Schweiz
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Personen warten vor der Tueroeffnung um 10 Uhr beim Warenhaus Jelmoli am Tag der Wiedereroeffnung nach dem Corona-Lockdown, am Montag, 11. Mai 2020, in Zuerich. Nach dem Corona-Lockdown koennen ab heute Geschaefte, Institutionen und weitere Einrichtungen ihren Betrieb unter Erfuellung des vom Bund verordneten Schutzkonzeptes wieder aufnehmen. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Der Coronakrise zum Trotz: Shopper wollen shoppen. bild: keystone

Rettet unsere Shopping-Laune die Schweizer Wirtschaft schneller als gedacht?

Gabriela Jordan, Niklaus Vontobel / ch media

Offizielle Zahlen zum April zeigen ein schauriges Bild. Doch neue Echtzeit-Indikatoren lassen auf eine rasche Erholung hoffen. Zurecht?



Erstmals liegen Zahlen vor, die den Detailhandel einen Monat lang im Lockdown zeigen. Das Bundesamt für Statistik zeigt auf, wie sich die Umsätze im April entwickelt haben. Es ergibt sich ein schauriges Bild.

Doch neue Indikatoren, die laufend Daten in Echtzeit erheben, deuten auf eine rasche Erholung hin. So haben Forscher etwa Daten zum Gebrauch von Bankkarten ausgewertet, wie die NZZ berichtet. Diese Zahlen zeigen eine erstaunlich rasche Erholung. Im Mai könnten die Konsumenten schon wieder gleich viel ausgegeben haben wie letztes Jahr. Teils wird dies fast euphorisch gedeutet: «Der Konsum flammt auf.»

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Warum kam es nicht noch schlimmer?

Kehrt die Kauflaune tatsächlich schneller als erwartet zurück? Es wäre ein Segen. Die Wirtschaft erholt sich schneller, die Arbeitslosigkeit steigt weniger stark. Doch was sagen die Experten zu den neuen hoffnungsvollen Zahlen?

Zunächst zu den April-Zahlen: Der Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr um total 20,6 Prozent eingebrochen. Das ist für sich genommen brutal. Zugleich stellt sich die Frage: Wie konnte die Branche überhaupt in einem Lockdown noch 80 Prozent der Vorjahresumsätze halten? Blickt man hinter den Umsatzverlust der Gesamtbranche, löst sich das vermeintliche Rätsel.

Nahrungsmittel, deren Verkauf nie dem Lockdown unterstand, wurden mehr verkauft. Ein Plus von 4 Prozent bedeutet die höchste Zunahme in einem Aprilmonat seit der Finanzkrise. IT-Geräte laufen gut, der Online-Handel boomt. Alles andere stürzt ab. Es gibt ein Minus von 41 Prozent. Neue Kleider oder Schuhe will kaum mehr jemand kaufen. Die Umsätze sinken um gut 83 Prozent.

Die traurigen April-Zahlen passen zu den ebenso tristen Aussichten für das Gesamtjahr. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) glaubt, dass die privaten Haushalte etwa 7,5 Prozent weniger ausgeben. Diese Zurückhaltung ist ein entscheidender Grund, warum die Wirtschaft um 6,7 Prozent schrumpfen wird.

Experten halten dagegen

Die düstere Prognose steht scheinbar im Widerspruch zu den neuen Echtzeit-Indikatoren. Hat das Seco die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft unterschätzt? Das Staatssekretariat hält dagegen. Der in den neuen Indikatoren zu beobachtende Anstieg der Bankkarten-Zahlungen hänge damit zusammen, dass die Leute durch die Krise häufiger mit Karte und weniger mit Bargeld zahlen.

«Um die gesamten Ausgaben abzubilden, bräuchte es auch Informationen über andere Bezahlarten wie Bargeld oder Banküberweisungen», sagt Ronald Indergand, Leiter des Ressorts Konjunktur beim Seco. Die Zahlen zu Bargeldbezügen zeigten für den Mai erst eine schleppende Erholung.

Der Anstieg im Mai ist mit Vorsicht zu geniessen. Es könnten Nachholeffekte sein. Dieser Ansicht ist Claude Maurer, Leiter Konjunkturanalyse Schweiz bei der Credit Suisse: «Viele Leute haben das im Lockdown gesparte Geld in Käufe umgemünzt. Der erste Schritt zur Erholung ging so sehr schnell, der zweite wird harzig verlaufen.» Auch Ronald Indergand geht davon aus, dass die Konsumentenstimmung in naher Zukunft verhalten bis schlecht bleibt. So zeigten etwa die Detailhandelsumsätze in China, dass die Vorkrisenniveaus wohl nicht so schnell wieder erreicht werden.

Ähnlich sieht dies Dagmar Jenni, Geschäftsführerin des Detailhandelsverbands Swiss Retail: «Im Mai haben die Leute gezielte Anschaffungen getätigt. Ob sich im Konsumverhalten Normalität einstellt, werden wir im Juni sehen. So oder so glauben wir, dass wir noch lange nicht nachhaltig auf dem Niveau vor der Krise sein werden.»

Bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) geht man zwar tatsächlich davon aus, dass sich der private Konsum schneller erholt als vor ein paar Wochen erwartet. Aber KOF-Direktor Jan-Egbert Sturm schränkt ein: «Eine vollständige Erholung ist noch nicht in Sicht.» So seien beispielsweise die Schweizer deutlich weniger unterwegs als im Januar und Februar. Dazu kommt: Es würden nicht alle Ausgaben nachgeholt, die in den letzten Monaten virusbedingt weggefallen sind.

Schneller und schneller fallen die Preise

Wie lange es gehen wird, bis sich das Konsumverhalten wieder einpendelt, wagt niemand der angefragten Experten genau vorherzusagen. Zu vieles ist noch unsicher: Wie entwickeln sich die Fallzahlen? Wie hoch werden Einkommensverluste und die Arbeitslosigkeit? Wann erreichen Innenstädte wieder die Besucherzahlen von vor der Krise?

«Das Konsumverhalten wird wesentlich davon abhängig sein, wie sich die Stimmung und Zuversicht der Leute entwickeln wird», sagt Martin Hotz, Co-Geschäftsführer des Beratungsbüros Fuhrer & Hotz. «Dominiert die Angst vor einem Jobverlust, stellt man nicht zwingende Anschaffungen zurück.»

Besonders herausfordernd wird die nächste Zeit laut Hotz für den Non-Food-Sektor. «Die Lager der Sportgeschäfte, Kleider- oder Schuhläden sind aktuell voll, die Waren müssen raus. Die negative Preisspirale und die Rabattschlachten, die es in diesem Sektor ohnehin schon gibt, dürften dadurch noch mehr angeheizt werden. Der laufende Strukturwandel im Detailhandel wird sich beschleunigen.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • Locutus70 03.06.2020 15:45
    Highlight Highlight Auch wenn ich nach wie vor die Lockdown-Maßnahmen (insbesondere für den Einzelhandel, Fitnessstudios und Gastronomie) für zu krass halte, wurde in der Schweiz das doch alles besser kommuniziert. Zudem sind die Schweizer auch nicht so ängstlich wie z. B. die Deutschen.

    Von daher bin ich optimistisch, das es unsere Wirtschaft nicht so hart trifft wie den nördlichen Nachbarn. Der Begriff German Angst kommt ja nicht von ungefähr.
  • Magnum 03.06.2020 15:34
    Highlight Highlight Erde an Martin Hotz: Zumindest der Velofachhandel brummt in diesen Wochen abartig. Die Nachfrage dürfte so hoch wie noch kaum je zuvor sein - weil die Leute den oeV meiden und weil das Velo für Ausflüge super ist, auch mit Kindern und Familie. Dem stehen Engpässe bei der Versorgung mit Gütern gegenüber, weil viele Velo-Fabriken in Fernost über einen Monat (eher zwei...) lang still standen, auch aktuell wg Distanzvorgaben noch nicht auf voller Kapazität fertigen können und zudem Kapazitätsengpässe bei der Container- und Seefracht die Logistik erschweren. Das Problem ist Warenmangel!
  • Triple 03.06.2020 15:03
    Highlight Highlight War doch bei unserer Konsumsucht absehbar.
  • Quo Vadis 03.06.2020 15:02
    Highlight Highlight In Zeiten von #Holistay und #Staycation dürfte wohl auch der Geldbeutel etwas lockerer sitzen dieses Jahr. Ich bin da nicht sooo pessimistisch.
  • ThePower 03.06.2020 13:45
    Highlight Highlight Da kaufen die Leute mal ein paar Wochen kein überflüssiges Zeugs und schon würde das gesamte Wirtschaftssystem ohne staatliche Interventionen gnadenlos kollabieren. Und niemand hinterfragt das..
    • Locutus70 03.06.2020 15:47
      Highlight Highlight @ThePower - Die Frage ist vielleicht nicht so sehr ob sie in den paar Wochen gekauft haben, sondern WO.
      Und manche Leute gehen halt gerne in ein Geschäft zum einkaufen, andere isolieren sich gerne zu Hause. Da hat man ja dann auch alles: Smartphone, Laptop, ganzen Tag News lesen, Tweets absetzen usw. ^^
    • MaPhiA 03.06.2020 17:01
      Highlight Highlight hast du eine ahnung, von wegen kein überflüssiges zeugs kaufen... auf einmal brauchten seeehr viele auf einmal einen neuen toaster, fernseher, computer, drucker, bildschirm, bürostuhl, wirlpool, hometrainer, haarföhn, rasierer, ein neues bügeleisen, waffeleisen, eine neue playstation, bettgarnitur, hifi-anlage usw... und manches davon für einen einzigen haushalt... ich weiss von was ich rede - ich war/bin auch von der paketflut betroffen als zusteller... einzelne bereiche des detailhandels und anderer wirtschaftszweige ohne onlinehandel waren/sind sehr wohl auf staatliche hilfe angewiesen...
  • Auric 03.06.2020 13:06
    Highlight Highlight Meine Shoppinglaune erwacht wenn die Grenze wieder offen ist.
    Kann mir jemand erklären warum Spare-Ribs (also fast schon Schlachtabfall) vom Schwein mit 50% Gewichtsanteil an Knochen hier 25 Fr./kg kosten soll?
    Berauben kann ich mich selber.
    Und nein, ich bekomme weder Staatliche Gelder und mein Verdienst kommt primär aus dem unsubventionierten Export von hier Verarbeiteten Gütern.
    • Cirrum 03.06.2020 15:28
      Highlight Highlight Gell, wo man doch Massentierhaltungen fördern sollte, damit man das Fleisch noch billiger kaufen kann. Ist ja egal, weil ja Säugetiere nichts fühlen....
      Achtung, Ironie!
    • Locutus70 03.06.2020 15:50
      Highlight Highlight @Cirrum - Also im LIDL Deutschland kostet der Grilllachs z. B. 50 % weniger als in der Schweiz. Es ist sogar die gleiche Verpackung.
      Lustig das immer noch viele dieses Märchen glauben, das Waren automatisch besser wären nur weil sie das doppelte kosten ^^
    • Magnum 03.06.2020 16:26
      Highlight Highlight @Locutus70

      Einkaufstourismus mag zwar etwas Geld sparen, kostet aber Zeit (an Wochenenden und mit Staus noch viel mehr) und verursacht Mehrverkehr und Emissionen. Zudem wird der Schweiz Kaufkraft entzogen. Und ich behaupte: Wegen Einkaufstourismus landet mehr Essen im Abfall. Stichwort Grossverpackungen zwecks Billigstpreis.

      Wer den Wohlstand der Schweiz erhalten will, der sollte sein Geld im Inland ausgeben - und das gerne bei Anbietern, welche die Kundschaft wie die Angestellten gut behandeln.

      Wem das alles am Arsch vorbei geht, der darf kurzsichtig dem Einkaufstourismus frönen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • rburri38 03.06.2020 12:34
    Highlight Highlight Hatte das Glück die ganze Zeit normal Arbeiten zu können und normal Lohn zu bekommen. Bin fleissig dabei, das Geld in den CH-Tourismus, Gastronomie und lokale Läden zu stecken. Ich hoffe, viele die können tun es mir gleich :)
  • Inflatio 03.06.2020 11:48
    Highlight Highlight "Ob sich im Konsumverhalten Normalität einstellt, werden wir im Juni sehen".

    Was vor dem Lockdown war, war sicherlich nicht normal Frau Jenni.

    Genau jetzt wäre es an der Zeit sich zu fragen, ob man wirklich jeden Sommer 20 neue T-Shirts braucht, die man dann im Herbst wieder in die Altkleidersammlung wirft.
  • Atavar 03.06.2020 11:45
    Highlight Highlight In einem ersten "Rutsch" wird jetzt der verpasste Konsum nachgeholt.

    Eine direkte Rückkehr zum Prä-Corona-Status wird herbeigewünscht & -geschrieben. Der laufende Strukturwandel flacht bereits wieder ab. Das halte ich (beides) für bedauernswert, denn so viele Ressourcen werden wir in Zukunft nicht mehr auf einen Wandel verwenden.

    Schliesslich ist aber Euphorie sicher nicht angezeigt, denn wirtschaftliche Verwerfungen sind in dieser Situation erst am Ende des Rattenschwanzes halbwegs vollständig erkennbar.

    Die Konsolidierungswelle kommt - daran führt auf Dauer kein Weg dran vorbei.
  • lilie 03.06.2020 09:55
    Highlight Highlight Ich stelle mir vor, dass etliche Leute im Shutdown gemerkt haben, dass man gar nicht so viel Krempel braucht. Dass man nicht alles so dringend braucht, wie man glaubt.

    Gerade bei dem Kleidern würde etwas Abkühlung in der Konsumwut guttun.

    Andererseits werden viele Leute durch HO, Veranstaltungsverbot etc. auch in Zukunft einiges an Geld sparen, das dann mit der Zeit anders ausgegeben wird.

    Womöglich gibt es einfach Verschiebungen im Konsumverhalten.
    • lilie 04.06.2020 16:23
      Highlight Highlight @idrisi: Das ist zwar schon eine löbliche Idee, aber gerade bei Kleidern ist das nicht so einfach. Das einzige Gewebe, das mir einfällt, das sich lokal produzieren liesse, wäre Wolle. Alle anderen (Baumwolle, sämtliche Kunstfasern) sind auf Rohstoffe aus dem Ausland angewiesen.

      Weniger einkaufen wär auch schon was. Es muss doch nicht jeden Sommer neue Kleider sein. Wenn man letztes Jahr nicht nur Mist eingekauft hat, sondern mit Sorgfalt ausgewählt hat, machen die Kleider auch noch dieses Jahr Freude.
  • Waldorf 03.06.2020 09:29
    Highlight Highlight Shopping-Laune. Macht mich agressiv sowas.
  • Cirrum 03.06.2020 08:30
    Highlight Highlight Es ist verzwickt, eingentlich wäre es super, wenn die Leute endlich weniger Konsumieren würden, denn man sollte den ständigen Wirtschaftswachstum umbedingt bremsen, denn unsere Natur geht schnelle zugrunde als man zu glauben wagt. Auf der anderen Seite wird ständig Werbung gemacht und die Leute werden animiert zu kaufen um dieWirtschaft anzukurbeln, woran natürlich auch Jobs hängen...
  • Snowy 03.06.2020 08:25
    Highlight Highlight Zwei Punkte:

    - Nachholbedarf nach zwei Monaten Lockdown.

    - Einkaufen im grenznahen Ausland entfällt.


    Also noch kein Grund zur nachhaltigen Freude.
    • Snowy 03.06.2020 20:28
      Highlight Highlight Was Oft vergessen geht: Viele kleinere und mittelgrosse Geschäfte und Restaurationsbetriebe kaufen im grenznahen Ausland ein.

      Das ist ein riesiger Markt!
  • Hangover 03.06.2020 08:23
    Highlight Highlight "Shopper wollen shoppen".

    Sonst wären es ja keine Shopper.

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