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Looksmaxxer Clavicular verhaftet: Das ist jetzt also dieses neue Alpha

Looksmaxxer Clavicular verhaftet: Das ist jetzt also dieses neue Alpha

30.03.2026, 19:4030.03.2026, 19:40

Da sitzt er, Braden Eric Peters, 21, und wartet auf die Interviewfragen von Channel 5. Breitbeinig sitzt er da wie ein Cowboy im zu kleinen T-Shirt. Über seinen Bizeps spannt sich deutlich eine dicke Ader. Das muss so sein. Genau wie das aalglatte Gesicht.

Trotzdem bilden sich bei Peters gerade Stirnrunzeln. Während seine gesamte Körpersprache versucht, souveräne Männlichkeit zu vermitteln, sagt sein Gesicht etwas anderes. Peters ist genervt. In ein paar Sekunden wird er seine Coolness verlieren.

Das Channel 5-Interview

Der junge Mann nennt sich selbst Clavicular – Schlüsselbein. Und er ist die Galionsfigur der Looksmaxxer-Szene – der Schönheitsmaximierer-Szene. Für junge Männer, versteht sich. Vor allem für verunsicherte junge Männer. Ihre Vertreter proklamieren, dass sich die Welt ausschliesslich ums gute Aussehen dreht. Es bestimmt, wen man datet, es bestimmt, wie viel man verdient, es bestimmt, welchen Status man in der Gesellschaft einnimmt.

Looksmaxxing ist eine Frucht der Manosphere. Entstanden in offen misogynen Foren wie PUAHate oder SlutHate, in denen sich missverstandene – und zum Teil auch von der Szene frustrierte – Männer treffen, um ihre Erfolglosigkeit bei Frauen zu diskutieren. Die Lösung der Looksmaxxer ist klar: Wenn es der Humor nicht tut, die Intelligenz, die Originalität oder der Charakter – dann wenigstens eine markante Kieferpartie.

Die Kieferpartie ist heute, was vor 30 Jahren das Sixpack war: das männliche Schönheitsmerkmal schlechthin. Und dafür greift man auch mal zum Hammer. Denn: Bisschen ins Fitnessstudio und eine gesunde Ernährung reichen nicht aus für den perfekten Look. Da muss schon mit gröberem Geschütz aufgefahren werden. Clavicular spritzt sich, seit er 14 Jahre alt ist, Testosteron und Peptide – und flog deswegen von der Schule. Doch auch die beste Hantelbank macht noch keine Jawline – und deshalb greift Clavicular immer mal wieder zum Hammer.

Damit traktiert er seinen Kiefer. Die Idee dahinter: dem Knochen feinste Frakturen zufügen. Das soll das Wachstum anregen. Wissenschaftlich ist das nicht. Indizien, dass die Prozedur nützt, gibt es nicht. Dafür hat sie einen Namen: Bonesmashing. Selbstredend ist dringend davon abzuraten. Die Folgen können verheerend sein. Doch das nehmen gewisse junge Menschen in ihrer Verzweiflung in Kauf. Alles für den Erfolg.

Erfolg hat auch Clavicular. Mit Streams soll er über 100'000 Dollar pro Monat verdienen – behauptet er selbst. Hinzu kommen Einnahmen mit seinem Programm «Clavicular’s Clan». Für eine monatliche Gebühr von 50 Dollar gibt es zusätzliche Schönheitstipps. Zum Beispiel, wie man trotz Testosteron-Kur weiter schlank bleibt. Clavicular soll dafür, so geht das Gerücht, auch schon mal zu Crystal Meth greifen. Hauptsache ist, man sieht im Anzug nicht aus wie ein russischer Mobster, sondern wie Schauspieler Matt Bomer. Mit einem «Harmony Score» von 97 ist Bomers Aussehen der Heilige Gral. Unzählige Videos beschäftigen sich auf TikTok nur mit dessen Proportionen.

Dass Bomer homosexuell ist, spielt für die Looksmaxxer keine Rolle. Da sind sie tolerant. Das Einzige, was für sie zählt, ist Aussehen. Alles andere ist Nebensache. Clavicular muss man zugutehalten: Er ist dabei konsequent – wie folgende Anekdote beweist.

Letzten Winter feierte er mit dem rechtsradikalen Nick Fuentes, Andrew Tate und anderen Mitgliedern der Manosphere in Miami eine Party. Dabei wurde er gefilmt, wie er Kanye Wests verbotenen Song «Heil Hitler» mitgrölte. Angesichts der Vielzahl seiner chauvinistischen Äusserungen verwundert weder die Wahl seiner Freunde noch des Songs. Als er jedoch vor ein paar Tagen gefragt wurde, wen er bei den Präsidentschaftswahlen 2028 unterstützen würde, war die Antwort klar: den Demokraten Gavin Newsom.

JD Vance sei ein Untermensch mit einem fliehenden Kinn, krankhaft fettleibig und einfach nicht präsentierbar, erklärte er in verschiedenen Podcasts. Gary Newsom hingegen «mogge» (Originalzitat: «He mogs»). Mogging bedeutet so viel wie «mit seinem Auftreten und seinem Aussehen dominieren». Das Wort leitet sich von AMOG ab – «Alpha male of the group». Darum geht es den Looksmaxxern. Um nichts anderes.

Doch auch Clavicular weiss: Es braucht noch etwas mehr als nur Schönheit, um es in die Schlagzeilen zu schaffen. Zum Beispiel einen kleinen Skandal. Im Dezember überfuhr er vor laufenden Kameras einen angeblichen Stalker mit seinem Cybertruck. Als seine Beifahrerin entrüstet fragte, ob der Mann tot sei, antwortete er: «Hoffentlich.» Die Szene kostete ihn zwar seinen Kick-Account (eine Streamingplattform wie Twitch), brachte ihm aber viel Publicity – und bisher keine Anklage – ein.

Vor zwei Tagen zettelte er eine Schlägerei zwischen zwei jungen Frauen an. Darauf wurde er verhaftet. Frauen nennt er immer mal wieder «Foids» – «Female Humanoids», «Prostituierte» oder «Ziele» («Targets»). Gerade letztere Bezeichnung zeigt, wie sehr sich in der Looksmaxxing-Szene wieder alles nur um das eine dreht: um den Erfolg beim anderen Geschlecht. Es ist der ultimative Beweis der Abhängigkeit.

Figuren wie Clavicular, wie Adin Ross und Andrew Tate sind nicht neu. Dass sie eine derart grosse Anhängerschaft um sich scharen können, aber schon. Die Ursachen dafür dürften weitverzweigt in unserer komplizierten Gesellschaftsordnung zu finden sein. Den verunsicherten jungen Menschen hilft diese Erkenntnis wenig.

Das Ende des Channel-5-Interviews

Wie verunsichert Clavicular selbst ist, zeigt das Interview mit Channel 5. Enttäuscht über den Ausgang konfrontiert er den Moderator. Dieser habe nicht eine einzige Frage zu Looksmaxxing gestellt, beschwerte sich der Influencer – und wollte wissen, ob der Moderator denn selbst mit seinem Aussehen zufrieden sei.

«Im Grossen und Ganzen ja», antwortete dieser.
Darauf brach Clavicular das Interview ab.
«Clav, alles okay?», wollte darauf ein besorgter Produzent wissen.

Das ist also nun dieses Alpha. Komplett pickel-, aber auch komplett selbstironiefrei.

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Video: watson/hanna dedial
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Die beliebtesten Kommentare
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Jackie Brown
30.03.2026 19:50registriert Oktober 2022
Also kurz zusammengefasst, ein verunsichertes Würstchen, das sich auch gerne mal den Kiefer mit dem Hammer traktiert. Warum auch immer🤷‍♀️🤦‍♀️🤣🤣
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Tsherish De Love aka Flachzange
30.03.2026 20:03registriert September 2020
Manchmal frage ich mich ob ich unter einem Stein wohne, weil ich von solchen Habaschen erst erfahre, wenn sie hier einen Artikel bekommen.

Oder ist es weil mein Leben analog in der realen Welt stattfindet statt nur digital?
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Viva Svizzera
30.03.2026 20:04registriert März 2023
Das sind keine Männer, das sind zutiefst verunsicherte Würstchen, die nicht auf die Reihe kriegen und keinen beständigen Erfolg im Leben aufbauen werden. Was machen die, wenn sie mal 50, 60 oder 70 Jahre alt sind?
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