Komm mit durch den wohl grössten Bergsturz der Welt
Kennst du den Brunnen von Valendas im Bündner Safiental? Was sich unspektakulär anhört, ist der grösste Holzbrunnen Europas. 1760 wurde er gebaut, sein grösstes Becken misst 4,80 × 7,80 Meter bei einer Tiefe von 40 Zentimetern. Der Brunnen ist so gross, dass er auch mal als Theaterbühne dient. So wie bei meinem Besuch, als an acht Tagen – verteilt auf zwei Wochen – da mitten auf dem Brunnen beim Dorfplatz «Die Brunnenfrau zu Valendas» aufgeführt wurde.
Früher war es die einzige Wasserquelle im Dorf, heute ein Ort für eine willkommene Erfrischung. Und wenn du hier mit dem Postauto ankommst, ist es auch der Ort, wo du deine Wasserflasche für eine sehr spektakuläre Wanderung füllen kannst. Denn es geht ab hier durch das Gebiet des vermutlich grössten Bergsturzes der Welt.
Warum nur vermutlich? Nun, dieser ereignete sich vor rund 9500 Jahren. Alle Naturereignisse der Welt wurden in dieser Zeitspanne wohl noch nicht erfasst. Der Flimser Bergsturz aber ist belegt (er war so gross, dass man nicht mehr von einem Fels-, sondern eben einem Bergsturz spricht). Er ist mit Sicherheit der grösste der Schweiz. In Europa oder der Welt sind bisher keine grösseren bekannt.
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Nach der letzten Eiszeit krachten zwischen neun und zwölf Milliarden Kubikmeter Fels in die Tiefe. Gründe für das Ereignis gibt es verschiedene. Auslösende Faktoren dürften in erster Linie der Rückzug der Gletscher, die Erosion der Talsohlen sowie veränderte klimatische Bedingungen gewesen sein. Der Vorderrhein wurde zugeschüttet und staute sich kurz nach Ilanz zum riesigen Ilanzersee, der knapp 30 Kilometer lang wurde.
Über die Jahre frass sich das Wasser seinen Weg wieder frei, der grosse See verschwand und die Rheinschlucht (Ruinaulta ist die romanische Bezeichnung, «Ruinas» = Geröllhalde, Pfeiler und «aulta» = hoch) zwischen Ilanz und Reichenau entstand.
Falls du auch solche Rekorde kennst, schreib mir an: reto.fehr@watson.ch
Überbleibsel des Bergsturzes sind unter anderem auch die bekannten Cauma- und Crestaseen. Beide werden unterirdisch durch die Schuttmassen des Bergsturzes gespeist.
Die Ereignisse nachvollziehen konnte man mit Messungen an der Oberfläche des Trümmerfeldes, anhand von Bohrungen und Fundstücken wie einem alten Eichenstrunk. Mit Letzterem konnte im Dezember 2024 das Datum des Bergsturzes noch genauer bestimmt werden.
Heute kannst du durch den Bergsturz – also durch das, was im Verlauf der 9500 Jahre daraus geworden ist – wandern. Die Rheinschlucht gilt als Grand Canyon der Schweiz (der Creux du Van wird teilweise auch so bezeichnet). Bis zu 400 Meter tief grub der Fluss sich seinen Weg frei.
Und wenn du da unterwegs bist, hast du – bis auf die Bahnlinie – immer wieder das Gefühl, dass du weit weg von allem bist. Und mit dem Hintergrundwissen der Entstehung ist das alles noch viel imposanter.
Von Valendas führt der Weg erst hinunter zum Bahnhof (du kannst natürlich auch direkt hier starten, wenn du nur die Schlucht sehen willst). Schon nach wenigen Metern entdeckst du die ersten eindrücklichen Felsformationen.
Je nach Wasserstand kannst du bald auf eine lange Kiesbank und kurz direkt dem Fluss entlang wandern oder bei einem Picknick die Gegend geniessen. Beim Zufluss des Carrerabachs hat es dafür eine offizielle Feuerstelle.
Beachte, dass danach weite Teile Naturschutzgebiet sind, insbesondere für seltene Vögel. Am besten bleibst du – wie immer – auf den Wegen, um die Vögel nicht zu stören und befolgst die Hinweisschilder für spezielle Brutzeiten.
Der Wanderweg führt danach – schön im kühlen Wald – im Hang über dem Fluss weiter talwärts. Du kommst so zu herrlichen Aussichtspunkten und weiteren Grillstellen.
Kurz vor dem Bahnhof Versam (hier hat es auch ein Restaurant!) beeindrucken einmal mehr die Felsgebilde.
Es geht noch einige Meter direkt am Wasser weiter, bevor du die letzte Schlaufe des Flusses abkürzen kannst und über die Eisenbahnbrücke das Gewässer überquerst.
Jetzt folgt der schweisstreibende Aufstieg aus der Schlucht. Immerhin: Oben wartet die nächste Grillmöglichkeit mit herrlicher Aussicht ins Tal und auf die Strasse, welche sich auf der anderen Schluchtseite durch die Felsen windet.
Zum Abschluss kannst du dir ein Bad im Crestasee gönnen. Also unbedingt die Badehosen mitnehmen. Wie erwähnt, entstand auch dieser nur durch den Bergsturz. Heute unvorstellbar, so friedlich, wie der See da in den Wald eingebettet liegt. In 15 Minuten bist du ab hier bei der Bushaltestelle.
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