Wo in der Schweiz Kinderärzte besonders knapp sind
Im Jahr 2024 waren schweizweit 1499 Kinderärztinnen und Kinderärzte in der Grundversorgung tätig, wie die Universität in einer Mitteilung vom Dienstag erklärte. Umgerechnet auf ihre tatsächlichen Arbeitspensen entspricht dies rund 1017 Vollzeitstellen. Damit kommt im Schweizer Durchschnitt eine vollzeitarbeitende Kinderärztin oder ein Kinderarzt auf rund 1600 Kinder.
Besonders gut ist die Versorgung in Genf. Dort kommt eine Vollzeitstelle auf etwa 750 Kinder. Auch Basel-Stadt, Waadt und Tessin schneiden mit rund 1100 Kindern pro Vollzeitstelle vergleichsweise gut ab.
Ganz anders sieht die Situation in anderen Kantonen aus. In Appenzell Ausserrhoden kommen auf eine Vollzeitstelle rund 4750 Kinder, in Obwalden etwa 4150. In Schaffhausen sind es 3550, im Thurgau rund 3100.
«Wir waren überrascht, wie gross die Unterschiede zwischen den Kantonen sind», sagt Lorenz Leuenberger, Erstautor der Studie, Kinderarzt in Ausbildung und Doktorand an der Universität Bern.
Teilzeitarbeit und hohe Belastung
Als zentrale Faktoren für die Engpässe identifizierte die Studie die verbreitete Teilzeitarbeit, die Arbeitsbelastung und finanzielle Anreize. 87 Prozent der Kinderärztinnen und -ärzte in der Grundversorgung arbeiteten Teilzeit, im Mittel rund 35 Stunden pro Woche. Pro Tag betreuten sie durchschnittlich 22 Kinder, in schlecht versorgten Kantonen stieg diese Zahl auf bis zu 44.
Als Gründe für die sinkende Attraktivität des Berufs nannten die Befragten die hohe administrative Last, gestiegene Erwartungen von Eltern und das finanzielle Risiko einer eigenen Praxis. Zudem sei die Dichte an Kinderärzten in Kantonen mit besser vergüteten medizinischen Leistungen höher.
Wenn die Praxis keinen Platz mehr hat
Eine Folge davon ist auch in den Kinderspitälern spürbar. Eltern, die keinen Termin beim Kinderarzt erhalten, gehen mit ihren Kindern teilweise direkt auf eine Notfallstation – auch dann, wenn kein eigentlicher Notfall vorliegt.
Das belastet die Spitäler zusätzlich und kann für Familien teuer und umständlich werden. Gleichzeitig geht ein Vorteil der hausärztlichen beziehungsweise kinderärztlichen Grundversorgung verloren: die kontinuierliche Betreuung durch eine vertraute Ärztin oder einen vertrauten Arzt.
Claudia Kuehni, Professorin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern und Leiterin der Studie, sieht deshalb Handlungsbedarf. Die Ergebnisse schafften eine Grundlage, um gesundheitspolitische Massnahmen gezielt dort einzusetzen, wo die Versorgung besonders knapp sei.
Die in der Fachzeitschrift «Swiss Medical Weekly» veröffentlichte Studie der Universität Bern basiert auf einer landesweiten Befragung der klinisch tätigen, fachärztlich ausgebildeten Mitglieder der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie. Rund 60 Prozent nahmen daran teil. Die Angaben wurden mit Daten der Ärztegesellschaft FMH und des Bundesamts für Statistik kombiniert. (sda)
