Totholz sorgt für Leben auf der Lägern im Aargau und in Zürich
Der östlichste Ausläufer des Faltenjuras, die Lägern, erstreckt sich zwischen Dielsdorf ZH und Baden AG über gut elf Kilometer. Der höchste Punkt befindet sich bei der Burgruine Alt-Lägern auf 866 Metern über Meer.
Dies ist nicht sonderlich hoch. Doch wer die Gratwanderung unter die Füsse nimmt, muss dennoch schwindelfrei und trittsicher sein. Der Hügelzug ist schmal, der Weg führt über schräge Felsen und im Wald gilt es, über Baumstämme zu steigen oder Ast- und Laubhaufen auszuweichen.
Das herumliegende Totholz ist Programm: 2003 starteten die Kantone Aargau und Zürich das Projekt Waldreservat Lägern mit dem 102 Hektaren grossen Naturwald, der sich selbst überlassen wird. Die Wald besitzenden Gemeinden – Ehrendingen, Ennetbaden und Wettingen im Aargau sowie Boppelsen, Otelfingen, Niederweningen und Schleinikon auf Zürcher Seite – erhielten eine einmalige Zahlung von den Kantonen und verzichten im Gegenzug für 50 Jahre auf jegliche Holzproduktion.
Vorfahren schufen Licht im Wald
In alten Zeiten war die Nutzung hingegen intensiv. Die Menschen trieben ihr Vieh in den Wald, sammelten Eicheln für die Schweinemast und Laub für Bettsäcke und holten Holz zum Heizen und Bauen. «Der Gratwald wurde dabei ungefähr alle 30 bis 35 Jahre stellenweise kahlgeschlagen und erneuerte sich danach wieder», erklärt Stefan Studhalter, zuständiger Kreisforstmeister im Kanton Zürich, gegenüber Keystone-SDA.
Mit dieser klassischen Niederwaldbewirtschaftung, bei der Bäume nicht hoch hinauswachsen, sowie der weiteren vielfältigen Nutzung schufen die Vorfahren einen offenen, lichtdurchlässigen Wald. Damit verstärkten sie die ohnehin speziellen Standortbedingungen am Lägern-Südhang, der mit seinem Kalkgestein, den steilen und flachgründigen Böden, der starken Sonneneinstrahlung sowie dem trocken-warmen Klima als «Paradies und Schulstube für Botaniker» gilt.
«Er zeichnet sich durch spezielle Pflanzen- und Tiergemeinschaften mit zahlreichen seltenen und bedrohten Arten aus», erklärt Ursina Wiedmer, Leiterin der Fachstelle Naturschutz des Kantons Zürich. Am Südhang wechseln sich lichte Buchen-, Ahorn- und Lindenwälder mit orchideenreichen Buchenwäldern, Felsfluren und offenen Schuttflächen sowie feuchteren Hangbereichen ab.
Feuerlilie und andere Raritäten
Zu den Besonderheiten gehören etwa Berg-Steinkraut, Gewimpertes Perlgras, Hügelklee und verschiedene Orchideenarten. Das eigentliche Wahrzeichen der Lägernflora ist die Feuerlilie. «Diese in den Schweizer Alpen recht verbreitete Pflanze kommt im ganzen Jura nur an zwei Stellen vor: bei Biel und auf der Lägern», so Wiedmer.
Die Feuerlilie benötigt wie andere Lägern-Juwelen viel Licht. Sie profitieren von den Massnahmen im zweiten Teil des Reservats: Im 57 Hektaren grossen Sonderwald wird weit oben entlang der Hänge gezielt in den Baumbestand eingegriffen, der Holzvorrat damit deutlich reduziert und der Lichteinfall erhöht.
Mittlerweile sei der grösste Teil der wertvollsten Sonderwaldflächen aufgelichtet, und die Nachpflege werde gegenüber der Auflichtung prioritär behandelt, sagt Studhalter. «Aufgelichtete Flächen werden regelmässig gepflegt und befinden sich in einem sehr guten Zustand.»
Wärmeliebende Tiere profitieren
Nach über 20 Jahren Waldreservat sind die Spuren deutlich sichtbar. Stark zugenommen haben etwa der Blaurote Steinsamen, das Langblättrige Hasenohr, die Langstielige Wegdistel und diverse Felspflanzen. Die gut 100 Jahre verschollene Verschiedenblättrige Platterbse wurde 2002 wiederentdeckt.
Einen klaren positiven Trend gibt es bei Reptilien wie der Mauereidechse, deren Bestand sich laut Wiedmer verdoppelte bis verdreifachte, und wärmeliebenden Tagfaltern wie dem wieder angesiedelten Kreuzdornzipfelfalter oder den Zufallsfunden Grosser Fuchs und Birkenzipfelfalter.
Schliesslich haben auch totholz- und pilzgebundene Käferarten vom Mosaik aus stark aufgelichteten und nicht genutzten Flächen am Südhang profitiert. «Insbesondere bei den Käfern zeigt sich, dass die enge Verzahnung von Sonder- und Naturwaldflächen besonders wertvoll ist», betont Wiedmer.
So liegen im Naturwald mehr abgestorbene Bäume und Totholz als früher. «Aber das alte Holz ist nicht tot, sondern Lebensraum für spezialisierte Lebewesen wie Käfer, Pilze und Flechten.»
Insgesamt ziehen Wiedmer und Studhalter eine positive Bilanz: Die unterschiedliche Bewirtschaftung – lichter Wald im Sonderwald, keine Bewirtschaftung im Naturwald sowie naturnahe Bewirtschaftung in den angrenzenden Wäldern – steigere die Strukturvielfalt. Das Reservat leiste einen wichtigen Beitrag zur langfristigen Erhaltung der Biodiversität.
Bäume wachsen wegen Trockenheit langsamer
Doch wie bei vielen anderen Wäldern haben trockene und heisse Sommer wie der diesjährige auch Auswirkungen auf den Wald an der Lägern. «Die Bäume werden geschwächt, dörren teilweise im Kronenbereich und sterben in den Folgejahren teilweise ab», sagt Studhalter. Dies hänge allerdings stark vom weiteren Witterungsverlauf ab.
«Trockenheitstolerante Baumarten wie Trauben- und Flaumeiche, Hagebuche, Spitzahorn oder Winterlinde dürften anteilsmässig zunehmen und werden bei der Pflege entsprechend gefördert.» Die Zahl der speziell leidenden Buchen werde abnehmen. «Alle Baumarten werden voraussichtlich langsamer wachsen und weniger hoch werden.» Ein Urwald mit Baumriesen auf der Lägern bleibe eine Vision für ferne Generationen. (sda)
