Helene Fischer im Letzigrund: Eine perfekte Show – doch der grosse Moment bleibt aus
Wer sich über Makellosigkeit definiert, der bekommt schnell Kratzer. So geht es auch Helene Fischer. Die Schlagerkönigin. Mindestens. Keine Falte, kein falscher Ton selbst bei akrobatischen Verrenkungen und keine Unkontrolliertheit. Alles ist so unanständig perfekt. Und dann liefert die Schweiz nicht: «33'500 Besucher» (ungegendert) vermeldet die Veranstalterin.
Das klingt nach viel, verliert sich im Letzigrund aber schnell. Wo sonst dicht gedrängt gefeiert wird, bleiben am Dienstagabend überraschend viele Plätze frei. Dennoch lächelt Fischer, wie sie immer lächelt. Ganz in Rot schwebt sie vom Stadiondach auf die Bühne. Die ist in der Mitte platziert. «Ich werde euch heute allen mal nah sein», sagt sie. Und sehr oft: «Züüürich».
Eine Show für alle
Zürich klatscht mit, singt mit, schunkelt mit. Aber gerade zu Beginn auch eher so zu Zweidrittel oder Dreiviertel. Fischer lächelt. Und sie liefert auch. Ihre Show ist sehr gut. Ihr Sound druckvoll und klar, Band und Stimme spürbar. Ihre Präsenz ist fühlbar. Und trotzdem: Richtig tief geht dieser Abend nicht. Vielleicht gerade deshalb, weil nichts passieren darf. Jede Bewegung sitzt, jeder Übergang ist einstudiert, jede Pointe landet. Beeindruckend ist das allemal. Berührend nur selten.
Auch darum, weil er immer ein Abend für alle sein will. Die Outfits sind knapp, aber nicht zu knapp. Die Dancemoves sind wild, aber nicht zu wild. Und die Special Effects sind mehr so der Typ familienfreundlicher Vulkan als Goldregen mit Knalleffekt.
Und vielleicht ist es sogar ein wenig zu wenig doof. All dieser überpräsente Partyschlager-Ballermann-Dödelsound hat die Messlatte derart tief geschraubt, dass die fischerschen Texte über die Liebe beinahe zu anspruchsvoll wirken. «Lasst uns versprechen, auf Biegen und Brechen» ist so viel sperriger als «machen wir Rambazamba an der Playa» oder wie auch immer es geht.
«Züüüüüürich, was haben wir für eine tolle Party?», fragt Fischer. Kinder werden umarmt, die Mutter weint Freudentränen. «Die Mamis sind die wichtigsten Menschen überhaupt», sagt Fischer. Sie singt ein Duett («Glückwärts») mit einem jungen Fan. Rührend im allerbesten Sinne, auch wenn es sehr einstudiert spontan wirkt. Thierry macht dann Nico noch einen Heiratsantrag auf der Bühne, das Publikum johlt (Nico sagt Ja). «Darauf singen wir ein Liedchen», sagt Fischer.
Die Lieder sind kräftig unterfedert. Die Band spielt wuchtig, der Beat stampft. Und wenn es ganz pumpig wird, dann ist es so, wie sich jene Leute einen Rave vorstellen, die noch nie an einem Rave waren. Dann ist es mehr Scooter als Udo Jürgens. Oder vielleicht ein bisschen wie DJ Bobo mit Texten auf Hochdeutsch. «Irgendjemand tanzt mit mir» und «Da ist eine Party» wären im Set von Fischer weder auf- noch abgefallen.
Es ist ein bisschen wie Zirkus
Dann steht Fischer plötzlich auf dem gigantischen Videowürfel in der Mitte des Stadions. Rund 30 Meter über den Köpfen des Publikums. Sie packt ein Seil und schwebt runter. Ist sie dabei gesichert? Das Auge meint: Nein. Der Verstand sagt: Ja. Es ist ein bisschen Zirkus. Das Kleid von Fischer glitzert wie in der Manege. Es wäre niemand überrascht gewesen, wenn plötzlich noch ein Schimmel auf die Bühne galoppiert wäre. Man denkt: Wenn dieser Abend jetzt noch emotional kippt, könnte er gross werden.
Stattdessen folgt «Atemlos». Ein Hit. Der Hit.
Auch hier nicht kollektive Euphorie. So kontrolliert wie Fischer bleibt an diesem Abend auch das Publikum. Immerhin: All die Handys, die zuvor zum Nebenbeischauen des Matches zwischen Spanien und Frankreich verwendet wurden, braucht es nun zum Filmen.
Und zack weiter. Fischer schwebt erneut durch das Stadion. Macht Salti. Singt. Dann hängt sie an einem Mann. In zehn Meter Höhe. Sie singt. Kein Ton geht daneben. Alles, so denkt man sich auf der Tribüne, ist beeindruckend. Aber eben auch erstaunlich vorhersehbar. Mit etwas mehr Ecken und Kanten wäre dieser Abend vielleicht nicht ganz so perfekt geworden. Dafür besser. (schweizheute.ch)

