Mediziner erklärt, warum Manzambis Verletzung schwer einzuschätzen ist
Schweizer Sportfans kennen dieses Gefühl: banges Warten auf das ärztliche Urteil – und die Hoffnung, dass die Verletzung doch nicht so schlimm ist wie zunächst befürchtet. Vor der Fussball-WM 2010 war es Alex Freis Knöchel, vor der Skisaison 2025/26 Lara Gut-Behramis Knie. Jetzt sorgt Johan Manzambi für Zittern. Ob das Schweizer Top-Talent im WM-Viertelfinal gegen Argentinien in der Nacht auf Sonntag (3 Uhr Schweizer Zeit) auflaufen kann, ist nach wie vor offen.
Der Grund für die Sorgen: eine Knieprellung. So teilte es der Schweizerische Fussballverband mit. Doch was bedeutet diese Diagnose eigentlich? Und kann Johan Manzambi im Notfall angeschlagen ein paar Minuten spielen, ohne dabei eine schlimmere Verletzung zu riskieren? watson hat bei Dr. Boris Gojanovic nachgefragt. Der Sportmediziner am Spital La Tour in Meyrin (GE) erklärt, worauf es ankommt.
Eine Knieprellung: Wie schlimm ist die Verletzung wirklich?
Boris Gojanovic: Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Denn eine Knieprellung kann vieles bedeuten. Im harmlosesten Fall ist es tatsächlich nur ein direkter Schlag aufs Knie. Also eine Art blauer Fleck. Das kann zwar wehtun, lässt sich aber oft mit Eis, Schonung und bei Bedarf Schmerzmitteln in den Griff bekommen.
Aber besteht auch das Risiko, dass die Verletzung ernster ist?
Ja. Es kann auch eine tiefere Prellung sein, bei der sogar der Knochen betroffen ist. Das passiert etwa, wenn das Knie leicht wegknickt, komplett durchgestreckt ist oder unter Belastung steht. Dabei können die Knochenflächen gegeneinanderprallen und es entsteht eine Art «blauer Fleck» im Knocheninneren. Die Folge: Das Knie schwillt an, im Gelenk kann sich Flüssigkeit bilden, die Schmerzen nehmen zu und das Auftreten fällt schwerer. Bis die Verletzung ausheilt, können in solchen Fällen zwei bis drei Wochen vergehen.
Sind Ihnen in Ihrer Praxis bereits beide Fälle begegnet?
Ja, solche Verletzungen sehe ich bei Athletinnen und Athleten häufig. Manche sind nach drei oder vier Tagen wieder einsatzfähig, andere brauchen drei bis vier Wochen. Entscheidend ist, wie stark die Schmerzen sind und wie das Knie reagiert – denn genau das kann wichtige Bewegungen wie Abstützen, Antritt und Richtungswechsel beeinträchtigen.
Man hat Johan Manzambi im letzten Spiel mit einer Schiene gesehen. Gibt dieses Bild einen Hinweis auf die genaue Art seiner Verletzung?
Nein, das denke ich nicht. Eine kleine Schiene kann zwar ein Hinweis darauf sein, dass keine schwere Bandverletzung vorliegt. Eine genaue Prognose lässt sich daraus aber nicht ableiten. Ich würde deshalb nicht behaupten, dass Manzambi am Sonntag auflaufen kann. Im Fussball auf diesem Niveau gilt: Er muss zu 100 Prozent bereit sein – sonst spielt er nicht.
Könnte man sich vorstellen, dass ein angeschlagener Manzambi in der Schlussphase eingewechselt wird, wenn die Schweiz beispielsweise auf den Ausgleich drängt?
Ist ein Spieler nicht bei 100 Prozent, entscheidet darüber niemand allein. Der Spieler selbst, das medizinische Team und der Trainerstab müssen gemeinsam abwägen: Wie viel kann er der Mannschaft noch geben? Und welches Risiko geht er dabei für die eigene Gesundheit ein?
Manche Verletzungen können schlimmer werden, wenn ein Spieler trotz Schmerzen weitermacht. Gilt das auch für eine Knieprellung?
Das ist eine sehr gute Frage. Grundsätzlich macht ein Einsatz mit einer Knieprellung das Knie nicht kaputt und verursacht keine Schäden mit langfristigen Folgen. Aber die Belastung kann die Reizung verstärken. Eine Verletzung, die eigentlich nach einer Woche erledigt wäre, kann sich dadurch über mehrere Wochen hinziehen.
Also nichts Dramatisches?
Nein, tatsächlich nicht. Wenn man jedoch nicht zu 100 Prozent fit ist und bei den eigenen Abstützbewegungen, Beschleunigungen oder Reaktionen nicht das volle Vertrauen hat, setzt man sich einem anderen Risiko aus: Man könnte in gewissen Situationen kompensieren oder falsch reagieren und sich dadurch an einer anderen Stelle verletzen. (fwa)
