Spitzenreiter oder «Schein-Klub» – Manchester City trotzt dem Spott
Persönlich scheint Erling Haaland der beispiellose Finanzskandal von Manchester City vor dem Duell der Champions-League-Giganten mit Paris Saint-Germain nur wenig zu belasten. Der norwegische Stürmerstar tut das, wofür er sein üppiges Millionengehalt bekommt. Tore schiessen – trotz der höhnischen Gesänge der gegnerischen Anhänger.
«Man muss sich um das kümmern, was man beeinflussen kann», sagte der 26-Jährige nach dem 3:0 zuletzt in der Premier League beim FC Liverpool dem Sender Sky Sports. Im Topspiel wurden die City-Spieler von den Reds-Fans mit «Cheats»-Rufen verspottet. Cheats heisst übersetzt so viel wie Betrüger. «Was wir tun können, ist guten Fussball zu spielen», betonte Haaland.
Klub vor ungewisser Zukunft
Zwar lassen sich die Profis des englischen Tabellenführers nichts anmerken, aber es geht für sie um viel. «Niemand weiss, ob die drei Punkte, die City in Anfield geholt hat, an Weihnachten noch City gehören», schrieb Kolumnist Jonathan Wilson im «Guardian». «Niemand weiss, in welcher Liga sie in der nächsten Saison spielen.»
Am Mittwoch in der Champions League gegen PSG soll Ex-Trainer Pep Guardiola auf der Tribüne für moralische Unterstützung sorgen. Doch viele Fans dürften sich fragen, wie lange es überhaupt noch europäischen Fussball für Man City gibt.
Akanji hofft aus der Ferne
Berichten zufolge wäre es Guardiolas erster Besuch im Etihad-Stadion seit seinem Abschied im Sommer. Kurz nach dem Urteil hatte sich der 55-Jährige bei Instagram demonstrativ hinter seinen Ex-Verein gestellt: «Lasst mich eines klarstellen: Wir werden das gemeinsam durchstehen.»
Etwas zurückhaltender gab sich Manuel Akanji. Er verfolge die Nachrichten aus der Ferne, sagte der Inter-Verteidiger an einer Pressekonferenz. Zwischen 2022 und 2025 spielte der Schweizer für die Citizens und gewann in dieser Zeit sieben Trophäen – darunter zwei Meistertitel und die Champions League. «Ich hoffe, dass ich die Titel behalten kann.»
Sportlich läuft es Manchester City gut: sechs Siege aus sechs Spielen, drei Punkte Vorsprung auf Meister Arsenal. Doch über dem Erfolg hängt ein dunkler Schatten – und die Frage: Was ist die Tabellenführung wert, wenn ein massiver Punktabzug oder womöglich der Zwangsabstieg droht?
«Verschwörungstheorie der Premier League»
Vor knapp zwei Wochen wurde Manchester City in 114 von 115 Anklagepunkten wegen Verstössen gegen die Finanzregeln der Premier League für schuldig befunden. Laut der unabhängigen Kommission hat der Klub seine Einnahmen mit Scheinverträgen künstlich erhöht und seine Kosten gedrückt. Der Verein bestreitet alle Vorwürfe und hat Berufung eingelegt. Wann eine endgültige Entscheidung fällt, ist offen.
Geschäftsführer Ferran Soriano sprach sogar von «einer Verschwörungstheorie der Premier League». Unangenehmen Fragen weicht er aus. Ob City angesichts der Scheinverträge ein «Schein-Klub» sei, wollte ein Reporter des Senders Sky News wissen. Soriano blieb eine Antwort schuldig.
[Sky News] Rob Harris questions Man City chief executive Ferran Soriano after the club was found guilty of all charges related to Premier League's financial rules: "Do you apologise to football fans? The Premier League says 'sham' contracts, is this a 'sham' club?"
by u/KimmyBoiUn in soccer
Spott von allen Seiten
Auf der Insel ist City derweil die Zielscheibe allen Spotts. An der Liverpooler Anfield Road schallte es «Cheats» durchs Stadion – jedes Mal, wenn ein City-Profi den Ball berührte. Auch in den anderen Stadien dürfte sich der Spott der Fans über City ergiessen.
«All of your stars are fading away» («Alle eure Sterne verblassen») stand in Liverpool auf einem Banner der Heimfans – eine Zeile aus einem Song der weltbekannten Band Oasis. Die Gallagher-Brüder aus Manchester zählen zu den prominentesten City-Fans. Noel Gallagher bejubelte den Sieg in Anfield ausgelassen.
City-Fans geben sich trotzig
«Wir müssen lernen, mit diesem Lärm umzugehen», sagte Trainer Enzo Maresca nach dem Spiel. «Wir müssen unseren eigenen Lärm machen. Und unser Lärm ist, Spiele zu gewinnen – so wie heute.»
Viele City-Fans reagieren trotzig. «In Khaldoon we trust» (Wir vertrauen Khaldoon) stand auf einem Banner im Gästeblock – ein Bekenntnis zu Klubboss Khaldoon Al Mubarak. Andere nehmen die Rolle als Liga-Bösewicht mit Humor. Rund um das Stadion wurden himmelblaue Fahnen mit der Aufschrift «Cheats» im Oasis-Schriftzug verkauft, einige City-Anhänger schwenkten sie selbstironisch.
Vorerst letzte Saison in Europa?
Auch international droht erneut Ärger. Schon 2020 hatte die UEFA City wegen Verstössen gegen das «Financial Fairplay» von den europäischen Wettbewerben ausgeschlossen. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hob die Sperre auf, am Ende blieb eine Geldstrafe von zehn Millionen Euro. Ob City ein zweites Mal so glimpflich davonkommt, ist offen.
Ein Zwangsabstieg wäre das vorläufige Aus für die Königsklasse. Ob im Etihad auch in Zukunft noch Teams aus Paris, Madrid und Neapel zu Gast sind, entscheidet sich nicht auf dem Platz. (abu/sda/dpa)
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