen würden. Krankenkasse und Wohnungsmiete übernimmt jeweils das Sozialamt.
Für den Betroffenen ist diese finanzielle Notlage unangenehm und belastend. Mehrere Anfragen für ein Gespräch liess Zschokke unbeantwortet. Er wolle nicht an die Öffentlichkeit, liess er über den Präsidenten des Vereins Max&Maurice ausrichten.
Wir hätten ihm gerne ein paar Fragen gestellt, etwa weshalb er nicht frühzeitig einen einkommenssichernden Nebenerwerb angenommen habe, weil die Existenz als freier Schriftsteller bekanntlich ein finanzielles Risiko ist. Oder ob er sich überlege, in die Schweiz zurückzukehren. Oder ob er den jüngeren Kolleginnen und Kollegen ein paar Tipps geben möchte.
Was uns dieser spezielle Fall angeht
Soll man dennoch in aller Ausführlichkeit über diesen Fall berichten? Wir haben uns dafür entschieden, weil dieser spezielle Einzelfall ein grelles Schlaglicht auf die Situation von freien Kulturschaffenden wirft. Wenn einer durch alle Maschen eines Sicherungsnetzes fällt, zeigt das exemplarisch, welche Risiken eine Künstlerexistenz mit sich bringt. Risiken, die auf der einen Seite auf das Konto der Selbstverantwortung gehen.
Bei jüngeren Literaturschaffenden stellt man in dieser Hinsicht ein hohes Bewusstsein fest – dies auch dank den neueren Ausbildungen. Auf der anderen Seite stellt sich die grundlegende, auch politische Frage, was uns als Gesellschaft die Freie Kunst wert ist, wie man diese fördert und wie man Altersarmut verhindert.
Das fängt bei fairen Gagen und Honoraren an, geht über verpflichtende Gagenanteile für soziale Vorsorge bis hin zu Förderinstrumenten, die ein längerfristiges Arbeiten ermöglichen und schliesslich zu Sonderregelungen in der Altersvorsorge für selbstständige Kunstschaffende. Vielleicht hilft die Transparenz und Öffentlichkeit im Fall Zschokke, diese Debatte voranzutreiben.
