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Solarstrom ist billiger als Öl: Der rasche Wandel in der Energiebranche wirbelt auch die Banken durcheinander.
Solarstrom ist billiger als Öl: Der rasche Wandel in der Energiebranche wirbelt auch die Banken durcheinander.
Bild: keystone
Interview

Schweizer Banken im Klima-Strudel: «Riesengap zwischen Anspruch und Realität»

Aktionärsrevolten und Klima-Klagen: Die Erderwärmung stellt gerade ganze Branchen auf den Kopf. Und rüttelt den Finanzplatz gehörig durch. WWF-Chef Thomas Vellacott sagt, warum die Schweizer Banken den Wandel verschlafen. Und was das mit der Schweizer Selbstgefälligkeit zu tun hat.
11.07.2021, 13:0312.07.2021, 16:17

Herr Vellacott, das brennende Meer im Golf von Mexiko sorgte letzte Woche für apokalyptische Bilder. Inwiefern trifft es die Öl-Industrie?
Das Feuerauge im Ozean machte mich wütend. Vor allem, weil es nicht das erste Mal ist. Es zeigt überdeutlich, dass die Förderung und Nutzung fossiler Energien alles andere als nachhaltig ist. Darum gilt es so schnell wie möglich von Öl und Gas wegzukommen. Positiv ist, dass gewisse Ölfirmen nun durch Aktionäre oder Gerichte gezwungen sind, diesen Wandel einzuleiten.

«Jede umweltschädigende Firma muss sich darauf einstellen, dass gerichtlich gegen sie vorgegangen wird.»

Shell lässt grüssen: Öl-Firmen geraten durch Klima-Klagen immer stärker unter Druck. Ist es an der Zeit, klimaschädliche Firmen auch in der Schweiz vor den Richter zu ziehen?
Der Hebel, gerichtlich gegen Unternehmen vorzugehen, welche die Klimaerwärmung anheizen, hat mit der erfolgreichen Klage gegen Shell zuletzt enorm an Bedeutung gewonnen. Weltweit sind über 1500 Klima-Klagen am Laufen. Inwiefern sich das Schweizer Rechtssystem dafür eignet, wird sich erst noch zeigen. Jede umweltschädigende Firma muss sich darauf einstellen, dass gerichtlich gegen sie vorgegangen wird. Es dämmert den internationalen Investoren, dass dies ein massives Risiko für die Unternehmen darstellt – und sie dies zu wenig auf dem Radar hatten.

In der Schweiz sind nicht Öl-Firmen, sondern die Grossbanken unter Beschuss. UBS und CS etwa investierten 2016 bis 2019 über 80 Milliarden in fossile Energien. Und finanzierten dadurch das 20-fache an Treibhausgas-Emissionen, welche die Schweiz verursacht. Wie kann man das umweltschädliche Gebaren der Banken stoppen?
Es ist an der Zeit zu handeln. Banken sollten sich zu ehrgeizigen Klimazielen verpflichten, verbunden mit wirksamen Massnahmen, wie sie ihre Portfolios an Aktivitäten auf einen 1,5- Grad-Zielpfad bringen.

Sie sagen, dass die Banken die eigenen Öko-Risiken nicht kennen. Nennen Sie Beispiele.
Etwa, wenn sie als Bank selbst oder für ihre Kunden in Immobilien investieren, die durch den steigenden Meeresspiegel bedroht sind. Wenn sich die Banken dessen zu wenig bewusst sind, riskieren sie gigantische Fehlinvestitionen. Oder wenn sie als Bank in Firmen wie ExxonMobil investieren, die keinen Plan haben, wie sie in einer Netto-0-Welt erfolgreich wirtschaften sollen. Dann ist ihr Geld rasch verloren, wenn die klimaschädlichen Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren.

Wie trifft es die Kunden der Finanzinstitute?
Immer mehr Staaten erlassen strengere Klimagesetze. Banken haben ein Problem mit ihren treuhänderischen Pflichten, wenn sie Kunden beraten und diese wichtige Entwicklung und die damit verbundenen Risiken zu wenig berücksichtigen.

Thomas Vellacott.
Thomas Vellacott.
Bild: zvg
Zur Person
Thomas Vellacott (*1971) ist in England geboren und in der Schweiz aufgewachsen. Er studierte Arabistik, danach arbeitete er für die Citibank und das Consultingunternehmen McKinsey. 2001 wechselte er zum WWF Schweiz, deren Chef er heute ist. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Tut sich bei den Banken trotzdem was punkto Klimaschutz – oder ist die kurzfristige Profitgier nach wie vor zu gross?
Langsam setzt bei den Banken das Bewusstsein ein, dass ein Blindflug bezüglich Umweltrisiken nicht sonderlich schlau ist. Die Finanzinstitute bewegen sich jedoch viel zu langsam. Niemals in einer Geschwindigkeit, die der Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit der Klimakrise und den damit verbundenen Risiken angemessen wäre.

Fossile Energien geraten immer stärker unter Druck: Klimaaktivsten protestieren in London gegen den Öl-Riesen Shell.
Fossile Energien geraten immer stärker unter Druck: Klimaaktivsten protestieren in London gegen den Öl-Riesen Shell.
Bild: keystone

Schweizer Banken beschäftigen tausende Analysten, die Tag für Tag den weltweiten Markt beobachten. Warum erkennen sie die Klima-Risiken nicht?
Wenn Branchen einen disruptiven Wandel erleben, sehen es die Experten häufig als letzte. Wie wir dies zuletzt bei Tesla und den klassischen Automobilkonzernen erlebt haben: Die etablierten Automobilkonzerne haben sehr spät gemerkt, dass Benzin- und Dieselmotoren keine Zukunft haben. Das Problem ist, dass etablierte Firmen oft das bestehende System in die Zukunft projizieren. Bei den Managern vieler Schweizer Banken ist dies nicht viel anders.

«Banken fehlt das Verständnis für die enorme Geschwindigkeit und die Tiefe, in denen sich aktuell der Wandel vollzieht.»

Banken publizieren doch seit Jahren Nachhaltigkeitsberichte und verkaufen umweltfreundliche Anlageprodukte.
Wenn Banken und Firmen Nachhaltigkeit ernst nehmen, müssen sie ihr Kerngeschäft umbauen. Die Klimakrise muss in allen Prozessen und Investitionsentscheiden berücksichtigt werden. Das ist eine gröbere Veränderung, das ist klar. Es führt aber kein Weg daran vorbei. Banken fehlt das Verständnis für die enorme Geschwindigkeit und die Tiefe, in denen sich aktuell der Wandel vollzieht.

Grossbanken wie die CS und die UBS sind im Kreuzfeuer der Klimabewegung.
Grossbanken wie die CS und die UBS sind im Kreuzfeuer der Klimabewegung.
Bild: shutterstock/Keystone/watson

Experten warnen darum, dass die Klimakrise direkt in eine Finanzkrise übergeht. Wie gross ist die Gefahr für die Schweiz?
Wir sind bereits mittendrin in der Finanzkrise. Es geht nur noch um die Frage, wie gross diese ausfällt und wie wir damit umgehen.

«Heute leben zwei Drittel der Weltbevölkerung in Staaten, in denen Photovoltaik oder Windenergie die günstigste aller Stromquellen ist.»

Die Banken schreiben massive Wertverluste bei Investitionen. Wo ist dies besonders krass?
Nehmen wir das Beispiel der Solarbranche: Heute leben zwei Drittel der Weltbevölkerung in Staaten, in denen Photovoltaik oder Windenergie die günstigste aller Stromquellen ist. Noch vor nicht einmal fünf Jahren war das in praktisch keinen Ländern der Fall. Derart rasant hat sich die Solar- und Windbranche entwickelt. Diese unglaublich rasche Veränderung im Energiesektor hat massive Auswirkungen auf die Banken. Wenn sie über ein Portfolio wie vor zehn Jahren verfügen und weiterhin in Kohle-, Gas- und Ölfirmen investieren, haben sie ein massives Problem. Kohlefirmen in den USA haben teils über 80 Prozent an Wert verloren. Solche Kippeffekte finden in einem Wirtschaftssektor nach dem anderen statt. Als Finanzbranche kann man sich dem nicht verschliessen. Das schlägt auf den Bankensektor durch – auch in der Schweiz, ob er will oder nicht.

In den Hochglanzbroschüren geben sich Finanzinstitute klimafreundlich. Die UBS rühmt sich, seit 2018 ein Drittel weniger in kohlestoffintensive Sektoren zu investieren.
Ich will die Schweiz nicht schlechtreden. Die Schweizer Banken sind nicht schlechter als der Durchschnitt. Sie sind aber auch nicht besser. Das ist das Problem. Die Schweiz ist weit davon entfernt, sich zu einem globalen Hub für nachhaltige Anlagen zu entwickeln, wie dies der Bundesrat und die Bankiervereinigung vor einem Jahr ankündigten. Wenn man den Wandel als Chance wahrnehmen will, genügt es nicht, weltweiter Durchschnitt zu sein. Dann muss man besser sein. Es gibt eine grosse Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität bei den Finanzinstituten. Schweizer Banken sind bei den Ratings wie jenen von Share Action nicht vorne dabei. Das ist ein Fakt und hat teilweise auch mit der Regulierung zu tun. Andere Staaten reagieren deutlich schneller als die Schweiz auf die Klimakrise. Die Finma und die Nationalbank hinken bei der Regulierung hinterher.

«Im Bankensektor besteht eine Riesengefahr von Greenwashing.»

Inwiefern?
Die EU entwickelt derzeit Regeln, welche definieren, was überhaupt grün ist. Denn gerade im Bankensektor besteht eine Riesengefahr von Greenwashing. Die EU hat dies erkannt und vorwärtsgemacht. Die Schweiz sollte rasch nachziehen, sich aber auch überlegen, wo sie bezüglich Nachhaltigkeit eine Führungsrolle einnehmen kann.

Die Klimabewegung plant Ende Juli eine Aktionswoche gegen den Bankenplatz. Lassen sich die Banken von der Zivilgesellschaft beeindrucken?
Der Druck zeigt, dass die Öffentlichkeit genau hinschaut. Das ist enorm wichtig. Ebenso der Druck der Regulatoren und Investoren, dass die Banken die Klima-Risiken in ihren Büchern offenlegen.

Apropos Klima: 2019 haben Sie an der grossen Klimademo zehntausenden Zuhörerinnen eine flammende Rede gehalten. Nun hat die Schweiz das CO2-Gesetz abgelehnt. Ist Klimaschutz also trotzdem nur ein Hype?
Die Niederlage ist ohne Zweifel ein herber Rückschlag für den Klimaschutz. Wir verlieren Zeit, die wir nicht haben. Dennoch ist das Bewusstsein da, dass wir handeln müssen. Das sehen wir schon an verschiedenen Vorstössen im Parlament seitdem. Auch auf kantonaler Ebene läuft etwas, etwa mit dem Zürcher Energiegesetz. Oder bei den Firmen: Die Hälfte aller Schweizer SMI-Unternehmen hat sich wissenschaftsbasierte Klima-Ziele gesetzt, die auf das Pariser Klimaabkommen ausgerichtet sind. Kurzum: Eine breite Allianz ist weiterhin dabei.

Österreich nimmt jährlich eine Milliarde Euro in die Hand, um das Land bis 2030 komplett auf erneuerbare Energien umzustellen. In der Schweiz zanken wir uns jahrzehntelang um eine Staumauer. Ist unser Land in alten Mustern gefangen?
Die Schweiz verharrt im Status quo. Dies, obschon Solarenergie auch in der Schweiz mit Abstand das grösste Potenzial hat und viel weniger Konflikte, etwa punkto Biodiversität, verursacht. Es ist ein Armutszeugnis für die Schweiz, dass wir in dieser Schlüsseltechnologie derart hinterherhinken. Wasserkraft wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Hinsichtlich des Ausbaus von Wasserkraft wird aber mit Fantasiezahlen gearbeitet, die völlig unrealistisch sind, weil die Pläne etwa Schutzgebiete tangieren würden. Die Herausforderung ist vielmehr, dass wir bestehende Wasserkraftwerke sanieren, sodass sie die gesetzlichen Anforderungen erfüllen und den Gewässerschutz berücksichtigen und damit fit für die Zukunft sind.

«Die Schweiz verschliesst die Augen vor ihren Umweltproblemen.»

In der Schweiz herrschte lange Zeit der Tenor, dass unser Land führend punkto Umweltschutz ist. Von diesem Weg sind wir abgekommen. Was ist Ihre Erklärung?
Wir verschliessen die Augen vor unseren Umweltproblemen. Etwa bei den Gewässern, die wir viel stärker verbaut haben als unsere Nachbarländer. Die Flüsse sehen zwar sauber aus. Darum denken die Leute, dass wir kein Problem mit den Gewässern haben, obschon die Biodiversität wegen der Eingriffe massiv leidet. So stehen 60 Prozent der Schweizer Fische auf der roten Liste der bedrohten Arten. Aber es ist eine unsichtbare Bedrohung, die nicht auf den ersten Blick erkennbar ist.

Trotz der vielen Negativmeldungen punkto Klima wirken Sie alles andere als resigniert. Was macht Ihnen Hoffnung?
Einerseits ist die Klima- und Biodiversitätskrise so akut wie noch nie. Gleichzeitig war das Bewusstsein für die Krise noch nie so gross. In der Wirtschaft gibt es einen äusserst raschen Shift Richtung klimafreundliche Technologien. Wir müssen auch die positiven Entwicklungen sehen. Denn wenn wir uns nur auf die Krise fokussieren, hängen die Leute ab. Mit dem Motto «es ist sowieso alles verloren» lebt es sich bequemer. Ich kenne Menschen, die haben direkt vom Lager der Klimaleugner in das Lager der Klima-Resignierer gewechselt. Das Angenehme aus ihrer Sicht ist, dass sie in beiden Fällen so weitermachen können wie bisher. Das gilt es zu verhindern. Wir müssen den Menschen aufzeigen, dass es ein Zeitfenster für die Rettung des Klimas gibt und jede Person etwas dafür tun kann. Doch dieses Zeitfenster ist beschränkt. Und im Kampf gegen die Erderhitzung zählt jedes Zehntelgrad.

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