Wie um alles in der Welt stoppt man Lionel Messi?
Am 1. Juli 2014 zeigt Ricardo Rodriguez in São Paulo eines seiner vielleicht besten Spiele der Karriere. Der Schweizer Verteidiger macht Lionel Messi im WM-Achtelfinal das Leben schwer. Doch spät, in der 118. Minute, bekommt Messi für einmal ein wenig zu viel Platz. Er legt für Angel Di Maria auf, der trifft und die Schweiz nach Hause schickt.
Es ist eines von vielen Beispielen, das aufzeigt, dass Lionel Messi praktisch nie komplett aus dem Spiel genommen werden kann – und dass er es oft sofort ausnutzt, wenn man ihm die Gelegenheit bietet. Wie also stoppt man diesen Ausserirdischen, der für viele Beobachter der beste Fussballer ist, den die Welt bisher gesehen hat?
Sich ständig Übersicht verschaffen
Mit 39 Jahren gönnt sich Lionel Messi während der Partien – noch häufiger als früher – eine Auszeit, seine Kollegen arbeiten für ihn. Er lief in der WM-Vorrunde am wenigsten Kilometer aller Feldspieler – und war dennoch überragend. Wer die Argentinier auf und neben dem Platz beobachtet, sieht: Für Messi gibt jeder alles. Sie vergöttern ihre Nummer 10, erachten ihr Dasein als Mitspieler als Privileg und rennen noch so gerne einen Extra-Meter. Messi spart seine Kraft für ein Zuckerpässchen, ein unwiderstehliches Solo oder einen genialen Freistoss.
Abwehrspieler wissen nie, wann Messi wieder voll da ist und «explodiert». Denn der Superstar macht mitnichten Pause, wenn er über den Rasen schlendert. Während andere laufen, analysiert er das Geschehen, studiert die Gegner und deren Schwächen, um das Gelernte gleich anzuwenden. Wo öffnen sich wann Räume? Welcher Verteidiger rückt in welchem Moment hervor? Welche Muster lassen sich erkennen? «La Pulga» scannt permanent das Geschehen um ihn herum. Er wartet geduldig ab, bis sich Lücken öffnen und beschleunigt dann urplötzlich das Spiel.
Klassische Manndeckung funktioniert nicht
Messi hält sich vorwiegend im Zentrum und am rechten Flügel auf – dort, wo er zwölf Jahre später erneut auf Ricardo Rodriguez treffen wird. Auf den 33-jährigen Zürcher allein wird es aber nicht ankommen, Messi ist nur im Verbund zu packen. Und – zum Fussball gehört Kampf – mit der notwendigen Härte: 2014 plagte ihn Valon Behrami so sehr, dass der meist so ruhige Messi sichtbar genervt war.
Ein Vorteil für die Schweiz ist, dass sie sich im Zentrum auf einen eingespielten Block verlassen kann. Manuel Akanji und Nico Elvedi in der Abwehr, Granit Xhaka und Remo Freuler im Mittelfeld müssen kompakt bleiben, Messi keine Lücke lassen. Eine klassische Manndeckung funktioniert gegen den achtfachen Weltfussballer des Jahres nicht.
Timing und Konzentration müssen jederzeit stimmen
Messi wird es darauf anlegen, zwischen den Schweizer Linien zu pendeln, um dort freien Raum zu finden. Er geht aber auch oft dem Ball führenden Mitspieler entgegen, bietet sich an, um den Ball abzuholen. Für die Schweizer Verteidiger wird entscheidend sein, sich nicht aus der Ordnung locken zu lassen und die Nummer 10 trotzdem sofort unter Druck zu setzen. Denn was Messi mit Zeit und Raum anstellen kann, weiss die Fussballwelt seit zwei Jahrzehnten.
Das richtige Timing wird also entscheidend sein. Genauso wie die Konzentration bis zum Schlusspfiff. Wer einen teilnahmslos wirkenden Lionel Messi aus den Augen lässt, hat den Fehler schon gemacht, bevor der Ball in die Zone gelangt. Denn hat Messi den Ball einmal, kann man den begnadeten Techniker kaum auf legale Weise davon trennen. Die Analysten vom Blog «spielverlagerung.de» merken zudem an, Messi benutze in einem besonders hohen Ausmass seine Arme, um die Gegenspieler fernzuhalten: «Der Gegner kommt folglich erst gar nicht in das Duell um den Ball.»
Argentiniens Spiel lebt natürlich nicht nur von Messis Abschlüssen, obwohl er an dieser WM acht von 14 Treffern der «Albiceleste» erzielt hat. Stürmer wie Lautaro Martinez oder Julian Alvarez profitieren davon, dass Verteidiger, die sich auf Messi stürzen, sie «vergessen», um dann von ihm den Ball zu erhalten.
Selbst der beste Plan hat einen Haken
Nationaltrainer Murat Yakin wird bis zum Anpfiff in Kansas City (Sonntag, 3 Uhr Schweizer Zeit) einen Plan erstellt und mit seinen Spielern besprochen haben. Dieser Plan wird natürlich auch beinhalten, wie man es selber anstellen will, vor das gegnerische Tor zu gelangen. In den K.o.-Spielen gegen Kap Verde (3:2 n.V.) und Ägypten (3:2) zeigte Argentinien, wie verwundbar es ist.
Entscheiden wird die Partie aber wohl die Schweizer Defensive. Einen Plan gegen Lionel Messi hat noch jeder Gegner ausgetüfelt. Doch nur wer ihn 90 oder nötigenfalls 120 Minuten lang konsequent umsetzen kann, hat eine Chance. Denn oft genügt Messi ein einziger Moment, um jeden Plan wertlos werden zu lassen.
