SBB lagern Tickets für Gruppenreisen aus: Dieses Start-up setzte sich durch
Ins Pfadilager nach Schweden, mit der Maturareise nach Prag oder mit dem Turnverein nach Hamburg: Wer solche Reisen mit der Eisenbahn plant, wird ab 2027 nicht mehr von den SBB betreut. Die Bahn lagert den Verkauf von internationalen Gruppenreisen aus.
Den Zuschlag erhalten hat das Zürcher Start-up Simpletrain. Das geht aus einem kürzlich auf der Beschaffungsplattform Simap veröffentlichten Entscheid hervor. Für die Jahre 2027 bis 2029 erhält das Unternehmen von den SBB maximal 1,77 Millionen Franken und übernimmt dafür sämtliche Schritte im Zusammenhang mit internationalen Bahnreisen ab mindestens zehn Personen. Neben dem Verkauf gehören dazu auch der Support oder die Handhabung von Entschädigungen.
Simpletrain hat sich gegen die mehrheitlich zum deutschen Reisekonzern Dertour gehörende Firma Railtour durchgesetzt, die teurer offerierte. Der Grund für die Auslagerung war laut SBB-Sprecherin Carmen Hefti, dass das neue Verkaufssystem der SBB, das 2023 eingeführt wurde, nicht auf Gruppen ausgelegt ist. Schon heute kooperiere die Bahn deshalb mit einem Drittanbieter.
Simpletrain verkauft Tickets «an jeden Bahnhof Europas»
Eine umfassende technische Integration der vielen europäischen Partnersysteme in die Systemlandschaft der SBB sei «zeitnah nicht realisierbar», weshalb eine Ausschreibung durchgeführt worden sei. Kündigungen gebe es nicht: Alle Mitarbeitenden, die im Team Internationale Gruppenreisen beschäftigt sind, würden bei den SBB verbleiben.
Wie «Schweiz heute» weiss, gibt es innerhalb der Bahn aber durchaus kritische Stimmen zur Auslagerung. Sie sehen es als Kernaufgabe der SBB an, auch internationale Reisen an grössere Gruppen zu verkaufen und das Know-how dafür im Haus zu haben. Für die Kundinnen und Kunden soll sich allerdings wenig ändern. Sie können die Buchung von Gruppenreisen ins Ausland auch weiterhin über die SBB-Internetseite anfragen. Die Daten werden dann im Hintergrund an das Unternehmen Simpletrain weitergeleitet, welches die Anfrage bearbeitet.
Simpletrain wurde 2020 gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, Bahnreisen innerhalb Europas zu vereinfachen. Man wolle Kundinnen und Kunden an jeden Bahnhof Europas bringen, sagt Gründer Marius Portmann. Dafür hat Simpletrain eine eigene Buchungsplattform aufgebaut.
Simpletrain finanziert sich über Gebühren
Tickets in Nachbarländer können von Kundinnen und Kunden sofort gebucht werden, kompliziertere Anfragen bearbeitet das Team manuell. Dafür benötigt es einige wenige Werktage. Dank Simpletrain sollen sich Bahnreisende nicht mehr durch die Systeme mehrerer Bahnen durchklicken müssen, sondern alle Tickets aus einer Hand erhalten.
Simpletrain hat Zugang zu den Buchungssystemen mehrerer europäischer Bahnen und finanziert sich über Buchungsgebühren. Bei selbständig buchbaren Reisen betragen diese 4 Prozent und mindestens 6 Franken, bei komplexen Reisen werden je nach Volumen Gebühren von 8 bis 20 Prozent der Ticketpreise verrechnet. Spezialwünsche wie Veloreisen, die Mitnahme von Hunden oder die Nutzung von Fähren werden separat verrechnet. Für Gruppenreisen, die über die SBB-Kanäle hineinkommen, wird künftig ein Pauschalpreis von 60 Franken fällig.
Das Unternehmen wurde in der Anfangsphase vom Migros-Pionierfonds gefördert und 2025 mit dem Zukunftspreis des Kantons Zürich ausgezeichnet. Dieses Jahr werde Simpletrain erstmals selbsttragend sein, sagt Portmann. Der SBB-Auftrag werde dem Unternehmen neuen Schub verleihen. Der grösste Anteil der Buchungen entfalle derzeit auf Reisen bis 9 Personen. Nun könne Simpletrain auch bei grösseren Gruppen zulegen. Zudem sei der SBB-Auftrag auch die Möglichkeit, in der Westschweiz stärker präsent zu sein.
Die Firma rekrutiert nun neue Mitarbeitende für ihr Buchungsteam. Sie wird mit dem SBB-Auftrag rund ein Dutzend Angestellte umfassen. Simpletratin wickelte vergangenes Jahr etwa 6000 Buchungen ab, und es werden immer mehr. Der Slogan, Reisende «an jeden Bahnhof Europas» zu bringen, stimme allerdings nicht mehr ganz, sagt Portmann – oder sei zumindest nicht mehr vollständig: «Wir bieten auch Bahnreisen nach Marokko oder in die Türkei an» – künftig auch ganz offiziell im Auftrag der SBB. (schweizheute.ch)

