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Meinungsverschiedenheiten zu Corona können selbst die besten Freundschaften auf die Probe stellen.
Meinungsverschiedenheiten zu Corona können selbst die besten Freundschaften auf die Probe stellen.Bild: watson data / shutterstock

«Meine Mutter glaubt, dass die Impfung uns tötet» – wenn Beziehungen an Corona zerbrechen

Alina Weber und Yvonne Durand erzählen von Freundschaften und Familien, die in den letzten zwei Jahren weit auseinandergedriftet sind.
26.12.2021, 14:17

Die Corona-Pandemie ist nicht nur für unser Gesundheitssystem eine enorme Belastung. Sie überschattet auch Freundschaften und Familien und treibt einen Keil in Beziehungen, die bis vor Kurzem noch unerschütterlich schienen.

Die Geschichte zweier Frauen, die in einen Corona-Konflikt gerieten. Und wieder herausfinden wollen.

Alina Weber*, 24

Meine Eltern sind geschieden, seit 10 Jahren. Ich habe zwei Schwestern, Angelina* und Sara*. Sie sind 10 und 12 Jahre älter als ich. Zudem habe ich noch einen Bruder, Alex, drei Jahre jünger. Er lebt noch bei meinem Vater. Der Rest ist bereits ausgezogen. Sara und ich leben in der Schweiz, Angelina in Luxemburg. Ziemlich kompliziert, aber wichtig für meine Geschichte.

Ich sehe meine Eltern etwa einmal pro Woche. Auch meine Schwestern kommen immer wieder mal vorbei. Meine Eltern stehen seit der Scheidung etwas auf Kriegsfuss, doch das hat unsere Beziehung zu ihnen nicht gross beeinträchtigt.

Erst Corona hat das geschafft.

Mein Vater hatte zu Beginn der Pandemie grosse Angst. Er hat nur noch mit fünf Metern Abstand vor der Türe mit mir geredet. Ich fand das etwas lächerlich, aber gut. Ich habe es akzeptiert.

Bei meiner Mutter war das ganz anders. Sie hat einen neuen Partner, der bereits im Frühjahr 2020 auf die Verschwörungsschiene kam. Illuminati, Bill Gates – es wurde sehr schnell sehr wirr. Leider ist meine Mutter äusserst beeinflussbar. Sie hat ihm alles geglaubt, die Verschwörungstheorien wie ein Schwamm aufgesaugt.

Zu Beginn versuchte ich noch, mit faktenbasierten Argumenten dagegen anzukämpfen. Doch es war aussichtslos. Nach kurzer Zeit war meine Mutter der Meinung, dass wir alle verdammt seien, dass die Pandemie eine von dunklen Eliten orchestrierte Scheinkrise sei. Da helfen die besten Argumente nichts.

Ich habe versucht, ihr Gerede zu ignorieren, das Thema zu wechseln, so gut es ging. Doch dann kam die Impfung und es eskalierte komplett.

Meine Mutter und ihr Partner sind der festen Überzeugung, dass die Impfkampagne ein organisierter Genozid sei. Dass jeder, der sich impfen lässt, stirbt.

Sie haben angefangen, ihr Umfeld davor zu warnen, sich impfen zu lassen. Jeden Tag teilten sie Beiträge aus Telegram-Gruppen mit immer wirreren Inhalten. Ich glaube, viele haben das einfach ignoriert.

Ich finde es in Ordnung, über gewisse Dinge zu diskutieren. Was für Auswirkungen die Massnahmen auf die Menschen haben, wie viel sie wirklich bringen, ob sie manchmal nicht etwas zu übertrieben sind. Aber darum ging es nicht. Es ging um weltumspannende Verschwörungen, geheime Machteliten und Massenmord.

Meine Schwester Angelina, die in Luxemburg lebt, konnte sich bereits früh impfen lassen. Meine Mutter hat Wind davon bekommen und ist aus allen Wolken gefallen. Sie hat den Familienchat terrorisiert, Angelina immer wieder angerufen und sie angefleht, die zweite Dosis nicht zu nehmen. Meine Schwester hielt das nicht lange aus und hat den Kontakt abgebrochen.

Die ständige Bombardierung ging nicht spurlos an uns vorbei. Meine andere Schwester, Sara, hat sich lange überlegt, ob sie sich impfen lassen will. Letztlich hat sie sich dann dafür entschieden und dies meiner Mutter mitgeteilt. Auch hier versuchte sie wieder, Sara davon abzuhalten. Mir hat sie ebenfalls immer wieder gesagt, ich solle meiner Schwester ins Gewissen reden. Einmal täuschte meine Mutter vor, ins Restaurant gehen zu wollen. In Wirklichkeit fuhren wir aber zu meiner Schwester für eine Intervention. Um sie doch noch davon zu überzeugen, sich die «Todesspritze» nicht zu verabreichen.

Man kann das Verhalten meiner Mutter als Spinnerei bezeichnen. Ist es auch. Aber sie hat wirkliche, genuine Angst davor, dass ihre Kinder sterben. Sie ist überzeugt davon. Das ist nicht lustig, ihr Leiden ist real. Sie braucht Hilfe.

Hier endet die Geschichte leider nicht. Sie beginnt erst. Mein Vater, der zu Beginn panische Angst vor dem Virus hatte, ignorierte die weitergeleiteten Telegram-Beiträge meiner Mutter nicht. Er las sie sich aufmerksam durch. Und schon bald liess auch er sich von der Macht der Verschwörungen vereinnahmen.

Mein Vater hatte eine ganz eigene Art, damit umzugehen. Er ist Pragmatiker. Er sah, dass meine Schwestern geimpft waren, und brach deswegen den Kontakt mit ihnen ab. Er brach den Kontakt zu allen geimpften Personen in seinem Umfeld ab. Mein Vater sagte, er könne es nicht verkraften, wenn alle geliebten Personen in seinem Umfeld bald sterben. Also ziehe er bereits jetzt einen Schlussstrich.

Ich weiss, es klingt verrückt, aber es war wirklich so. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geimpft und beteuerte gegenüber meinen Eltern immer wieder, dass ich es nicht tun werde. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf diese Diskussionen.

Während mein Vater sein geimpftes Umfeld bald sterben sah, änderte sich die Einstellung meiner Mutter komplett. Sie hielt Corona immer für eine Erfindung. Als sich jedoch mehr und mehr Menschen impfen liessen, schwenkte sie um. Jetzt durften ihr geimpfte Personen nicht mehr zu nahe kommen. Sie war der Überzeugung, dass diese das Virus verbreiten, und sie hatte Angst, zu sterben.

Zur selben Zeit eröffnete der Partner meiner Mutter eine Facebook-Gruppe, die sich an Eltern richtete. Er wollte verhindern, dass Kinder geimpft werden. Man solle Eltern ihre Kinder wegnehmen, wenn sie dies versuchen würden.

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Meine Mutter fing ebenfalls an, auf Facebook zu posten. Ihre beiden Töchter seien verloren, werden bald sterben. Alle konnten das sehen. Ich fand das sehr respektlos meinen Schwestern gegenüber.

Ich versuchte mehrmals, mit ihnen zu sprechen. Aber keine Chance. Es ist einfach alles fake in ihren Augen. Der Partner meiner Mutter wurde richtig aggressiv, wenn man mit wissenschaftlichen Argumenten kam. Es war, als wolle man einen strenggläubigen Christen davon überzeugen, dass es Gott nicht gibt.

Im Herbst dieses Jahres habe ich mir ein Herz gefasst und mich ebenfalls impfen lassen. Meine Eltern wissen nichts davon. Und ich habe nicht vor, daran in naher Zukunft etwas zu ändern. Irgendwann vielleicht, wenn das Ganze vorbei ist, werde ich es ihnen sagen. Spätestens dann müssen doch auch sie einsehen, dass sie falsch lagen.

Ich halte meine Impfung geheim, weil ich den Kontakt mit meinen Eltern nicht verlieren möchte. Meine Fassungslosigkeit ist mittlerweile einer gewissen Apathie gewichen. Ich sage einfach Ja und Amen, wenn sie Corona ansprechen. Oder ich drohe, auf der Stelle zu verschwinden, wenn sie das Thema nicht wechseln. Das funktioniert ganz gut.

Natürlich finde ich es verwerflich, was sie mit meinen Schwestern machen. Aber zwei zerstörte Beziehungen reichen. Mein Vater hat sogar wieder Kontakt mit meinen Schwestern. Ich glaube, er sieht langsam ein, dass er zu weit gegangen ist. Wir feiern gemeinsam Weihnachten. Er hat mir hoch und heilig versprochen, Corona nicht anzusprechen.

Nur meine Mutter wird fehlen. Sie will keine Weihnachten feiern.

Yvonne Durand*, 51

Kennengelernt habe ich Sofie* vor zehn Jahren in der Ausbildung zur Yoga-Lehrerin. Sie wohnt auf dem Land. Ich in der Stadt.

Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Wir verstanden uns auf Anhieb, meldeten uns zu Yoga-Weiterbildungen an und verbrachten teilweise mehrere Wochen gemeinsam. Ob in Frankfurt, München oder irgendwo im Nirgendwo auf dem Land – wir waren an vielen Orten, teilten sogar das Zimmer. Auch am fünften Tag ging uns der Gesprächsstoff nicht aus.

Umso mehr schmerzt mich die jetzige Situation.

Ich erinnere mich an einen Spaziergang im Frühjahr 2020, während der ersten Welle. Sofie erzählte mir von Geschäften in ihrem Umfeld, die schliessen mussten, während die Migros dieselben Produkte weiterhin verkaufen durfte. Wir fanden das damals beide absurd. Ich bin jetzt noch der Meinung, dass man nicht alle Massnahmen einfach gut finden muss. Eine kritische Auseinandersetzung ist wichtig.

Unserer Freundschaft hat Corona zu Beginn nicht geschadet. Erst als die Impfung kam, empfand ich es zunehmend als schwierig.

Sofie ist eigentlich eher introvertiert. Ich bewunderte sie immer dafür, wie bewusst sie ihren Alltag gestaltete. Sie ist sehr zierlich, Gesundheit war ihr schon immer ein wichtiges Thema. Umso mehr verwundert mich ihre jetzige Haltung.

Wenn man mir vor zwei Jahren gesagt hätte, dass Sofie und ich uns mal wegen einer Impfung zerstreiten werden, hätte ich gelacht.

Sofie erzählte mir dieses Frühjahr am Telefon, dass sie sich nie impfen lassen würde. Ich habe das registriert, mir aber nicht so viel dabei gedacht. Es war noch früh, die Impfkampagne gerade erst angelaufen. Ich dachte, sie wird ihre Meinung schon noch ändern.

Hat sie aber wahrscheinlich nicht. Sicher bin ich mir nicht, da wir seit Monaten keinen Kontakt mehr haben.

Im Herbst wurde die 3G-Regel eingeführt. Sofie wollte sich mit mir treffen, zusammen essen gehen. Doch sie will sich weder impfen noch testen lassen, das wusste ich. Ich habe lange überlegt und bin zum Schluss gekommen, dass es für mich so nicht stimmt. Auch wenn wir das Thema so gut wie möglich ignorieren würden, irgendwann käme es zur Sprache. Also habe ich ihr auf WhatsApp geschrieben und sie gebeten, unser Treffen zu verschieben, bis die ganze Impfthematik nicht mehr so brisant wäre.

Ich habe ihr auch gesagt, dass es mir leidtue. Dass wir uns hoffentlich bald wieder sehen können. Ich frage mich, ob ich sie verletzt habe, obwohl ihre Antwort eigentlich sehr verständnisvoll war.

Das war das letzte Mal, dass wir voneinander gehört haben.

Ich frage mich oft, was in ihr vorgeht. Was für ein Verhältnis hat Sofie zur Wissenschaft? Es geht bei der Impffrage doch letztlich nicht um persönliche Meinungen, um Massnahmen, die man besser oder schlechter finden kann. Bei der Impfung geht es um Fakten, die man nicht ignorieren kann. Es geht um Solidarität mit der Gemeinschaft.

Ob es je wieder wie früher werden wird? Ich weiss es nicht. In meinem privaten und beruflichen Umfeld gibt es viele Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. Ich habe wenig Verständnis dafür, aber ich kann damit umgehen.

Doch bei Sofie tut es weh. Sie fehlt mir. Ich habe ihr eine Weihnachtskarte geschrieben.

*Namen von der Redaktion geändert.

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BAG verteilt Torte zur Feier des Impffortschritts

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quelle: keystone / peter schneider
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