«Das würde ich bedauern»: Chefin des Bundesamts für Sport kämpft für Turn-Obligatorium
Bei 33 Grad im Schatten redet Sandra Felix über olympische Winterspiele. Der Bundesrat hat soeben seine Botschaft zu Olympia 2038 in der Schweiz verabschiedet. Das freut die Direktorin des Bundesamts für Sport. Rund 200 Millionen Franken will der Bund investieren. Die Defizitgarantie übernehmen vermögende Privatpersonen und Firmen. Die Schweiz sei ein innovatives Land, sagt Felix im Interview. Und sie verrät auch, welches Turngerät im Schulsport ihr nicht so viel Freude bereitet hat.
Frau Felix, als Bündnerin: Sind Sie schon beim Fussball angekommen oder hängen Sie noch an der Eishockey-WM?
Sandra Felix: Die Eishockey-WM ist schon noch präsent. Natürlich haben wir den Final verloren. Aber trotzdem war es ein Megaturnier. Letzte Woche habe ich den Match Schweiz gegen Bosnien-Herzegowina geschaut – ich bin im Fussball angekommen.
Und wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweiz olympische Spiele erhält?
Wenn es nach mir geht: 100 Prozent. Aber es geht ja nicht nur nach mir. Ich möchte es so sagen: Wir geben alles dafür, damit die Spiele in der Schweiz stattfinden können – aber in einer Art und Weise, die zur Schweiz passt. (schweizheute.ch)
Die Schweiz hat mit der Frauen-EM und der Eishockey-WM gezeigt, dass sie grosse Sportanlässe organisieren kann. Ist das das beste Argument für Olympische Spiele?
Für mich steht ausser Zweifel, dass die Schweiz grosse Anlässe durchführen kann. Und sie kann das gut. Sie sind attraktiv, professionell organisiert und für die Zuschauerinnen und Zuschauer ist der Besuch erschwinglich. Sportgrossanlässe begeistern, verbinden und schaffen positive Effekte weit über den Sport hinaus.
Trotzdem sind Olympische Spiele in der Schweiz in der jüngsten Vergangenheit bisher immer gescheitert. Warum sollte es diesmal klappen?
Natürlich gibt es auch diesmal Herausforderungen. Aber die Ambition muss schon sein, dass das zu schaffen ist, sonst hat man zu einem gewissen Grad schon verloren.
Sie glauben also weiterhin daran?
Ja. Wir stehen zwölf Jahre vor diesem Event. Das gibt uns genug Zeit, die vielen Chancen zu nutzen, die sich bieten. Daran muss man jetzt arbeiten.
Was ist dieses Mal anders?
Zum Beispiel der Finanzierungsansatz: Die Spiele sollen zu einem hohen Anteil privat finanziert werden. Das ist etwas Neues. Die Schweiz ist ein innovatives Land. Warum also nicht auch in diesem Bereich? Ich glaube persönlich, dass Olympische und Paralympische Winterspiele der Schweiz viel bringen können. Als Gemeinschaft zusammen etwas Grosses zu realisieren, das ist gewaltig. Ich glaube, wir waren noch nie so nah an einem Projekt, das tatsächlich zur Schweiz passt.
Das IOC will aber bereits bis 2027 wissen, woran es ist. So viel Zeit bleibt also nicht.
Das ist zweifellos eine Herausforderung. Der Bund hat aber mit dem Planungsbeschluss den Rahmen für sein Engagement definiert. Jetzt geht es darum, dass der Verein Switzerland 2038 mit dem IOC, den Kantonen und den Austragungsorten die offenen Fragen klärt.
Ist der private Ansatz gerade für das IOC die grösste Hürde?
Er ist neu – auch für das IOC. Deshalb müssen in den nächsten Monaten noch einige Fragen geklärt werden.
Der Bundesrat klingt in seiner Botschaft erstaunlich überzeugt, bisher klang er immer skeptischer.
Ich glaube, eine gesunde Skepsis ist immer gut, wenn man sich mit grossen Projekten beschäftigt. Aber der Bundesrat sieht die Chancen, die sich hier bieten.
Welche Chancen?
Der Bundesrat sieht eben nicht nur drei Wochen Olympische Spiele und drei Wochen Paralympics. Er sieht auch die Jahre davor, in denen man Entwicklungen anstossen und die Schweiz voranbringen kann. Dazu kommen Aspekte wie die Positionierung der Schweiz im Ausland. Das sind Faktoren, die den Bundesrat überzeugt haben, dass sich ein solches Engagement lohnen kann.
Der Bundesrat steht hinter dem Projekt. Wird das Parlament mitziehen?
Das wird die Debatte zeigen. Es gibt viele gute Gründe für dieses Projekt.
Welche?
Der Anlass kann helfen, bestehende Strategien voranzutreiben – etwa bei Themen wie Inklusion, Mobilität oder Energie. Er ist also eine Investition in die Zukunft. Die heutigen Generationen profitieren von Menschen, die früher investiert und Risiken auf sich genommen haben. Die wussten auch nicht bei allem, ob es erfolgreich sein würde. Aber sie hatten den Mut, grosse Würfe zu machen. Ich finde, es wäre gut für die Schweiz, wenn man wieder einmal so einen grossen Wurf wagen würde.
Ist die lange Vorlaufzeit nicht gleichzeitig ein Nachteil? In zwölf Jahren kann viel passieren. Die Welt ist so schnelllebig.
Natürlich ist das eine Herausforderung. Aber es ist auch die Frage, ob wir bereit sind, in die Zukunft zu investieren. Machen wir diesen Schritt und arbeiten danach konsequent darauf hin? Es geht nicht nur um Sport. Es geht um unsere Gesellschaft, die Wirtschaft und um das Bild der Schweiz im Ausland.
Im Parlament gibt es Forderungen nach einer nationalen Olympia-Abstimmung.
Das Parlament wird am Ende der Debatte entscheiden. Der Bundesrat erachtet eine nationale Abstimmung als nicht nötig, weil das Risiko für den Bund vergleichsweise gering ist und die Bevölkerung dort, wo Wettkämpfe stattfinden, einbezogen wird.
Ein deutliches Ja der Bevölkerung zu den Olympischen Spielen wäre doch das stärkste Signal.
Natürlich hilft die Unterstützung der Bevölkerung. Die bisherigen Umfragen zeigen, dass eine gute Mehrheit Olympische Spiele grundsätzlich positiv beurteilt.
Aber nicht bedingungslos.
Nein. Die Bevölkerung sagt nicht einfach: Das ist super. Ein solcher Anlass soll nachhaltig sein und einen Mehrwert schaffen.
Zum Beispiel?
Bei der Mobilität. Der Bundesrat möchte einen Teil seiner Mittel dafür einsetzen, dass die Anreise mit dem öffentlichen Verkehr im Ticket enthalten ist. Das wurde bei anderen Grossanlässen bereits erfolgreich erprobt. Ein weiterer Punkt ist die Inklusion. Wie schaffen wir es, dass mehr Infrastrukturen barrierefrei werden? Gerade weil man so weit im Voraus planen kann, lassen sich solche Entwicklungen anstossen.
Der vielleicht innovativste Teil des Projekts ist die private Finanzierung. Wo liegen Chancen und Risiken?
Die Chance ist, dass ein solcher Anlass grösstenteils privat finanziert werden könnte und die öffentliche Hand vor allem für Bereiche wie die Sicherheit zuständig wäre. Wenn das in der Schweiz gelingt, könnte das auch für andere Länder ein Modell sein. Die Herausforderung ist, dass die Schweiz ein kleiner Markt ist. Sponsoring und private Mittel in dieser Grössenordnung zu generieren, ist anspruchsvoll.
Trotzdem soll das IOC weiterhin auf staatliche Garantien pochen.
Für das IOC ist dieser Ansatz ebenfalls neu. Genau deshalb führt man diesen privilegierten Dialog. Jetzt muss geklärt werden, wie die verschiedenen Verpflichtungen vertraglich geregelt werden können. Für das IOC ist wichtig, dass Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten klar definiert sind.
Braucht es den Staat am Ende trotzdem?
Ja, selbstverständlich. Der Bund, die Kantone und die Gemeinden haben alle ihre Rolle. Die Schweiz funktioniert aber anders als viele andere Länder. Bei uns kann nicht einfach eine Person entscheiden, dass Olympische Spiele stattfinden. Wir haben verschiedene politische Ebenen und demokratische Prozesse. Das macht vieles komplexer, gehört aber zu unserem System.
Kommen wir zu Jugend+Sport. Nach der Ankündigung möglicher Beitragskürzungen gab es einen Sturm der Entrüstung. Hat Sie das überrascht?
Nein. Jugend+Sport ist in der Schweiz enorm stark verankert. Fast jede Person hat irgendeinen Bezug dazu – sei es persönlich, über die eigenen Kinder oder über ein Leiteramt. Es ist eine riesige Marke und ein hervorragendes Produkt. Deshalb überrascht es nicht, dass sich viele Menschen dafür einsetzen.
War die Kommunikation damals ein Hilferuf an die Politik, damit die Gelder aufgestockt werden?
Nein. Das entspricht nicht meinem Stil. Der Bundesrat hat auf Basis unserer Zahlen bereits 2024 festgestellt, dass der Kredit nicht reichen wird, wenn die Teilnehmerzahlen bei J+S so weiter ansteigen. Das war der Fall. Wir haben deshalb frühzeitig kommuniziert, damit die Vereine Planungssicherheit hatten.
Eigentlich ist das doch ein Luxusproblem. Jugend+Sport ist erfolgreicher als erwartet.
Ja, das Wachstum ist grundsätzlich erfreulich. Es zeigt, dass die Angebote genutzt werden. Gleichzeitig muss die Finanzierung mit dieser Entwicklung Schritt halten.
Braucht es irgendwann Grenzen oder werden zu viele Sportarten unterstützt?
Grundsätzlich wollen wir, dass sich Kinder und Jugendliche bewegen – und zwar in jener Sportart, die ihnen Freude macht. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Entwicklung der Sportarten zu steuern. Das ist Sache der Verbände und Vereine. Aktuell nehmen wir aus finanziellen Gründen keine neuen Sportarten bei J+S auf.
Im Projekt Aufgabenentflechtung von Bund und Kantonen wird geprüft, ob die Pflicht von drei Schulsportlektionen aufgehoben werden soll. Wie sehen Sie das?
Die Schule ist der einzige Ort, an dem wir wirklich alle Kinder erreichen. Wenn man die Studien anschaut, sagen die Kinder und Jugendlichen selbst, dass ihnen Schulsport wichtig ist. Viele würden sogar zusätzliche freiwillige Angebote nutzen. Darum würde ich es bedauern, wenn dieses Obligatorium aufgehoben würde.
Was würde passieren, wenn es weniger Lektionen Turnen gäbe?
Das hätte wohl auch Einfluss auf die Infrastruktur. Wenn es weniger Schulsport gibt, dann braucht es auch weniger Turnhallen und Aussenplätze. Und das wiederum hätte dann auch Einfluss auf die zahlreichen Sportvereine. Viele von ihnen kämpfen heute schon mit Platzproblemen. Diese würden sich weiter verschärfen.
Woran erinnern Sie sich beim Schulsport besonders?
Vor allem an die Mannschaftssportarten. Wir haben viel Korbball, Volleyball oder Brennball gespielt. Ich fand es einfach cool, gemeinsam etwas zu machen. Natürlich gab es Geräte, die ich nicht mochte, die Kletterstange zum Beispiel.
Zum Schluss: Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweiz die WM gewinnt?
Schwierige Frage. Aber wenn sie so spielen wie in den letzten 20 Minuten gegen Bosnien, dann ist vieles möglich.
Und wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweiz olympische Spiele erhält?
Wenn es nach mir geht: 100 Prozent. Aber es geht ja nicht nur nach mir. Ich möchte es so sagen: Wir geben alles dafür, damit die Spiele in der Schweiz stattfinden können – aber in einer Art und Weise, die zur Schweiz passt. (schweizheute.ch)

