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2019 gab es am Matterhorn bislang sieben tödliche Unfälle.
2019 gab es am Matterhorn bislang sieben tödliche Unfälle. Bild: KEYSTONE

Das Matterhorn neigt sich Richtung Zermatt – fünf Antworten zum bröckelnden «Horu»

Nach sieben tödlichen Unfällen am «Horu» schlagen einige Berg-Experten Alarm. Eine Datenauswertung zeigt, wie der berühmteste Berg der Schweiz wirklich unter dem Klimawandel leidet. Der oberste Zermatter Bergführer fordert ein Umdenken – und sagt, warum er nichts von einem Matterhorn-Bann hält.
14.08.2019, 07:0114.08.2019, 20:00

Weil sich Felsbrocken lösten, stürzten Ende Juli an der Ostflanke des Matterhorns ein Chilene und sein Begleiter 800 Meter in die Tiefe. Eine fix montierte Sicherungsstange war abgebrochen. Das hatte es zuvor noch nie gegeben. Normalerweise sind diese Verankerungen zu 100 Prozent zuverlässig. Es tut sich was am Matterhorn.

Was kaum jemand weiss: Forscher der ETH Zürich beobachten unter dem Projektnamen «Permasense» seit über zehn Jahren jede Regung der Gesteinsmassen am berühmtesten Berg der Schweiz. An 29 verschiedenen Stellen montierte Sensoren übermitteln Echtzeitdaten direkt ins ETH-Rechenzentrum. Ziel der Forscher ist, Felsabbrüche besser voraussehen zu können. Inzwischen ist ein Datensatz mit 115 Millionen Einträgen entstanden, wie die ETH am Dienstag mitteilte.

Was bedeutet das bröckelnde Matterhorn für die Bergsteiger wirklich?

Seit 15 Jahren führt Christian Buchmann (49) Bergsteiger aufs Matterhorn. Der Präsident des Bergführervereins Zermatt redet Klartext: «Die Felsen werden immer brüchiger. Dieses Phänomen ist ein Fakt», sagt der Walliser zu watson.

An den Hitzetagen müsse man darum vermehrt mit Steinschlag rechnen und dementsprechend die Routen anpassen. «Als ich im Juli über den Hörnligrad des Matterhorns kletterte, waren es dort gegen 20 Grad. Die Felsen waren richtig warm.»

Die heissen Sommer veränderten die Arbeit der Bergführer. Auf den Gletschern schmelze etwa der Schnee viel schneller. «Dadurch hat es viel mehr Spalten, wir müssen Umwege laufen und insgesamt auf der Tour noch mehr aufpassen», so Buchmann.

Die erhöhte Steinschlaggefahr am Matterhorn stellt auch die Air Zermatt vor Herausforderungen. bild: Air Zermatt

Bröckelt die Spitze des Matterhorns ab?

Im Hitzesommer 2003 brachen am Hörnligrat Felsmassen so schwer wie vier Einfamilienhäuser ab. 2019 ist die Nullgradgrenze im Juli zeitweise auf über 5000 Meter angestiegen. «Durch die rasche Schneeschmelze ist viel Wasser in die Felsen eingedrungen und liess dort den Permafrost verstärkt schmelzen», sagt ETH-Wissenschaftler Jan Beutel zu den Tamedia-Zeitungen. Felsen, Erde und Schutt, die normalerweise ganzjährig gefroren sind, tauen auf. Der Fels bröckelt weiter und gefährdet die Bergsteiger. Die Folgen seien aber noch nicht abschliessend zu beurteilen, heisst es von den ETH-Forschern.

«Das Matterhorn wird seine einzigartige Form irgendwann verlieren.»
Jan Beutel, ETH-Forscher

Die Datenauswertung hat weiter ergeben, dass sich der Hörnligrat – eine der Hauptkletterrouten – jährlich um 2 cm talwärts Richtung Zermatt neigt. Warum sich der Grat bewegt, ist aber noch unklar. Die Klimaerwärmung sorge dafür, dass immer mehr Felsen zu Tal donnern. «Der Permafrost wird dadurch langsam, aber stetig zurückgedrängt. Zuerst an den Südflanken und dann später an den Nordseiten», so Beutel weiter.

Bröckelt bald die Spitze des Matterhorns ab? Der Berg werde seine einzigartige Form irgendwann verlieren. «Das dauert aber noch lange», so der ETH-Forscher. Doch schon in 100 Jahren würden die Gletscher an den Flanken des Matterhorns grösstenteils verschwunden sein.

Immer mehr Felsbrocken stürzen vom Matterhorn zu Tal.
Immer mehr Felsbrocken stürzen vom Matterhorn zu Tal. Bild: KEYSTONE

Was sind die Folgen für die Bergsteiger?

Bergführer-Präsident Buchmann fordert ein Umdenken. Wegen der Klimaerwärmung müsse die Klettersaison am Matterhorn angepasst werden. An Hitzetagen sollte man künftig Ausweichtouren anbieten und etwa in Klettergärten statt am Matterhorn klettern . Es dürfe nicht mehr sein, dass der grösste Bergsteiger-Andrang am «Horu» auf Anfang August falle. Dann wenn es normalerweise am heissesten sei.

Die Klettersaison am Matterhorn dauert eigentlich von Mitte Juni bis Mitte September. «In den letzten Jahren hatten wir Anfang Juni aber schon beste Verhältnisse. Die Saison verschiebt sich zusehends», so der Walliser Bergexperte weiter.

Die Saison für die Matterhorn-Besteigung verschiebt sich auf Anfang Juni.
Die Saison für die Matterhorn-Besteigung verschiebt sich auf Anfang Juni. Bild: KEYSTONE

Wie viele Unfälle gibt es am Matterhorn im Sommer?

Erhöhte Steinschlaggefahr hin oder her: Die Anzahl der Unfälle am «Horu» ist in der Sommersaison (Juni-September) stabil, wie Nachforschungen von watson zeigen.

Mit bislang 11 Rettungseinsätzen (Stand 13. August) ist es 2019 vergleichsweise ruhig. Anjan Truffer, Rettungschef Air Zermatt, erklärt: «Diesen Sommer gab es mehrere Schlechtwetterperioden. Dadurch stiegen weniger Bergsteiger zum Matterhorn auf.»

Im Sommer 2019 wurden am «Horu» bislang 7 Todesfälle gezählt. Auch dieser Wert liegt laut Truffer unter dem Durchschnitt.

Bild: KEYSTONE

Bleiben jetzt die Bergsteiger dem Matterhorn fern?

«Das Matterhorn soll gesperrt werden»: Mit diesem Titel sorgte die «Sonntagszeitung» im Juli schweizweit für Schlagzeilen. «Das ist ein völliger Blödsinn. Wir leben in der Schweiz in einem freien Land, wo man nicht einfach Berge sperren kann», sagt Buchmann. In Bergführerkreisen sei man längst auf die erhöhte Steinschlaggefahr sensibilisiert, das würde auch in den Weiterbildungskursen thematisiert. Jeder Bergsteiger trage am Schluss eine Eigenverantwortung.

Der Unfall und die Medienberichte hätten aber keine Auswirkungen auf die Touren. «Wir haben keine Stornierungen erhalten.»

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Triumph und Tragödie am Matterhorn

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Triumph und Tragödie am Matterhorn
quelle: photopress-archiv / str
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Rettungskräfte holen Helikopter der Air Zermatt aus dem See

Video: srf

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54 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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FITO
14.08.2019 08:13registriert April 2019
"Lue wohär dr Wind wääit."
Das Matterhorn richtet sich immer nach dem politischen Befinden der Schweiz.
Das Matterhorn neigt sich Richtung Zermatt – fünf Antworten zum bröckelnden «Horu»
"Lue wohär dr Wind wääit."
Das Matterhorn richtet sich immer nach dem politischen Befinden der Schweiz.
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Bynaus
14.08.2019 07:15registriert März 2016
Vielleicht, vielleicht, wenn die Spitze des Matterhorns ins Tal donnert, wird es den Schweizerinnen und Schweizern endlich dämmern , dass es jetzt färtammninomal Zeit ist, das Ende des fossilen Zeitlters auch in der Schweiz einzuläuten. Hueräsiech.
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DARTH OLAF
14.08.2019 08:29registriert August 2018
Nach einigen Gesprächen mit Konservativen stelle ich fest, dass es für sie sehr praktisch ist, die Klimaveränderung zwar zu akzeptieren, jedoch nicht den Einfluss des Menschen darauf. Man muss nichts ändern an seiner Einstellung, kann immer noch auf Links-Grün schimpfen und akzeptiert das Abbröckeln des Matterhorns als Laune der Natur. Hauptsache, der Mensch ist nicht schuld... 🤷‍♂️
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