Der Regen in der Schweiz lässt weiter auf sich warten – das sind die Gründe
Der Rhein im St.Galler Rheintal ist nur noch ein Rinnsal. Es schlängelt sich zwischen Kiesbänken zwischen den grossen Dämmen durch, die in Erinnerung rufen, dass hier schon Fluten das Land überschwemmten. Das Ufer des Bodensees sieht aus wie die Nordsee bei Ebbe und Köln meldet den tiefsten Pegel, welchen der Rhein je hatte.
Wo ist der Regen hin? Normalerweise finden im September feuchte Winde vom Atlantik den Weg in die Schweiz. Oder Föhnlagen sorgen dafür, dass feuchtwarme Mittelmeerluft am Alpensüdhang ausgepresst wird. «Nicht in diesem Jahr», sagt Gaudenz Flury von SRF Meteo. Wie schon den ganzen Sommer über wird unser Wetter auch jetzt von Hochdruckgebieten bestimmt. Die Hochs sind oft so beständig und kräftig, dass es kaum eine Regenfront zu uns schafft. In diesem September lag der Jetstream, der mit seinen starken Winden die Wetterlagen über Europa verteilt, oft sehr weit im Norden und das Azorenhoch konnte sich oft bis nach Mitteleuropa ausdehnen.
Meteorologe Felix Blumer spricht von einer völligen Blockade der Wetterlage wegen dieses monatelangen Hochs über West- und Mitteleuropa. Wie mit einem Keil wird dieses niederschlagsfreie Hochdruckgebiet von einem weiteren Hoch im Norden festgehalten.
Befreiung gäbe es erst, wenn sich Tiefdruckgebiete vom nahen Atlantik bei uns durchsetzen würden. Dann wäre Regen in Sicht. Kehrt die Strömung wie zuvor zum alten Muster zurück, wird daraus nichts. «Wieso dies so ist, weiss man aktuell nicht», sagt Blumer.
Dies ist aber nicht der einzige Grund für den fehlenden Regen. Ist der Boden einmal völlig ausgetrocknet, verdunstet auch kaum noch etwas. «So reicht es höchstens für ein paar flache Quellwolken, im besten Fall ein paar Regentropfen, und dann ist der Spuk vorbei», sagt Blumer.
Kein Wunder somit, dass der September bisher aussergewöhnlich trocken ist. Regional fiel weniger als ein Fünftel der normalen Septembermenge, im östlichen Mittelland gehört der Monat wohl zu den trockensten seit Messbeginn 1864.
Ein Ende ist nicht in Sicht
Klar ist: Die seit dem Frühling anhaltende Trockenheit hat sich weiter verschärft. Und ein Ende ist nicht in Sicht. «Ende der Woche und auch am Wochenende fällt stellenweise etwas Regen, nach ergiebigem flächendeckendem Regen sieht es aber weiterhin nicht aus», sagt Blumer. «Wenigstens gehen die Temperaturen etwas zurück.»
Nicht nur die Trockenheit, auch die Temperatur ist im September aussergewöhnlich. «Die Höchstwerte liegen im Mittel 3 bis 5 Grad über der Norm», sagt Flury. Und trotz der klaren und kühlen Nächte sind die Tagesdurchschnittswerte um bis zu 4 Grad zu hoch diesen Monat. «Die 30,1 Grad vom vergangenen Sonntag in Basel sprechen eine deutliche Sprache», ergänzt Blumer. «So spät im Jahr gab es auf der Alpennordseite noch nie einen Hitzetag.»
Allerdings wird der September 2026 nicht als der wärmste in die Jahrbücher eingehen. Vor drei Jahren, im September 2023, war es noch deutlich wärmer. Das hat einen Grund: Die Nachmittagstemperaturen sind in diesem September zwar deutlich höher als vor drei Jahren. Weil die Luft aktuell aber kaum Feuchtigkeit hat, kühlt es in den Nächten stark ab. Entsprechend sind die Tagesdurchschnittstemperaturen nicht so hoch wie vor drei Jahren.
Immer wieder wird auch über den Einfluss des Wetterphänomens El Niño gesprochen. Aktuell verstärkt sich El Niño deutlich und die amerikanische Wetterbehörde NOAA rechnet mit stärkeren Auswirkungen im Herbst und Winter.
«El Niño hatte keinen Einfluss auf den Hitzesommer», sagt SRF-Meteochef Flury. Auch auf den bisherigen Herbst lasse sich kein Effekt nachweisen. Wie und ob sich der sehr starke El Niño im kommenden Winter auswirken werde, sei offen. Auch Blumer hält das globale Wetterphänomen nur für einen Scheinzusammenhang. «Momentan haben auch der nahe Atlantik und das westliche Mittelmeer Temperaturen wie nie zuvor, das hat aber keinen direkten Zusammenhang mit El Niño», sagt der ehemalige SRF-Meteorologe.
Das Meereswasser hat Ende August die höchste je gemessene Durchschnittstemperatur erreicht. «Das ist sehr beunruhigend, denn normalerweise erreichen die globalen Meerestemperaturen ihr Maximum erst gegen Ende des Sommers auf der Südhalbkugel – also gegen Ende unseres Winters», sagt Blumer. Eine rasche Abkühlung der Meeresoberfläche ist deshalb nicht zu erwarten. Entsprechend gehen zahlreiche Klimawissenschaftler davon aus, dass 2027 das wärmste Jahr der jüngeren Geschichte werden wird.
Schäden werden sich nächstes Jahr zeigen
Trockenheit und Hitze haben den Bäumen zugesetzt – das sieht, wer durch einen Wald läuft. «Jeder Liter Regen, der nicht fällt, wird sich nächstes Jahr bemerkbar machen», sagt Frank Krumm von der Forschungsanstalt WSL Die Bäume hätten jetzt die stärksten Wasserdefizite dieses Jahres. Wie lange das die Bäume aushalten, sei abhängig vom Standort und den lokalen Verhältnissen dort. Aber manche Bäume würden jetzt absterben. Andere würden zwar wieder austreiben, seien aber geschädigt und geschwächt, sagt der Forstwissenschaftler.
Stark bedroht sind Fichte und Rotbuche im Jura. «Aber es kann alle Baumarten betreffen», sagt Krumm. Auch bei der Birke sind die Prognosen schlecht. Dagegen kommen Eiche, Feldahorn, Walnuss, Spitzahorn, Mehlbeeren, Elsbeeren und Linden besser mit Trockenheit und Hitze zurecht. «Aber von einer Baumart, der ein solcher Sommer nicht viel anhaben kann, können wir nicht sprechen», sagt Krumm. Vor allem geschadet haben den Bäumen die fehlenden Gewitter.
Bei den Obstbäumen stammen viele Arten ursprünglich aus dem Südosten und sind deshalb anpassungsfähig. So etwa Quitten oder auch Birnen, Aprikosen, Pfirsiche. Grosse Birnbäume leiden auch, und das nach Krumm schon länger. Einige Apfelbäume haben mit verfrühtem Laubfall reagiert, viele haben Sonnenbrand. (schweizheute.ch)

