Allein im Februar wurden diese (drastischen) Massnahmen gegen Overtourismus ergriffen
Der Begriff «Overtourism» geistert seit rund zehn Jahren in der Welt herum. Das Phänomen von nicht nur vielen, sondern zu vielen Menschen, die einen Ort besuchen, ist allerdings schon älter. Beispiele dafür sind Venedig oder der Ballermann auf Mallorca in den 1970er Jahren (teilweise auch schon noch früher).
Früher sprach man in solchen Fällen von «Massentourismus», was aber nicht das Gleiche wie Overtourismus ist (siehe Infobox). Beim Massentourismus konzentrieren sich die vielen Touristen auf Orte, die meist dafür vorbereitet sind, wie Ferienorte mit grossen Hotelkomplexen am Mittelmeer.
Durch die sozialen Medien, Buchungsplattformen wie Airbnb und billige Flugpreise gelingt die Steuerung der Touristinnen und Touristen nicht mehr so einfach, und Orte, die eigentlich nicht dafür vorbereitet sind (oder waren), werden durch einen Auslöser überschwemmt und man spricht von «Overtourism». In der Schweiz sind die bekanntesten Beispiele der Aescher im National-Geographic-Buch «Places of a Lifetime» (2015) oder Iseltwald durch die südkoreanische Netflix-Serie «Crash Landing on You» (2019–2020).
Um den Overtourismus zu bekämpfen, ergreifen verschiedene betroffene Orte unterschiedliche Massnahmen. Ein Patentrezept gibt es (bisher) nicht. Alleine in den letzten Tagen kam es in mehreren Orten zu Meldungen von zu vielen Touristinnen und Touristen.
🇬🇧 Haworth
Das malerische Dorf Haworth in Yorkshire spürt den Erfolg der neuen Hollywood-Verfilmung von Emily Brontës Klassiker «Wuthering Heights». Gemäss der «Daily Mail» wissen einige der Besucher nicht, dass es sich dabei um kein «Disneyland», sondern um ein normales Dorf handelt. Pikant: Keine Szene im Film spielt im 6250 Einwohner kleinen Nest. Als Kulisse diente die Landschaft der North Yorkshire Dales.
Ein Verkehrschaos und Parkplatzprobleme sind die offensichtlichsten Folgen des Ansturms. Einige Geschäftsleute freuen sich aber auch über die neuen Kunden, insbesondere in einer Zeit, in welcher im Norden Englands sonst nicht viel los ist.
🇮🇹 St.Magdalena
St.Magdalena (italienisch: St.Maddalena), ganz hinten im lang gezogenen Villnösser Tal, bietet eine heile Bergwelt. Spätestens seit das Magazin «Geo» das 500-Seelen-Dorf in den Dolomiten zum «wohl schönsten Dorf Südtirols» gekürt hat, wird dieses von Touristen aber regelrecht überrannt.
Hauptmotiv für die vielen Gäste ist die Kirche, welche auf einer Anhöhe über dem Dorf thront. Busse von Reisegruppen verstopfen die engen Strassen im Tal, die Parkplätze sind voll, es wird wild geparkt.
2026 soll eine Schranke Abhilfe schaffen. Für 20'000 Euro wird die Zufahrt zur Kirche und ins Dorf mit einer hochmodernen Anlage versperrt, die auch mit Kameras ausgestattet ist. Spätestens im Mai soll sie in Betrieb gehen. «Wir hoffen, dass wir die Sache damit in den Begriff bekommen», sagt Bürgermeister Peter Pernthaler. «Sicher sind wir uns aber nicht.»
🇯🇵 Fujiyoshida
Das weltberühmte Kirschblütenfest im Arakurayama-Sengen-Park am Fusse des Berges Fuji in Japan wird 2026 nicht stattfinden. Die Stadtverwaltung von Fujiyoshida begründet den Entscheid mit Overtourismus, es seien zuletzt einfach zu viele Besucherinnen und Besucher gekommen.
Trotz Massnahmen zur Besucherlenkung und zusätzlicher Kontrollen im vergangenen Jahr habe die enorme Zahl an Reisenden die Infrastruktur, den Verkehr und den Alltag der 50'000-Einwohner-Stadt zu stark belastet. Insbesondere auch grosse Mengen von Müll seien ein Problem gewesen. Während des Höhepunkts der Kirschblütensaison Anfang April kamen zuletzt rund 200'000 Menschen in den Park.
🇦🇺 Lincoln's Rock
Der Lincoln's Rock war lange einfach ein schöner Aussichtsfelsen im Blue Mountains National Park rund zwei Stunden von Sydney entfernt. Dann postete Jennie Kim, Megastar und Mitglied der populären K-Pop-Band Balckpink, 2023 ein Foto von sich, wie sie im Nationalpark an einem Abgrund sitzt.
Kim hat rund 90 Millionen Follower und seither wird der Ort überschwemmt von Touristinnen und Touristen, welche genau dieses Bild nachstellen wollen. Teilweise sind es täglich Hunderte, teilweise Tausende, welche zum Felsen am Little Switzerland Drive strömen und auf einen der 16 Parkplätze hoffen.
Der Blue Mountains City Council sah sich deshalb gezwungen, den Zugang zum Aussichtspunkt im vergangenen Monat vorübergehend zu sperren, bis eine langfristige Lösung gefunden wird. Eine Entscheidung, die bei Anwohnenden, Naturschützerinnen und -schützern und auf den Tourismus angewiesenen Unternehmen zu einer Debatte geführt hat. Denn die Bewohnerinnen und Bewohner der Orte in der Gegend leben grösstenteils vom Tourismus.
In Lincoln’s Rock sind verschiedene Optionen im Gespräch: die Sperrung gefährlicher Abschnitte, begrenzte Zutrittszeiten und eine Tagesobergrenze von Besuchenden.
🇮🇹 Capri
Capri zählt zu den bekanntesten und meistbesuchten Urlaubszielen Italiens. In der Hochsaison erreichen die Besucherströme im Schnitt bis zu 50'000 Menschen pro Tag. Auf der kleinen Insel leben gerade einmal etwa 13'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Besonders im Sommer kommt es regelmässig zur Überfüllung an Häfen, Aussichtspunkten und historischen Sehenswürdigkeiten des Eilands.
Auf der beliebten italienischen Mittelmeerinsel gelten ab der kommenden Sommersaison darum strengere Regeln für Touristeninnen und Touristen: Dann werden nur noch organisierte Reisegruppen von maximal 40 Personen an Land gelassen. Dies berichtete die Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf einen einstimmigen Beschluss des Gemeinderats der Insel im Golf von Neapel.
Die beschlossenen Regeln sehen ausserdem vor, dass Reiseleiter mit Gruppen von mehr als 20 Personen keine Lautsprecher mehr bei Führungen durch den Hauptort von Capri benutzen dürfen. Stattdessen sollen sie mit den Reisenden über Funkkopfhörer sprechen, um andere Menschen – vor allem Einheimische – in der Umgebung vor der Lärmbelästigung zu schützen.
🇮🇹 Rom
Der Trevi-Brunnen ist eines der beliebtesten Fotosujets in Rom, das ja wahrlich nicht mit Sehenswürdigkeiten geizt. Doch beim riesigen Brunnen wurden jetzt Massnahmen ergriffen.
Seit dem 2. Februar 2026 muss man für einen abgegrenzten Bereich direkt am Wasserbecken der «Fontana di Trevi» zwei Euro Eintritt bezahlen. Die italienische Hauptstadt versucht mit dieser Massnahme, die Besucherströme an einem der wichtigsten Touristenmagnete Roms besser zu kanalisieren und das üblich gewordene Gedränge zu verhindern.
Bereits seit etwa einem Jahr ist der Besucherandrang am Trevi-Brunnen begrenzt: Maximal 400 Personen dürfen sich gleichzeitig am Becken aufhalten. Im vergangenen Jahr wurden mehr als zehn Millionen Besucherinnen und Besucher gezählt, mit Spitzenwerten von bis zu 70'000 Personen pro Tag. Das Ticket sei eingeführt worden, um «der Überfüllung entgegenzuwirken, das Besuchererlebnis zu verbessern und eines der beliebtesten Monumente der Stadt zu schützen», hiess es aus Rom.
🇦🇹 St.Anton
Zum Abschluss keine konkrete Massnahme, aber eine Szene, wie sie zuletzt immer wieder im Internet auftauchte. Im letzten Jahr waren es beispielsweise die Autokolonne zum Yosemite-Nationalpark in Kalifornien oder die Besuchermassen am Comer See. Kürzlich machte ein Video aus St.Anton am Arlberg die Runde, welches Wintersportlerinnen und -sportler auf Pisten und beim Anstehen zeigen:
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