«Hier wäre ich gerne noch einmal angetreten»: Dario Cologna über die Lust an Olympia
Während der Olympischen Spiele werden Sie als SRF-Langlaufexperte im Val di Fiemme vor Ort sein. Es sind die ersten Winterspiele seit 2006, die ohne den Athleten Dario Cologna über die Bühne gehen. Ein seltsames, wehmütiges Gefühl?
Es ist vier Jahre her, dass ich aufgehört habe und nicht mehr im Langlaufweltcup dabei bin. Man gewöhnt sich daran. Ich werde in einem Monat vierzig, ich kann gut abschliessen mit der Idee, Spitzensportler sein zu wollen. Aber ja, diese Winterspiele hätten gerne etwas früher kommen dürfen. Ich habe schöne Erinnerungen an Val di Fiemme: den WM-Titel 2013, die Tour-de-Ski-Erfolge. Hätte ich vor vier Jahren hier olympisch antreten können, hätte mich meine Motivation vielleicht noch einmal weiter nach vorn getragen.
Ärgert es Sie, dass Sie nie Winterspiele in Europa erlebt haben? Zwischen 2010 und 2022 nahmen sie in Vancouver, Sotschi, Pyeongchang und Peking teil.
Damit musste ich leben, die olympischen Erfahrungen waren trotzdem grossartig. Das persönliche Olympia-Highlight war für mich Sotschi, nicht nur wegen der zwei Goldmedaillen, auch weil in Russland die Begeisterung fürs Langlaufen spürbar war. In Vancouver war das anders. In Pyeongchang war schon hinter dem ersten Hügel kein Mensch mehr zu sehen. Und in Peking während Corona sowieso. Natürlich wäre Val di Fiemme schöner gewesen, ich erwarte hier viel Stimmung. Wobei: Im Langlauf sind Weltmeisterschaften grundsätzlich stimmungsvoller als olympische Spiele, wo die Restriktionen für Zuschauer einfach grösser sind.
Und dennoch steht Olympia über allem. Ihre vier Goldgewinne haben Ihre Karriere geprägt. Sie werden darüber definiert. Manchmal fast zu sehr?
Auch ohne Olympia hätte ich eine gute Karriere gehabt. Aber es stimmt schon, die Aufmerksamkeit ist einfach noch grösser an Winterspielen. Es gibt mehr Weltmeister als Olympiasieger. Und wenn du zum Beispiel in den USA sagst, du seist Langlauf-Weltmeister, dann finden das die Leute so lala. Wenn du sagst, du seist «Olympic Champion», rufen alle «Hurra!».
Sie sind zusammen mit Simon Ammann erfolgreichster Schweizer Olympiateilnehmer. Würde es Sie wurmen, wenn zum Beispiel Marco Odermatt Sie überholen würde? 2030 könnte es so weit sein.
Diese Auszeichnung bedeutet mir natürlich schon etwas. Aber ich würde das Marco natürlich gönnen, das sehe ich einigermassen entspannt. Er steht bei einer Goldmedaille. Ist er in der Teamkombi dabei? Wenn ja, könnte er mich schon dieses Jahr überholen. Aber die Teamkombi-Medaille zähle ich dann nur halb (lacht). Es ist ja auch immer schwierig, den Wert von Medaillen in verschiedenen Sportarten zu vergleichen.
Wenn wir beim Vergleich verschiedener Sportarten sind: Wird genug gemacht für den Langlauf in der Schweiz verglichen mit Ski alpin?
Natürlich kann man immer mehr machen, aber man ist schon gut aufgestellt. Die Strukturen haben sich verbessert, das hat auch mit meinen Erfolgen zu tun, das darf ich schon sagen. Klar liegt der Fokus auf den Alpinen. Wenn es den Langläufern nicht läuft, überlegt man sich, ob man sie im Swiss-Ski-Topf herunterstufen soll. Als die Alpinen einst einmal eine Weile lang nicht erfolgreich waren, hiess es: «Da müssen wir mehr investieren!»
Sie sind extrem fit geblieben. War für Sie nach der Karriere von Beginn weg klar, dass sie weiterhin so viel trainieren wollen? Oder haben Sie plötzlich gemerkt: Es geht nicht ohne?
Das hat sich so ergeben, ich liess es auf mich zukommen. Ich machte Sport immer aus Leidenschaft, so ist es geblieben. Aber «viel trainieren» würde ich es nicht nennen, das ist kein Vergleich zu früher. Vor den Marathons im vergangenen Jahr bin ich höchstens rund 90 Kilometer wöchentlich gerannt. Sieben bis acht Stunden in der Woche. Das ist ein Hobby.
Sie rennen sehr schnelle Strassenmarathons, hielten zudem als «Amateur» zweimal am «Engadiner» vorne mit. Das tönt nicht nach Hobby. Andere hätten bei dieser Form Comeback-Gedanken.
An eine Rückkehr in den Weltcup dachte ich nie. Aber natürlich, als es mir am «Engadiner» zweimal fast zu gut lief, da machte ich mir schon den Gedanken: Wie viel würde es noch brauchen, um wieder um den Sieg mitlaufen zu können? Die körperlichen Grundlagen sind einfach da, ohne viel zu investieren. So kam der Ehrgeiz beim Strassenmarathon auf. 2:22 Stunden schaffte ich, eigentlich wollte ich im Dezember in Valencia 2:20 laufen, hatte aber Achillessehnenprobleme.
Das tönt sehr ambitioniert.
Es tut mir körperlich wie mental gut, ein bisschen etwas zu tun, aber ich mache das für mich. Ob ich einen Marathon zwei Minuten schneller renne oder nicht, ist nicht mehr so wichtig. Ich sehe mich nicht mehr als Spitzenathlet. Um die Zeiten weiter zu senken, würde es richtig viel Aufwand brauchen. Das tue ich mir kaum an.
Und dennoch: Wenn Sie es darauf angelegt hätten, wären Sie an den Spielen in diesem Jahr dabei.
Ich weiss nicht, ob das die anderen gerne hören (lacht): Aber wenn ich nie als Profi aufgehört hätte, hätte es mir vielleicht schon gereicht. Aber das ist hypothetisch. Es war nie mein Ziel, an Winterspielen einfach nur teilzunehmen.
Die Anerkennung, die Sie dank der Erfolge hatten, war riesig. Da kann man nach dem Rücktritt auch in ein Tief fallen. Gab es das bei Ihnen nicht?
Nein, wohl auch dank des Sports. Es war der richtige Zeitpunkt für mich, die letzte Saison 2021/22 war die schlechteste in meiner Karriere. Danach begann ich bald mit dem Kommentieren der Rennen. Das war zuerst seltsam, aber es half auch: Es war schön, dass ich weiterhin dabei war. Und manchmal dachte ich: Ich bin froh, muss ich da nicht mehr mitlaufen.
In Ihrer letzten Saison, gerade vor Peking 2022, wirkten Sie zuweilen genervt über die grosse Erwartungshaltung bei Medien und Öffentlichkeit.
Vielleicht war das so, aber wahrscheinlich waren es meine eigenen Erwartungen an mich, in Peking vorne mitzulaufen. Doch es ging nicht mehr auf, ich war im falschen Moment krank, das war unschön. Aber was rückblickend bleibt, ist der schöne Rest, die Erfolge.
Trainieren, kommentieren... Was machen Sie heute sonst im Leben?
Vater sein unter anderem (Dario und Laura Cologna sind Eltern einer einjährigen Tochter und eines bald vierjährigen Sohns, die Red.). Und es gibt auch sonst immer zu tun. Ich habe das Glück, dass ich von meiner Sportkarriere etwas mitnehmen kann, ich arbeite mit vielen Sponsoren zusammen. Auch da hilft es, sportlich aktiv und auf Social Media präsent zu bleiben. Weiter bin ich als Athletenvertreter für die Kandidatur des Schweizer Olympiaprojekts 2038 tätig. Ich kann mir auch vorstellen, dass es dort noch mehr zu tun geben wird. Weiter habe ich mich für die IOC-Athletenkommission aufstellen lassen. Die Richtung wird sich weisen.
Apropos Olympiaprojekt. Viele finden, es braucht keine Winterspiele in der Schweiz. Was entgegnen Sie?
Es ist schade, dass sich dieser Gedanke bei einigen eingepflanzt hat. Man könnte ja auch sagen: «Wie toll ist denn das, Olympische Spiele in der Schweiz!» Es gibt vieles, das für das Projekt spricht. Die Schweiz wagt etwas. Es wird bereits bestehende Infrastruktur benutzt. Es sind weniger Bundesgelder nötig als bei vielen viel kleineren Projekten. Die Schweiz als Wintersportnation kann das, sie muss das tun. Wir haben die Möglichkeit, andere Spiele zu gestalten als jene, die ich als Athlet erlebt habe. Das IOC hat mittlerweile auch gesehen, dass man sich diesbezüglich wieder an den Wurzeln des Wintersports orientieren muss.
Gerade in Online-Kommentaren sind viele negative Stimmen zu lesen.
Ich finde, die kritischen Geister müssen das Projekt unbedingt zuerst anschauen, bevor sie kategorisch nein sagen. Wir haben schon viele WM durchgeführt, Freestyle, Eishockey, Biathlon, Ski alpin – warum also nicht Olympia?
Kommen wir zum aktuellen Langlaufteam an Olympia. Sind die Erfolge von der WM in Trondheim von vergangenem Jahr zu wiederholen?
Das wird natürlich schwierig. Wobei die WM-Medaillen, gerade das Silber in der Männerstaffel, ja auch nicht zu erwarten gewesen war vor der WM. Das Material stimmte perfekt in Trondheim. Das hat sich nun womöglich etwas ausgeglichen, andere Nationen haben aufgeholt. Im Sprint geht man dennoch mit Medaillenchancen nach Val di Fiemme, allen voran dank Nadine Fähndrich. Bei den Distanzläufern war man im Weltcup über längere Zeit etwas weit weg von den Besten. Beda Klee ist jüngst wieder näher gekommen.
Schauen wir in die Zukunft. Wo bleibt der neue Dario Cologna?
Dem 20-jährigen Isai Näff aus Sent, der an der Junioren-WM sowohl im Sprint wie auch in der Distanz Medaillen geholt hat, traut man viel zu, auch seinem Bruder Noe und anderen Sprinttalenten. Und vielleicht werden ja aus den Sprintern irgendwann Allrounder, so wie es Federico Pellegrino gelungen ist. Erfreulich ist zum Beispiel Valerio Gronds Entwicklung auf längeren Distanzen. Wenn er da anknüpfen kann, ist vieles möglich.
Und wie ambitioniert werden Sie ihren persönlichen Nachwuchs auf die Langlaufski stellen?
Gar nicht ambitioniert. Die beiden sollen Skifahren und Langlauf ausprobieren. Es ist schön, wenn sie etwas Sportliches machen, egal was. Ich sage jeweils: Sommersport ist auch ok. Das ist wärmer zum Zuschauen. (lacht)
Wie reagiert der vierjährige Bub, wenn er die vier Medaillen sieht und merkt: Mein Papi war ein Langlaufstar?
Er weiss zwar, dass ich Langläufer war. Die Erfolge kann er aber nicht einordnen. Das kommt dann später. Für ihn bin ich einfach der Papi.
