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EZB kündigt erste Zinserhöhung an – SNB dürfte bald nachziehen

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EZB kündigt erste Zinserhöhung an – SNB dürfte bald nachziehen

09.06.2022, 15:46
Die deutsche Regierung soll den massiven Staatsanleihenkäufen der Europäischen Zentralbank (EZB) entgegentreten. (Archivbild)
Bild: KEYSTONE

Lange hat die Europäische Zentralbank gezögert, nun geht plötzlich alles ganz schnell: Erstmals seit elf Jahren will die Notenbank wieder die Zinsen erhöhen. Die hohe Teuerung zwingt zum Gegensteuern.

Mit der ersten Zinserhöhung seit elf Jahren reagieren Europas Währungshüter auf die Rekordinflation. Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) kündigte am Donnerstag an, im Juli die Leitzinsen im Euroraum um jeweils 25 Basispunkte anheben zu wollen.

Zunächst bleibt der Leitzins aber auf dem Rekordtief von null Prozent, Banken müssen für geparkte Gelder bei der EZB weiterhin 0.5 Prozent Zinsen zahlen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte in Aussicht gestellt, die Negativzinsen bis Ende September zu beenden.

Schweizer Nationalbank dürfte bald nachziehen
Nach den sich nun immer klarer abzeichnenden Zinsschritten in der Eurozone steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) bald an der Zinsschraube drehen wird. Wann genau der erste Zinsschritt erfolgt, ist aber unter Ökonomen umstritten.

Die meisten Experten gehen davon aus, dass die SNB der Europäischen Zentralbank (EZB) den Vortritt lassen wird und mit einer kleinen Verzögerung dann auch die Zinsen anheben wird. So erwarten etwa die Ökonomen der Grossbank UBS oder von Raiffeisen einen ersten Schritt im September. Andere, etwa die Experten der Credit Suisse, prognostizieren den ersten Zinsschritt hingegen erst für den Dezember.

Ein Vorpreschen der SNB, also einen Zinsschritt schon an der geldpolitischen Lagebeurteilung vom kommenden Donnerstag, wird kaum erwartet. Der Grund: Mit einem solchen Schritt würde der Franken zum Euro attraktiver und könnte an Wert gewinnen. Dies will die SNB bekanntlich vermeiden, weil ein stärkerer Franken die Schweizer Exportwirtschaft wieder vor Probleme stellen könnte.

Unisono wird davon ausgegangen, dass der Leitzins in kleinen Schritten erhöht wird, also zunächst von -0,75 auf -0,50. Die Rückkehr in den positiven Bereich könnte somit dauern. So geht zum Beispiel die Credit Suisse davon aus, dass der Leitzins erst Ende 2023 die 0-Prozent-Marke erreichen wird.

Direkt steuern kann die SNB allerdings nur den kurzfristigen Leitzins. Bei den längerfristigen Zinsen hat die Zinswende schon vor einiger Zeit begonnen. Eidgenössische Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren werden aktuell mit rund 1 Prozent verzinst. (awp/sda)

Zugleich beschloss der EZB-Rat bei seiner auswärtigen Sitzung in Amsterdam, die milliardenschweren Netto-Anleihenkäufe zum 1. Juli einzustellen. Das Ende dieser Käufe hatte die Notenbank in ihrem längerfristigen geldpolitischen Ausblick («Forward Guidance») zur Voraussetzung für eine Zinserhöhung erklärt.

Druck nahm zu

In den vergangenen Wochen hatte der Druck auf Europas Währungshüter deutlich zugenommen, nach Jahren des ultralockeren Kurses umzusteuern und mit Zinsanhebungen die rekordhohe Teuerung einzudämmen.

Im Euroraum lagen die Verbraucherpreise im Mai 2022 um 8.1 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonates, in Europas grösster Volkswirtschaft Deutschland sprang die jährliche Inflationsrate im Mai vorläufigen Zahlen zufolge mit 7.9 Prozent auf den höchsten Stand seit fast 50 Jahren.

Die EZB strebt für den Währungsraum der 19 Länder mittelfristig stabile Preise bei einer jährlichen Teuerungsrate von 2 Prozent an. Höhere Inflationsraten schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro dann weniger leisten können.

Getrieben wird die Inflation seit Monaten vor allem von steigenden Energiepreisen, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nochmals kräftig anzogen. Auch Probleme in den Lieferketten sorgen für steigende Preise.

Mehrere Zinsschritte

Volkswirte rechneten vor der EZB-Sitzung vom Donnerstag mit einer Serie von EZB-Zinsschritten nach oben im laufenden Jahr. Bis zum Ende des Jahres könnte der Einlagensatz demnach auf plus 0.5 Prozent steigen und der Hauptrefinanzierungssatz ein Niveau von 0.75 Prozent erreichen.

Andere Notenbanken wie die Federal Reserve in den USA oder die Bank of England haben ihre Leitzinsen bereits mehrfach erhöht. Bis höhere Zinsen bei Sparerinnen und Sparern ankommen, dauert es allerdings erfahrungsgemäss eine Weile.

Europas Währungshüter hatten lange an der Einschätzung festgehalten, die steigende Inflation sei von Sonderfaktoren getrieben und daher vorübergehend. Nun versucht die EZB eine Gratwanderung zwischen hoher Teuerungsrate und gestiegenen Risiken für die konjunkturelle Erholung aus dem Corona-Tief wegen des Ukraine-Krieges. (aeg/sda/awp/dpa)

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