«Die Scheidung war etwas vom Besten, was mir hat passieren können»
Am Gartentisch vor Reginas Haus in einem ruhigen Berner Quartier steht nur ein Klappstuhl. Der zweite lehnt geschlossen an der Hauswand. Er steht sinnbildlich für Reginas Leben, das anders verlaufen ist, als sie geplant hat.
Regina ist 75 Jahre alt. Ihren letzten Lebensabschnitt hat sie sich immer an der Seite ihres Ehemanns vorgestellt. Doch daraus wird nichts. Weil ihr Mann nach vierzig Jahren Ehe die Scheidung eingereicht hat. Um eine deutlich Jüngere zu heiraten.
Trotzdem wirkt Regina alles andere als verbittert. Sie lächelt, als sie sagt: «Ich habe ein sehr reiches Leben.» Wie sie das geschafft hat, erzählt sie watson.
Augenhöhe oder nicht?
Als Regina die Haustür öffnet, fällt der Blick des Besuchs automatisch auf einen Tisch im Gang. Er sieht aus wie ein feministischer Schrein. Prospekte, Postkarten, Flyer von feministischen Bewegungen und Organisationen liegen auf.
Feministische Anliegen waren Regina schon immer wichtig. Seit ihrer Scheidung hat das Thema aber nochmals eine andere Bedeutung in ihrem Leben erhalten.
Auf dem Weg in die Küche sagt Regina: «Wir haben eigentlich eine gute Ehe geführt, Rolf* und ich. Auf Augenhöhe.» Sie und Rolf hätten über alles gesprochen. Bei Schwierigkeiten suchten sie eine Paartherapeutin auf. Konflikte diskutierten sie aus. Ihre Wünsche und Träume habe er respektiert und unterstützt. Depressive Phasen stand er mit ihr durch.
Doch als sich Regina mit einem Tee an den Küchentisch setzt und ins Detail geht, klingt die Beziehung bald nicht mehr nach «Augenhöhe».
Eine wilde Liebe
Als Regina Rolf kennenlernt, ist sie 20 Jahre alt, lebt in ihrer eigenen Wohnung und arbeitet als Lehrerin. Die beiden führen eine junge, wilde Liebe, so wie es in den 1970er-Jahren gang und gäbe ist. Sie bauen einen Bus aus und reisen damit durch Ostafrika, sie reden darüber, ein anderes Leben führen zu wollen als Rolfs bürgerliche Eltern.
Dann wird Regina mit 30 Jahren schwanger. Und Rolf erklärt ihr:
Regina stimmt widerwillig zu. Sie kann sich nicht vorstellen, wie so eine Beziehung funktionieren sollte. Und hofft, dass die Ehe in der Realität doch nicht offen sein würde. Das ist der Startschuss für ein Ungleichgewicht in der Beziehung.
Schon bald findet sich Regina in der traditionellen Rolle der Mutter und Hausfrau wieder.
Ein traditionelles Leben
Rolf geht arbeiten. Regina bleibt zuhause. Die Verantwortung für Haushalt und Kinderbetreuung liegt grösstenteils bei ihr. «Ich hätte mir gewünscht, dass ich Teilzeit arbeite und er einen Tag in der Woche die Kinderbetreuung übernimmt», sagt Regina heute. Aber das sei für Rolf nicht machbar gewesen. Mit der Firma, die er von seinem Vater übernommen habe, sei er zu ausgelastet gewesen.
Um nicht komplett abhängig von ihm zu sein, arbeitet Regina in einem 30-Prozent-Pensum als Logopädin. Die Kinderbetreuung organisiert sie mit Freunden, Nachbarinnen und der Familie. Als drei Jahre später die zweite Tochter zur Welt kommt, geht dieses System nicht mehr auf. Regina hört auf als Logopädin zu arbeiten.
Zwar gibt es schon damals Kitas. Aber Regina kommt gar nicht auf die Idee, diese in Anspruch zu nehmen. In ihrem Umfeld schickt keine Frau ihre Kinder in die Kita. Ausser Arbeiterfrauen. «Und ich wollte ja Mutter sein.» Aber sie will damals eben auch mehr sein als Hausfrau. Ihr fehlt die Anerkennung für ihre Arbeit. Ihr fehlt der Austausch mit Erwachsenen.
Regina ist 40 Jahre alt, als sie die Ausbildung zur Tanzpädagogin abschliessen und anfangen kann, zweimal in der Woche Tanzunterricht zu geben. Ein lang gehegter Traum von ihr.
Während sie unterrichtet, kümmert sich Rolf um die beiden Töchter. Für diesen Akt erntet er von ihrem Umfeld viel Lob. Und Regina wird beneidet. Was für ein Glück sie doch habe, dass ihr Mann die Kinder betreue, während sie ihren Träumen nachgehen könne, klingt es im Umfeld.
Auch Regina fühlt sich privilegiert. Und übersieht dabei, dass Rolf nie in ihre Pensionskasse oder dritte Säule einzahlt. Das finanzielle Ungleichgewicht beanstandet sie nie. Einerseits, weil sie das Gefühl hat, sich selbst als unabhängige Frau beweisen zu müssen, indem sie kein Geld für ihre jahrelange Care-Arbeit einfordert. Andererseits, weil es überzeugend klingt, wenn Rolf ihr immer wieder sagt, sie solle aufhören, sich darüber zu beschweren, dass er ihre Arbeit nicht wertschätzt.
«Er gab mir immer das Gefühl, ich sei eine schwierige Frau, zu anspruchsvoll», sagt Regina. Obwohl sie heute weiss:
Ein paar Male kommen bei Regina Trennungsgedanken auf. Doch mit den Jahren sind die beiden ein eingespieltes Team. Die Kinder werden grösser, ziehen irgendwann aus. Regina kann ihr Pensum als Tanzpädagogin erhöhen und setzt nach 20 Jahren Ehe durch, dass Rolf und sie fortan eine monogame Beziehung führen.
Gleichzeitig bleibt sie für den Haushalt zuständig. Legt sich erst spät eine 3. Säule an und zahlt wenig in ihre AHV ein. In ihre Pensionskasse kann sie als Selbstständige nichts einzahlen. Anders als Rolf, der all die Jahre den vollen Betrag in seine Pensionskasse eingezahlt hat.
Dann geht es auf die Pension zu.
Die jüngere Frau in Afrika
Rolf plant, aus dem Geschäft auszusteigen. Regina freut sich. Auf mehr Zeit als Paar, auf einen neuen gemeinsamen Alltag, auf Reisen. Aber daraus wird nichts.
Kaum pensioniert, gründet Rolf eine neue eigene Firma und frönt seinem Hobby: dem Velofahren. 2020 will Rolf mit dem Velo durch Afrika fahren. Als er zurückkommt, gesteht er Regina: «Ich habe mich verliebt.» In eine 20 Jahre jüngere Frau aus Westafrika.
Für Regina bricht eine Welt zusammen. «Das Schlimmste ist, dass ich noch gehofft habe, dass diese Verliebtheit wieder vorbeigeht.» Deshalb hindert sie ihn nicht daran, nach Afrika zu reisen, um herauszufinden, was er möchte.
Als Rolf zurückkommt, schlägt er vor, mit beiden Frauen eine Beziehung zu führen. Mit Regina in der Schweiz, mit der neuen Frau in Afrika. Regina lehnt das entschieden ab und fordert: «Du gehst!» Und das tut er.
Nach einem schwierigen Jahr trennen sich Regina und Rolf. Die Scheidung reichen sie nicht ein. In gegenseitiger Übereinkunft. Beide finden, sie sind zu alt, um emotional eine Scheidung durchzustehen. Stattdessen gibt es eine Trennungsvereinbarung.
Rolf zieht nach Afrika. Regina bleibt im Haus. Bis Rolf zwei Jahre später doch die Scheidung einreicht. Um seine neue Partnerin heiraten zu können. Damit diese einfacher in die Schweiz reisen kann.
Finanzielle Einbussen im Alter
Die Trennung von Rolf hat auf Reginas Leben finanzielle Auswirkungen gehabt. Gemäss Peter Burri von Pro Senectute werden bei einer Scheidung die während der Ehe erzielten AHV-Einkommen hälftig auf beide Partner aufgeteilt. Auf dieser Grundlage wird die Rente für jede Person neu berechnet.
«Die AHV kennt somit kein geteiltes Kapital wie die Pensionskasse, sondern eine Neuberechnung auf Basis der gesplitteten Einkommen», sagt Burri. In der Praxis führe dies häufig zu einer Anpassung beider Renten, auch dann, wenn die getrennten Paare bereits Leistungen bezögen.
Dank des AHV-Splittings erhält Regina die Maximalrente von 2520 Franken sowie 2500 Franken von der Pensionskasse ihres Ex-Mannes. Ihr kommt zugute, dass sie sich erst im Pensionsalter hat scheiden lassen. Anspruch auf die Hälfte der Pensionskasse des Expartners hat man nur für die Jahre, in denen man die Ehe geführt hat. Findet die Scheidung mit 50 Jahren statt, bedeutet das für viele Frauen grössere Einbussen in der Pension.
Ihre eigene Pensionskasse hat Regina noch während der Ehe ausbezahlt bekommen. Der Betrag sei äusserst klein gewesen, weil sie als Selbstständige und Teilzeitarbeitnehmerin kaum eingezahlt habe.
«Trotz AHV-Splittings wirkt sich eine Scheidung für Frauen, die ein traditionelles Familienmodell gelebt haben, oft finanziell nachteilig aus», sagt Burri. Dies liege daran, dass sich viele Paare im Alter von 50 bis 65 Jahren scheiden liessen. In demselben Alter, in dem viele von ihnen Immobilien oder Vermögen erbten. Auf diese Erbschaften hätte der Expartner oder die Expartnerin keinen Anspruch mehr. Viele Frauen hätten in ihrer Lebensplanung aber mit diesem Erbe gerechnet.
Genau das ist auch in Reginas Fall passiert: Ihr Ex-Mann hat Immobilien geerbt und auch sonst angespart. Finanziell steht er heute deshalb deutlich besser da als sie. Auf einen «gewissen Luxus», wie sie es nennt, muss sie heute verzichten. Auf ausgiebige Ferien in schönen Hotels, zum Beispiel.
Beschweren möchte sich Regina aber auf keinen Fall: «Meine Rente reicht gut zum Leben.» Trotzdem verspürt sie manchmal eine gewisse Wut. Auf sich selbst. Aber auch auf die Gesellschaft:
Sie habe immer nur ihre finanzielle Abhängigkeit von Rolf gesehen, dem sie dankbar hatte sein müssen, dass sie ihre Töchter in einem schönen Haus grossziehen dürfe.
Dass Reginas unentgeltliche Arbeit genauso zum Lebensstandard der Familie beigetragen hat, dem trägt unser Gesetz Rechnung: Nach der Trennung erhielt sie die Hälfte des Hauses zugesprochen. Trotzdem zahlt sie eine volle Miete auf ein gemeinschaftliches Konto ein, mit dem die beiden jeweils Reparaturen am Haus begleichen. «Ich muss aber keine marktübliche Miete bezahlen», sagt Regina.
Freundschaften und Liebe
Direkt nach der Trennung 2021 erlebt Regina eine schwierige Zeit voller Wut und Trauer. Aus dieser Phase schafft sie es mithilfe von Psychotherapie. Zusätzlich entlastend ist es für sie, dass sie nicht alleine in einem grossen, leeren Haus lebt, sondern seit Rolfs Auszug in einer WG mit drei Studierenden. «Von jungen Leuten umgeben zu sein, tut mir gut.»
Ein grosses Verdienst an Reginas heutiger Lebensfreude tragen auch ihre Freundinnen. Sie fingen Regina auf. Und am Tag der offiziellen Scheidung schmissen sie für sie in einer Berner Bar eine Scheidungs-Party. «Das war wunderschön», sagt Regina.
Seit der Trennung hätten sich für sie nochmals ganz neue Facetten des Lebens aufgetan. Obwohl sie schon im Pensionsalter sei.
Heute geht Regina regelmässig in der Stadt Boule spielen, engagiert sich in der feministischen Bewegung «Grossmutterrevolution», gibt ehrenamtlich Tanzkurse für demente Menschen, investiert ihre Energie in sich selbst.
Auch ihre Sexualität hat sie nochmals neu für sich entdeckt, ist auf Dates mit jüngeren Männern gegangen, verliebte sich mehrmals. Und seit einem Jahr hat sie einen festen Partner im Ausland. Reginas Augen strahlen, als sie sagt:
Ihrem Ex-Mann gegenüber empfindet sie keine Wut mehr. Aber auch keine Liebe. Eher Gleichgültigkeit. Und obwohl ihr Leben anders aussieht, als sie es sich immer vorgestellt hat, kann sie heute sagen:
Ihr letzter Lebensabschnitt sei erfüllender und aufregender, als er an der Seite von Rolf je hätte werden können.
* Name anonymisiert.
