Der nächste Makel wartet schon: Wie Looksmaxxing Männer unter Druck setzt
Wenn Freunde ihn fragen, wohin seine Mimik verschwunden sei, erzählt Loris* von den Spritzen.
Vor zwei Monaten hat sich der 25-Jährige Botox in die Stirn und oberhalb der Augenbrauen injizieren lassen. Die Haut ist glatter geworden, sein Gesicht bewegt sich weniger. Loris gefällt das Resultat. «Ich hatte einen Ego-Boost», sagt er. «Ich nahm mich selbst anders wahr.»
Die Behandlung fiel in eine Zeit, in der Loris gerade wieder begann, sich wohler mit sich selbst zu fühlen. Zuvor war es ihm psychisch länger nicht gut gegangen. Er schlief zu wenig, ernährte sich meistens ungesund und kümmerte sich kaum um sich. Je schlechter er sich innerlich fühlte, desto weniger mochte er sein Spiegelbild.
Schon mit 18 dachte Loris erstmals ernsthaft über einen Schönheitseingriff nach. Damals störte ihn seine Nase. Später beschäftigte ihn seine Oberlippe. Dann die Wangenknochen, die Jawline. «Wenn man sich auf solche Dinge fokussiert, sieht man immer mehr.»
Viele der vermeintlichen Makel, über die er lange nachdachte, stören ihn heute nicht mehr. «Ich bin mega froh, dass ich an meiner Nase und der Oberlippe nichts gemacht habe.» Doch Botox erschien ihm als kleinerer Schritt: schnell gemacht und weitgehend reversibel. «Ich dachte: Ich habe nichts zu verlieren.» Er ist damit kein Einzelfall.
So viele Männer lassen ihr Gesicht optimieren
Eine Erhebung des Gottlieb Duttweiler Instituts zeigt ebenfalls, dass ästhetische Eingriffe bei Männern längst keine reine Randerscheinung mehr sind. Acht Prozent der befragten Männer gaben an, Botox zu nutzen. Bei den Frauen waren es sechs Prozent.
Ein 20-Jähriger erzählt watson anonym, er habe bereits mehrere ästhetische Behandlungen machen lassen. Auch in seinem Freundeskreis sei das verbreitet. «Ich habe kleine Sachen im Gesicht machen lassen: Jawline, Chin, Botox in der Stirn, in den Backen und in den Achseln», sagt er. «Alles, was ein Mann machen kann, habe ich gemacht.»
Laut der GDI-Studie fühlen sich Frauen zwar nach wie vor stärker unter Druck, schön, gesund und leistungsfähig zu wirken – bei jüngeren Menschen aber nimmt er unabhängig vom Geschlecht zu. Und auch Männer richten den optimierenden Blick zunehmend auf sich selbst: Früher waren es Muskeln, Bart, Haare. Nun rückt das Gesicht stärker in den Fokus.
Die Trendforscherin Christine Schäfer vom GDI beobachtet einen Unterschied: «Frauen investieren häufiger in kontinuierliche Pflegeroutinen, Männer setzen eher auf punktuelle Eingriffe wie Botox, Zahnästhetik oder Haartransplantationen. Also möglichst wenig Aufwand für eine möglichst sichtbare Wirkung.»
Damit wollen Männer aber nicht einfach nur schön aussehen. Laut Schäfer stehen die Veränderungen für Statussymbole: Kieferlinie, Sixpack und inzwischen das «biologische Alter» sollen Disziplin und Kontrolle ausstrahlen. Der optimierte Körper wird zum Zeichen dafür, dass jemand an sich arbeitet und sich im Griff hat.
Loris kennt diesen Druck aus seinem Umfeld. Männer verglichen sich im Gym und werteten einander ab, sagt er. Wer kleiner sei oder weniger Muskeln habe, werde teilweise behandelt, als sei er weniger wert. In der queeren Community, in der er sich bewege, nehme er die Bedeutung von Aussehen noch stärker wahr als unter vielen heterosexuellen Männern.
Doch allgemein spüre er: «Die Männer machen sich den Druck selbst.»
Pretty Privilege ist real – aber begrenzt
Der sogenannte Halo-Effekt, oder auch Pretty Privilege, ist seit Jahrzehnten erforscht: Wer schön aussieht, wird häufig automatisch für kompetenter und vertrauenswürdiger gehalten. Attraktivität kann beeinflussen, wie viel Aufmerksamkeit jemand erhält und wie andere die Person behandeln. Die Frage ist nur, wie attraktiv man dafür sein muss.
Rabea Weihser, Autorin des Buches «Wie wir so schön wurden», verweist auf Studien, wonach der Halo-Effekt bereits bei durchschnittlichen Gesichtern messbar ist. Man muss nicht wie ein Model aussehen. Oft genügt ein Gesicht, das innerhalb der jeweiligen Gesellschaft unauffällig und vertraut wirkt. «Das Pretty Privilege ist real, aber wird ein bisschen überbewertet», sagt Weihser.
Auch nach oben hat der Vorteil Grenzen: Wer als aussergewöhnlich attraktiv gilt, dem wird teils Eitelkeit oder Oberflächlichkeit unterstellt – besonders Frauen in der Arbeitswelt, sagt Weihser.
Auf Social Media scheint diese Einschränkung zu verschwinden. Dort sieht niemand den Durchschnitt seines Büros, sondern kuratierte Bilder, mit Filtern geglättet Haut, chirurgisch geformte Gesichter und zunehmend KI-generierte Personen, deren Proportionen kein Mensch erfüllen kann. Weihser spricht von einer ästhetischen Parallelwelt. Wer sich an ihr orientiert, prüft ständig, wo er auf einer imaginären Rangliste steht. Aus einem realen, begrenzten Vorteil wird eine radikale Behauptung: Nur wer aussergewöhnlich attraktiv ist, wird begehrt, geliebt, erfolgreich.
Hier kann Looksmaxxing beginnen.
Wie Looksmaxxing funktioniert
Der kanadische Soziologe Michael Halpin hat in einer Studie über 8000 Kommentare in einer grossen Looksmaxxing-Community ausgewertet. Der Mechanismus sei oft derselbe, sagt er zu watson: Am Anfang steht ein Selfie, dann hagelt es Kommentare. Entweder Online, in einer App, einer Telegram- oder Discord-Gruppe oder auf Tiktok laden junge Männer Bilder von vorne und im Profil hoch.
Andere Männer bewerten dann die Augenwinkel, Kiefer und Gesichtsproportionen, Symmetrie, Körpergrösse und vergeben Punkte. An der Spitze der Hirarchie steht der Chad» – der angeblich nahezu perfekte, genetisch überlegene Mann. Darunter folgen verschieden hoch eingestufte «Normies». Als «Sub-5» gelten dann Männer, die auf einer Zehn-Punkte-Skala weniger als fünf Punkte erreichen sollen. Am unteren Ende taucht der Begriff «subhuman» auf – untermenschlich.
Durchschnittlich zu sein reicht in der Looksmaxxing-Szene laut Halpin nicht. «Diese Communitys verkaufen jungen Männern die Idee, dass nur ihr körperliches Erscheinungsbild zählt.» Nur die attraktivsten Männer hätten angeblich Chancen auf Beziehungen, Sex oder beruflichen Erfolg. Begründet wird das mit wissenschaftlich klingenden Begriffen.
Sie sprechen vom «Canthal Tilt», der Neigung der Augenwinkel, vom «Gonial Angle» des Unterkiefers oder von «Facial Thirds», den vermeintlich idealen Proportionen zwischen Stirn, Mitte des Gesichts und Kinn. Dass Forschungsergebnisse dabei massiv überdehnt würden, werde ignoriert, sagt Halpin. «Ein Beispiel: Wird ein Gesicht mit kleinerer Nase durchschnittlich mit 7,1 Punkten bewertet und eines mit grösserer Nase mit 6,9, macht die Szene daraus schnell eine Regel für Erfolg und Misserfolg. Im Alltag sieht jedoch niemand eine isolierte Nase. Menschen erleben auch Stimme, Bewegung, Humor und Ausstrahlung.»
Für Looksmaxxer bedeutet das wenig. Dating läuft schlecht? Der Augenwinkel ist schuld. Kein Erfolg im Job? Der Nasolabialwinkel ist zu spitz. Jemand fühlt sich übersehen? Die Körpergrösse muss die Ursache sein. Um diese Probleme zu behebe,n sagt Halpin, erhalten Männer auf ihre Fotos von der Community teils bis zu 16 Eingriffe, Medikamente oder Hormone vorgeschlagen. Manche raten Minderjährigen zu Operationen, kleineren Männern zu schmerzhaften Beinverlängerungen oder zu Substanzen vom Schwarzmarkt.
Doch selbst Männer mit guten Bewertungen entkommen der Kritik nicht. Einer lobt die Nase, der nächste findet den Augenwinkel falsch. «Perfektion ist ein bewegliches Ziel», sagt Halpin. Die Szene verspricht einen objektiv perfekten Mann. Doch sie erlaubt niemandem, dieser Mann zu sein.
Forschung, die der eigenen Weltsicht widerspricht, wird von Looksmaxxern dagegen ignoriert. Ärztinnen und Ärzte, die vor riskanten Eingriffen warnen, gelten in extremen Fällen als Gatekeeper, die gewissen Männern den Zugang zur Attraktivität verwehren wollten. Wer innerhalb der Community sagt, Aussehen sei nicht alles, wird verspottet oder ausgeschlossen. Übrig bleibt eine Bubble, in der Männer einander dieselbe Weltsicht bestätigen.
Wenn kein Ergebnis die Suche beendet
In der Looksmaxxing-Szene geht es angeblich darum, bei Frauen und im Leben erfolgreicher zu werden. Doch bewertet werden die Männer vor allem von anderen Männern.
Rabea Weihser sieht darin einen männlichen Blick, der sich gegen Männer selbst richtet: «Der Male Gaze hat Frauen lange auf ihren Körper und ihr erotisches Kapital reduziert. Nun beginnen Männer, sich auf ähnliche Weise zu betrachten.» Sie geraten in einen Konkurrenzraum, dessen Regeln sie selbst aufstellen – oft ohne ernsthaften Abgleich damit, was Frauen tatsächlich attraktiv finden. «Das System Looksmaxxing dreht hohl», sagt Weihser. «Es ist ein in sich geschlossener Zirkel der Selbstbeschäftigung.»
Loris bewegt sich nicht in dieser extremen Szene. Doch er versteht, wie Männer da hineingeraten können: Auch er machte aus seinem Gesicht zeitweise eine Liste möglicher Verbesserungen.
Inzwischen macht er aber wieder Sport, ernährt sich bewusster und unternimmt mehr mit Freunden. Er geht aus, fährt spontan an einen See oder wandern. «My prime is coming back», sagt er. Auch wegen des Botox.
Und auch Michael Halpin sagt, dass ein einzelner Eingriff noch nicht in die Looksmaxxing-Szene führe. «Botox oder eine Nasenkorrektur könnten durchaus dafür sorgen, dass sich jemand wohler fühlt.» Problematisch werde es, wenn kein Ergebnis die Suche beendet.
Von dieser Unzufriedenheit profitiert die Schönheitsindustrie. Ein Eingriff bringt einmal Umsatz, ein Makel nach dem anderen schafft Stammkunden. Bei Botox kommt hinzu: Die Wirkung lässt nach. Wer das Resultat behalten will, muss wiederkommen.
Auch Loris Stirn wird sich in einigen Monaten wieder stärker bewegen. Vielleicht lässt er das Botox dann auffrischen, sagt er. Das Ergebnis gefällt ihm, der Ego-Boost war real.
Doch er wisse nun: Wer nach Fehlern sucht, findet immer neue.
*Name geändert.
