bild: watson / dr
Neue Daten zur Sexualität von Schweizerinnen räumen mit Irrglauben auf
Es gibt eine weit verbreitete Vorstellung über die weibliche Sexualität: Je jünger eine Frau ist, desto eher befindet sie sich auf dem Höhepunkt ihres Sexuallebens. Als hätte das Verlangen eine Art Ablaufdatum – mit einem Höhepunkt irgendwo zwischen 20 und 30 Jahren und einem anschliessenden langsamen Rückgang hin zu weniger sexueller Lust.
Zahlen, die YouGov im November 2025 im Auftrag der Plattform Ashley Madison erhoben hat, zeichnen ein etwas differenzierteres Bild. In einer repräsentativen Stichprobe von 496 Erwachsenen in der Schweiz geben 58 Prozent der Frauen zwischen 25 und 34 Jahren an, dass ihr sexuelles Vergnügen während der gesamten Beziehung eine Priorität gewesen sei. Bei den 45- bis 54-Jährigen sind es noch 45 Prozent.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Auf den ersten Blick könnte dies als negatives Zeichen erscheinen. Frauen zwischen 45 und 54 Jahren sagen seltener als jüngere Frauen, dass ihr eigenes Vergnügen in der Beziehung eine zentrale Rolle gespielt habe. Ein anderes Ergebnis – diesmal unabhängig vom Alter – liefert jedoch eine andere Perspektive: In der Schweiz sagen 38 Prozent der befragten Frauen, dass ein besseres Verständnis ihrer eigenen Wünsche sie dazu ermutigt habe, ihre sexuellen Bedürfnisse stärker auszudrücken.
Es zeichnen sich somit zwei Entwicklungen ab: Nicht alle Generationen haben dem weiblichen Vergnügen in der Partnerschaft dieselbe Bedeutung gegeben. Gleichzeitig scheint ein besseres Wissen über die eigenen Wünsche dazu beizutragen, dass Frauen eher darüber sprechen.
Von «Gefalle ich?» zu «Was gefällt MIR?»
Genau diesen Wandel beschreibt die Sexologin und Sexualtherapeutin Nancy Glisoni, die im Bericht zitiert wird. Ihrer Ansicht nach beschäftigen sich jüngere Frauen häufig stärker mit der Wahrnehmung durch andere: Bin ich attraktiv? Entspreche ich den Erwartungen? Mit der Erfahrung verändere sich diese Frage zunehmend: Was wünsche ich mir selbst?
Und genau hier wird der Begriff «Sexual Prime» im Titel der Studie interessant. Der Bericht beschreibt kein magisches Alter, in dem plötzlich alles besser werde, sondern eine Phase, in der Menschen beginnen, ihre eigene Sexualität bewusster und mit mehr Abstand zu betrachten – und manchmal weniger den Wunsch haben, erwartete Vorstellungen zu erfüllen.
Der Bericht fasst diese Entwicklung so zusammen: Man bewege sich von der Vorstellung, «begehrenswert sein zu wollen», hin dazu, «das eigene Vergnügen zu definieren».
Eine weitere Datengrundlage von Ashley Madison zeigt ebenfalls diese Entwicklung. Parallel zur YouGov-Umfrage befragte die Plattform im März 2026 insgesamt 885 ihrer Mitglieder. 45 Prozent von ihnen geben an, ihre volle sexuelle Erfüllung mit 40 Jahren oder später erreicht zu haben. Die Zahl ist auffällig, muss jedoch im Kontext von Ashley Madison betrachtet werden, deren Mitglieder nicht repräsentativ für die gesamte Bevölkerung sind.
Die Antworten geben dennoch einen Einblick in die Bedeutung des weiblichen Vergnügens in festen Beziehungen. Unter den befragten Nutzerinnen sagen 39 Prozent, dass ihre eigene sexuelle Zufriedenheit in ihren festen Beziehungen häufig vernachlässigt worden sei.
Einige geben an, die Bedürfnisse ihres Partners über die eigenen gestellt zu haben. Andere berichten, erfolglos versucht zu haben, über ihre Wünsche zu sprechen. Jede fünfte befragte Person sagt sogar, die eigene Sexualität in der Hauptbeziehung nie wirklich erkundet zu haben.
Älter werden bedeutet nicht weniger Verlangen
Der Bericht nennt zudem die These, dass bestimmte Lebensphasen – etwa Mutterschaft, eine Trennung, das Ende einer langen Beziehung oder die Perimenopause – Momente sein können, in denen Frauen ihren Umgang mit Verlangen, Körper und Intimität neu betrachten.
Die Sexualität älterer Frauen ist zudem zunehmend Teil der öffentlichen Diskussion. Perimenopause, Fantasien, die Entwicklung des Körperbildes oder die Hinterfragung lang bestehender Beziehungsmuster: Themen, die lange Zeit auf den privaten Bereich beschränkt waren, werden heute offener diskutiert.
