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epa08437824 People drink beer at the Bia Hoi Corner in the Old Quarter of Hanoi, Vietnam, 22 May 2020. Vietnam reopened many tourist attractions after a long shutdown due to the COVID-19 disease pandemic. Several countries around the world have started to ease COVID-19 lockdown restrictions in an effort to restart their economies and help people in their daily routines after the outbreak of coronavirus pandemic.  EPA/LUONG THAI LINH

Das Nachtleben in Vietnam läuft wieder – ohne Social Distancing. Bild: EPA

95 Millionen Einwohner, 328 Fälle, 0 Tote: So hat Vietnam das Coronavirus im Griff

Die Ausgangslage war schlecht für Vietnam: Als direkter Nachbar Chinas mit vielen chinesischen Touristen und einem schlechten Gesundheitssystem hätte das Coronavirus das Land massiv treffen können. Doch vier Massnahmen machten Vietnam zu einer der Vorbildnationen im Kampf gegen das neuartige Virus.



95 Millionen Einwohner zählt Vietnam. Im Norden zieht sich die Grenze zu China über viele hundert Kilometer hin. Und Chinesen gehören zur grössten Touristengruppe, die Vietnam besuchen.

Kein Wunder also, notierte die WHO schon am 23. Januar den ersten Fall. Ein Chinese reiste aus Wuhan ein, um seinen Sohn zu besuchen. Eine Woche später wurde auch die Rezeptionistin im Hotel des Gastes positiv auf Covid-19 getestet – zu einem Zeitpunkt, als das Virus in Europa noch kaum ein Thema war.

Doch Vietnam verhinderte die Epidemie, weist aktuell gemäss der WHO nur 328 Fälle insgesamt aus und hat kein Todesopfer zu beklagen. Zudem steckte sich seit über 40 Tagen niemand mehr innerhalb Vietnams an. Die neuen Fälle betreffen allesamt Vietnamesen, die aus dem Ausland zurückkehren – und sofort in 14-tägige Quarantäne müssen.

Die Entwicklung der Fallzahlen in Vietnam seit dem ersten Fall am 24. Januar 2020:

Fallzahlen Vietnam Coronavirus

Doch wie konnte das Land das Virus eindämmen? Blicken wir zuerst auf die aktuelle Lage und versuchen diese danach mit vier Gründen zu erklären.

Die aktuelle Lage

328 Fälle insgesamt, keine Todesopfer – und das bei rund 95 Millionen Einwohnern. Vietnam blieb vom Coronavirus verschont. Das US-Magazin Politico lobte das Land als Vorzeiger im Kampf gegen das Coronavirus.

So klassierte Politico 30 Länder im Verhalten gegen das Coronavirus:

Bild

Stand 25. Mai: Es grüsst von oben rechts: Vietnam, das von den beurteilten Ländern deutlich am besten abschloss. bild: politico.com

Noch gelten – vor allem in den grossen Städten – einige Restriktionen, wie das Verbot von Karaokebars. Auch einige Hotels und Läden sind noch geschlossen. Die Haupteinschränkung ist aber das Einreiseverbot für alle, die keinen vietnamesischen Pass besitzen.

Peter Jenni, der seit Jahren in Vietnam wohnt, erzählt gegenüber watson am Telefon: «Ein Freund von mir, der mit einer Vietnamesin verheiratet ist, steckt in Deutschland fest. Er kommt nicht nach Vietnam. Seine Frau könnte einreisen, müsste einfach 14 Tage in Quarantäne.» Wann die Grenzen wieder öffnen, ist unklar.

Teachers and students stand up for Vietnamese national anthem as they start a new week in Dinh Cong secondary school in Hanoi, Vietnam Monday, May 4, 2020. Students across Vietnam return to school after three months of studying online due to school closure to contain the spread of COVID-19. (AP Photo/Hau Dinh)

Masken in der Schule: Nach drei Monaten Online-Unterricht kehrten die Schüler am 4. Mai wieder zurück in die Schulzimmer. Bild: AP

Sicher ist dagegen: Im Land selbst steckte sich seit über 40 Tagen niemand mehr mit dem Virus an. Die Neuinfektionen der letzten Tage betreffen allesamt Vietnamesen, die mit von der Regierung organisierten Flügen zurück in die Heimat geholt werden (und sofort in Quarantäne oder ins Spital müssen).

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Jenni lebt in Krong Buk, abseits der Touristenmassen im Landesinneren. «Bei uns ist praktisch alles wieder wie vorher. Bestes Beispiel dafür: Die Suppenküchen stellen noch immer ihren Krug Tee zur Verfügung. Mit einem Glas. Aus diesem trinken alle Gäste bedenkenlos. Social Distancing galt mal, aber heute grüssen wir uns wieder mit dem üblichen Handschlag.»

Wie hat Vietnam dies geschafft? Vier Hauptgründe liefern die Antwort.

Schnelle Reaktion

Nach den ersten Fällen Ende Januar reagierte die Regierung von Premierminister Nguyen Xuan Phuc umgehend. Am 27. Januar erklärte er: Ein Leben zählt mehr als die Wirtschaft. So wurde beispielsweise das Dorf Son Lei, in welchem sechs Fälle gemeldet wurden, total abgeriegelt. Niemand der rund 10'000 Einwohner kam rein oder raus. Damit war Vietnam das erste Land, das nach China Massenquarantäne durchsetzte. Vorgewarnt war man von der SARS-Pandemie, welche Vietnam 2003 hart getroffen hatte.

epa08351866 An aerial photo shows nearly deserted streets in Hanoi, Vietnam, 09 April 2020. On 01 April, Vietnam implemented a nationwide social distancing for 15 days in an effort to combat the spread of coronavirus and COVID-19.  EPA/LUONG THAI LINH

Am 1. April versetzte Vietnam sein Land in eine 15-tägige Quarantäne. Viel befahrene Autobahnen wie hier in Hanoi blieben daraufhin leer. Bild: EPA

Auch Ende März wurde rigoros durchgegriffen, als im Bach-Mai-Spital in Hanoi Corona-Fälle gemeldet wurden, wurde dieses komplett isoliert. Selbst das Essen sei knapp geworden, aber niemand kam mehr rein oder raus. Nach 15 Tagen war die Quarantäne vorbei, die Menschen spazierten mit Vietnamfähnchen und lachend aus dem Gebäude.

Ab dem 1. April wurde zudem das Land während 14 Tagen unter Quarantäne gesetzt. Diese wurde mit empfindlichen Geldstrafen auch durchgesetzt. Danach gab es im Land keinen neuen Fall mehr.

Aggressives Contact Tracing

Es gibt kaum ein Land, das vehementeres Contact Tracing verfolgt(-e) als Vietnam. Die CNN betitelte das Land als Testweltmeister bei Kontaktpersonen. Die Fälle wurden mit Angaben zum Wohn- und Aufenthaltsort in der Zeitung publiziert. Jeder, der positiv getestet wurde, musste ausführlich seine Kontakte auflisten. Diese wurden alle mit riesigem Aufwand nachverfolgt. Bis am 1. Mai wurden ca. 70'000 Menschen dadurch in die Quarantäne geholt, weitere rund 140'000 mussten sich zuhause oder im Hotel isolieren.

epa08413763 A little boy wearing face mask has his temperature measured at Phuc Dien elementary school Hanoi, Vietnam, 11 May 2020. Young children from kindergarten and elementary school across the country have returned to school after a three-month closure due to the COVID-19 disease pandemic.  EPA/LUONG THAI LINH

Desinfektionsmittel und Fiebermessen vor dem Eintritt ins Klassenzimmer. Bild: EPA

Übrigens: Teilweise heisst es, dass in Vietnam wenig getestet worden sei, was die tiefen Fallzahlen erkläre. Das wurde von verschiedenen Stellen widerlegt und auch unabhängige Experten sprechen Vietnam eine gute Testquote zu.

Klare Kommunikation

Die Regierung hielt täglich eine Pressekonferenz und informierte über die neusten Entwicklungen. Dafür wurden auch die Presse, die sozialen Medien oder gar SMS benutzt. «Meine Frau erhielt einige SMS mit dem Hinweis, wie man sich die Hände richtig wäscht», erzählt Jenni.

epa08381004 A man rides a bike past sign about the Covid-19 coronavirus in Hanoi, Vietnam 23 April 2020 (issued 24 April 2020). Communist propaganda, which was most visible during the Vietnam War, has been revived in recent weeks as artists contribute to the national effort to fight the coronavirus.  EPA/LUONG THAI LINH

Die Regierung kommunizierte auf allen möglichen Kanälen offensiv. Bild: EPA

Zudem existieren in vielen (ländlichen) Gebieten Lautsprecheranlagen bei häufig frequentierten Plätzen. Dort wird in normalen Zeiten beispielsweise morgens Tanzmusik gespielt. «Während der heiklen Phase wurde dort rund um die Uhr über Corona informiert», so Jenni.

Und natürlich war da auch noch der YouTube-Hit der Regierung. Das Video wurde mittlerweile millionenfach angeschaut und ging viral.

So tanzte Vietnam Corona weg:

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Solidarität

«In Vietnam herrscht auch durch den Vietnamkrieg eine immense Solidarität unter der Bevölkerung», berichtet Jenni. Alle zogen mit. Der Regierung wurde vertraut und man hielt sich an die Vorgaben. Selbst mit einem Slogan aus der Kriegsrhetorik wurden die Einwohner zum Zusammenhalten aufgefordert: «Der Kampf gegen die Epidemie ist wie der Kampf gegen den Feind. Zuhausebleiben ist wie ein patriotischer Akt.»

Hanoi am 25. Mai.

Gesichtsmasken gehören im Land sowieso zum (Stadt-)Bild. Berührungsängste damit gab es überhaupt nicht, eine Maskenpflicht ist nicht nötig. Zudem seien vor allem auf dem Land viele noch Selbstversorger. «Wer sich nicht selbst versorgen kann, dem hilft die Gemeinschaft: Hier machte der Gemeindevorsteher die Runde und sammelte für die Armen», erzählt Jenni. Dazu wurden überall im Land Reisautomaten von der Regierung und Firmen aufgestellt: «Dort konnte jeder immer Reis holen.»

Und wie geht es weiter?

Vietnam hat das Coronavirus also aktuell unter Kontrolle. Wo man auch hingeht, man muss immer seine Daten hinterlassen, damit man wieder gefunden wird, falls sich ein Corona-Fall ereignet. Zudem wird immer wieder die Körpertemperatur gemessen.

epa08443313 Pho Hien fans cheer during the Vietnamese Cup round of 32 soccer match between Pho Hien FC and Thanh Hoa FC at the PVF stadium in Hung Yen, Vietnam, 25 May 2012. Vietnam has resumed soccer matches after several months of disruption due to the ongoing coronavirus COVID-19 pandemic.  EPA/MINH HOANG

Auch beim Fussball sind in Vietnam wieder Fans im Stadion zugelassen. Bild: EPA

Doch Probleme bleiben bestehen. So können aktuell keine Ausländer einreisen, den Tourismus trifft das hart. «Viele Leute leben hier zwar nicht gerade von der Hand in den Mund, aber wenn sie drei Monate nicht arbeiten können, ist das wenige Ersparte schnell weg», sagt Jenni. Es werde diskutiert, ob man einige (Luxus-)Resorts für Ausländer öffnen wolle, aber die Leute dann während dem ganzen Aufenthalt dort bleiben müssten.

Auch wenn Vietnam die Lage also aktuell im Griff hat und das Leben in weiten Teilen wieder normal läuft: Aufatmen kann das Land noch nicht.

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