Schweiz
Psychologie

Femizide: Weshalb töten Männer ihre Frauen? Ein Forensiker ordnet ein

«Werden in Zukunft wohl häufiger erfolgreiche Frauen haben, die durch Femizid sterben»

Männer, die ihre Frauen mit Kameras überwachen, sie in Rage töten und den Mord zu vertuschen versuchen. Zwei solche Fälle kamen kürzlich vor Gericht. Woher kommt dieser Kontrollwahn? Und was hat das mit der Stellung der Frauen zu tun? Der forensische Psychiater Thomas Knecht ordnet ein.
29.07.2024, 11:29
Annika Bangerter / ch media
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In Bergdietikon AG ertränkt ein Mann seine Frau in der Badewanne. In Altstetten ZH sticht ein anderer Mann Dutzende Male auf seine Partnerin ein und tötet sie qualvoll. Diese beiden Taten wurden kürzlich vor Gericht verhandelt. Die Prozesse gaben Einblicke in ein besonders dunkles Kapitel der häuslichen Gewalt: die Femizide. Alle zwei Wochen wird in der Schweiz eine Frau von ihrem Partner oder einem Familienmitglied umgebracht.

In den Rausch der Gewalt geraten die Männer nicht ohne gewaltvolle Vorgeschichte. Die Hemmungen fallen nach und nach.
In den Rausch der Gewalt geraten die Männer nicht ohne gewaltvolle Vorgeschichte. Die Hemmungen fallen nach und nach.Luis A. Ripoll/Adobe Stock

Doch weshalb töten Männer die Mütter ihrer Kinder? Der forensische Psychiater Thomas Knecht hat zahlreiche solche Fälle begutachtet – und ist dabei auf Parallelen gestossen.

Die Prozesse der beiden Femizide von Bergdietikon und Altstetten zeigten, dass die Täter regelrecht in Rage töteten. Woher kommt diese Wut?
Thomas Knecht: Solche Taten haben eine längere Vorgeschichte. In der Regel kommt die Gewalt zu einem früheren Zeitpunkt in die Beziehung, nimmt mit der Zeit zu und eskaliert schliesslich. Der katastrophale Tiefpunkt - der Tod der Frau - ist dabei nicht a priori beabsichtigt. Vielmehr wollen die Männer mit Gewalt ihre Frauen zwingen, die Beziehung fortzusetzen. Was auch vorkommt, aber seltener ist, dass der Mann den Verlust seiner Frau realisiert und sich auf den Standpunkt stellt: Wenn ich sie nicht haben kann, dann soll sie kein anderer bekommen.​

Der Psychiater war zwischen 2012 und 2023 Leitender Arzt im Fachbereich Forensik am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden in Herisau. Er begutachtete Mörder, Vergewaltiger oder Betrüger. Seit ...
Der Psychiater war zwischen 2012 und 2023 Leitender Arzt im Fachbereich Forensik am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden in Herisau. Er begutachtete Mörder, Vergewaltiger oder Betrüger. Seit rund einem Jahr ist er als Psychiater pensioniert, übernimmt als Gutachter jedoch noch Fälle.

In Altstetten stach der Täter Dutzende Male zu, in Bergdietikon ertränkte der Täter die Frau in der Badewanne. Beides braucht eine gewisse Zeit. Weshalb gab es keinen Moment der Besinnung?
Glücklicherweise funktioniert in vielen anderen Fällen der Verstand der Männer noch rechtzeitig. Bevor die Katastrophe eintritt, kommen sie zur Besinnung und lassen von der Frau ab. Die Tötungshemmung ist lange wirksam. In diesen beiden geschilderten Fällen scheint der Tatentschluss allerdings sehr gereift. Es geht nur noch um die Vernichtung des Gegenübers.​

Ist ein Femizid demnach geplant?
Das kann sein, muss aber dem Täter erstmals nachgewiesen werden. Zugeben wird das keiner, das würde sich strafverschärfend auswirken.​

Ist diese Rage beim Töten typisch für Femizide?
Ja, gerade wegen der gewaltgeprägten Vorgeschichte. Die Hemmungen fallen nach und nach. Häufig entwickeln die Männer zudem eine Vergeltungssucht und ungerechtfertigte Verdächtigungen. Etwa, wenn sie der Frau einen Liebhaber andichten. Das führt dazu, dass sich in ihnen eine Wut aufstaut, die in der maximalen Empörung mündet.​

Die Täter von Bergdietikon und Altstetten überwachten ihre Frauen zu Hause mit Kameras. Inwiefern hängt dieser Kontrollwahn mit der späteren Gewalttat zusammen?
Der ist typisch, wenn auch in dieser Form sehr ausgeprägt. Macht und Kontrolle sind die zentralen Themen von jeglicher häuslicher Gewalt. Werden aber solche Überwachungsmassnahmen eingesetzt, ist die Fantasie schon sehr weit fortgeschritten, was alles passieren könnte, wenn es in der Beziehung nicht mehr stimmt. In der Regel greifen ganz bestimmte Persönlichkeitstypen auf solche Mittel zurück.​

Welche?
Das sind die sogenannten paranoiden Persönlichkeiten. Sie weisen ein krankhaftes Misstrauen auf - oft verbunden mit Ressentiments, Vergeltungsdenken und Selbstgerechtigkeit. Zentral ist allerdings ihre völlige Unfähigkeit, jemandem das Vertrauen zu schenken.​

Sie haben zahlreiche Femizide begutachtet. Sind Ihnen Parallelen aufgefallen?
Ja, die Muster sind ähnlich. Eine Trennung eskaliert häufiger bei zwei gegensätzlichen Persönlichkeiten, die kulturell sehr unterschiedlich geprägt sind oder einen grossen Altersunterschied haben. In solchen Beziehungen fehlt zudem eine Streitkultur, die einen konstruktiven Umgang mit Konflikten kennt. In der Schweiz besteht die Möglichkeit, einen gröberen Konflikt juristisch zu lösen. Aber nicht jede Kultur begünstigt dies gleichermassen. Eine Scheidung ist vielerorts ein Tabu, was dazu führt, dass zwei Kontrahenten länger zusammenbleiben, als es gesund ist.​

Welche Rolle spielt die Religion?
Neben der kulturellen Prägung kann auch die Religion eine patriarchale Weltanschauung fördern. Vor einem solchen Hintergrund wird es besonders schwierig, wenn eine Trennung nicht denkbar ist und eine Ehe als unauflösbar gilt. Wenn also die Ansicht vorherrscht: Sie hat vor Allah oder vor Gott Treue gelobt – und diese gilt es nun mit allen Mitteln durchzusetzen.

Ähneln sich die Täter hinsichtlich ihrer Persönlichkeit?
Diese Männer erleben sich als Verlierer, können sich dies aber nicht eingestehen. Selbst wenn die Liebe in der Beziehung längst erloschen ist, hegen sie noch einen Besitzanspruch gegenüber ihren Frauen. Sie sehen ihr Versagen nicht, sondern machen die andere Seite für das Zerbrechen der Beziehung verantwortlich.​

Sie machen sich also zum Opfer?
Ja, es ist auffällig, wie selbstgerecht die Täter den vorangegangenen Beziehungskonflikt jeweils beurteilen. Das kann bis zu paranoiden Einbildungen reichen: dass Männer ihren Frauen ein unmoralisches Verhalten unterstellen, um das eigene Versagen zu kaschieren. Der Geist kann sehr kreativ sein, wenn es darum geht, Dinge so darzustellen, dass sie für das eigene moralische Empfinden passen.​

Die Täter von Altstetten und Bergdietikon haben jeweils versucht, den Mord zu vertuschen. Ersterer stellte die Frau als Angreiferin dar, Zweiterer inszenierte einen Suizid. Entstehen solche Lügen spontan?
Das ist unterschiedlich. Hegt der Täter seit längerem die Idee des Mords, legt er sich einen entsprechenden Ausweg zurecht. Er will ja nicht büssen für das Geschehene, weil er in seinem subjektiven, egozentrischen Rechtsempfinden nicht die Schuld daran trägt. Eskaliert hingegen die Gewalt, improvisieren die Täter eher – oder sie stellen sich der Polizei. Solche Fälle habe ich auch schon erlebt.

Ist Reue für die Männer, die sich stellen, ein Thema?
Ja, durchaus. Das kann sogar dazu führen, dass der Täter sich selbst umbringt. Tötet er sich unmittelbar nach dem Mord an der Frau, ist es in der Regel jedoch schwierig, den Tathergang sauber zu rekonstruieren.​

Und wenn beide zusammen in den Tod wollen, wie dies insbesondere bei älteren Paaren vorkommt?
Ob dieser Entscheid tatsächlich von beiden Seiten gewollt war, ist fraglich. Das ist eine sehr anspruchsvolle Ermittlungsarbeit, dies zu verifizieren, auch wenn schriftliche Dokumente genau diese Absicht suggerieren. Denn es ist extrem selten, dass zwei Menschen gemeinsam in den Tod wollen, ohne dass einer auf den anderen Druck ausübt.​

In Binningen BL wurde Anfang Jahr eine weitere Frau von ihrem Mann mutmasslich getötet. Wie das Opfer in Bergdietikon war sie beruflich erfolgreich und hatte Karriere gemacht. Ist das Zufall?
Vermutlich werden wir in Zukunft häufiger erfolgreiche Frauen haben, die durch einen Femizid sterben. Es ist eher ein neues Phänomen, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit der Frau als prägendes Element wegfällt. Ist eine Frau heute besser oder gleich gut wie ihr Mann gestellt, bleibt sie in der Regel nicht aus ökonomischen Gründen bei ihm. Damit entfällt ein bislang wichtiges Instrument zur Machtausübung.​

Sind Täter von Femiziden psychisch krank?
Nein, in der Regel nicht. In der Regel funktionieren sie – abgesehen vom Krisenherd Beziehung – ziemlich gut. Viele von ihnen sind berufstätig, haben einen Bekanntenkreis und pflegen Hobbys.

Eine Therapie ist bei diesen Tätern demnach nicht angebracht?
Das ist unterschiedlich. Es ist tendenziell falsch, sie mit Psychopharmaka zu behandeln - ausser es liegt eine Psychose mit Wahnbildung vor. Aber in gewissen Fällen ist es durchaus sinnvoll, sie in ein Anti-Gewalt-Programm zu schicken. Dort lernen sie, eine Streitkultur zu entwickeln und sich zu behaupten, ohne die Grundrechte des Gegenübers zu verletzen. Diese Option muss für jeden Fall individuell beurteilt werden. Ist ein Täter vollkommen selbstgerecht, ist es hoffnungslos. Es muss eine gewisse Einsicht vorliegen.

Haben Sie auch Frauen begutachtet, die ihre Partner getötet haben?
Ja, aber diese Fälle unterschieden sich klar von den Femiziden. Mir ist noch nie eine Frau begegnet, die ihren Mann unbedingt halten wollte, obwohl er sich von ihr innerlich schon verabschiedet hatte. Vielmehr gelang es diesen Frauen nicht, mit gesellschaftlich akzeptierten Mitteln aus der Beziehung rauszukommen. Sei dies, weil ihre Männer einen enormen Druck auf sie ausübten oder gar ihre Bewegungsfreiheit einschränkten. Die Tötungen waren daher eher als Befreiungsschlag aus einer unerträglichen Lebenssituation anzusehen, weil die Frauen keinen anderen Weg fanden. (aargauerzeitung.ch)

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132 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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P. Etter
29.07.2024 11:30registriert Dezember 2021
Wir haben also pro Jahr 25 Frauen, die von ihren Männern umgebracht werden, 800 Vergewaltigungen und knapp 20'000 Straftaten im häuslichen Bereich.
Ohne etwas wirklich implizieren zu wollen: gibt es für diese Entwicklung auch ethnische Hintergründe?
Denn das BFS hat dazu auch die Zahlen der Einwanderung darüber gelegt. Der Anstieg geht Hand in Hand.
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bitzliz'alt
29.07.2024 11:30registriert Dezember 2020
Ich vermisse Hinweise auf die Herkunft der (männlichen) Täter: Wer in einem Macholand aufwächst, wegen Gewalt/Krieg mit seinen Eltern in die Schweiz flüchtet, hat nach meinen Kenntnissen "schlechtere Karten" als ein Schweizer, der hier aufgewachsen ist ....
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Maya Eldorado
29.07.2024 12:45registriert Januar 2014
Das erinnert mich an meine Jungend in den 60er Jahren.
Meine Mutter bläute mir ein, dass die Frauen dümmer sein müssen als Männer, weil sie sonst kein anständiger Mann nimmt.
Mein Notendurchschnitt war sehr gut, hätte auch für ein Studium gereicht.
Ich wurde dann zu einer Berufslehre verdonnert, mit der ich überhaupt nichts anfangen konnte.
Hat meine Mutter damals auch schon an Femizid gedacht? Wohl kaum.
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