So weitreichend war der ManCity-Betrug – Klub spricht von Verschwörungstheorie
Am Dienstagabend wurde es offiziell: Die Premier League hat Manchester City in allen Anklagepunkten im Zusammenhang mit den Verstössen gegen die Finanzregeln der Premier League für schuldig befunden. Eine Untersuchung, die durch die Enthüllungen der sogenannten Football Leaks im Herbst 2015 angestossen wurde, zeigte, dass der Premier-League-Klub zwischen 2009 und 2018 seine Finanzen durch Scheinverträge mit Sponsoren aufgebessert hat.
Im Februar 2023 hat die Liga ManCity offiziell angeklagt und den Fall an eine unabhängige Kommission überwiesen. Diese sprach den Klub am Dienstag dann in allen Anklagepunkten schuldig. Mittlerweile ist der teilweise geschwärzte Bericht auch öffentlich einsehbar. So ist beispielsweise erkennbar, wie sehr die Klubführung die Sponsoreneinnahmen tatsächlich aufgeblasen hat. So hat Manchester City während neun Jahren umgerechnet ungefähr eine Milliarde Schweizer Franken mehr erhalten, als die Verträge der Sponsoren aus Abu Dhabi in diesem Zeitraum tatsächlich wert gewesen wären. Diese Zusatzzahlungen wurden von der Abu Dhabi United Group, der Besitzergruppe von Manchester City aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, übernommen.
Der Klub betont hingegen, dass die Premier League missverstanden habe, wie die Sponsoren aus Abu Dhabi ihre Verträge finanzieren. Manchester City habe nie Geld von der Abu Dhabi United Group erhalten. Die Sponsoren aus der VAE‑Hauptstadt hätten lediglich von der dortigen Regierung Darlehen erhalten, um den Sponsoring-Verpflichtungen nachzukommen.
Die unabhängige Kommission sprach den zehnfachen englischen Meister zudem auch im Vorwurf schuldig, die Ermittlungen der Premier League mangelhaft unterstützt zu haben. «Eine Reihe wichtiger Zeugen des Vereins, hat im Rahmen der Untersuchung in wesentlichen Punkten falsche Aussagen getätigt», heisst es im Bericht.
Manchester City spricht von Verschwörung
In einem offiziellen Statement beteuerte Manchester City einmal mehr seine Unschuld. «Wir sind enttäuscht und überrascht von der heute publizierten Meinung [sic!] der Premier-League-Kommission», heisst es im Schreiben. Es liege eine umfassende Sammlung an unwiderlegbaren Beweisen vor, die alle Standpunkte des Klubs untermauern würde.
City-CEO Ferran Soriano wandte sich auch noch mit einer Videobotschaft an die Mitarbeiter des Klubs. «Der ganze Fall der Premier League gegen uns basiert auf einer einzelnen Falschaussage», erklärt der Spanier darin. Nämlich jener, dass die City-Besitzer Geld aus eigenen Taschen in den Klub gesteckt hätten. Jeder weitere Vorwurf habe seinen Ursprung in dieser Falschmeldung. Soriano wählt scharfe Worte: «Wir als Klub und auch unsere Anwälte sind überrascht, dass die Kommission nun die Verschwörungstheorie der Liga unterstützt.» Als Sky-Reporter Rob Harris City-Boss Soriano konfrontierte und fragte, ob sich der Klub bei den Fussball-Fans entschuldigen werde, schwieg dieser nur.
Auch wenn sich die City-Verantwortlichen nun überrascht geben, so haben sie offenbar schon länger vom Urteil gewusst. Gemäss einem Bericht von ESPN wurde der Klub bereits im Sommer darüber informiert, dass er für schuldig befunden wurde – noch vor der Öffnung des Transferfensters, in dem City wieder rund 500 Millionen Schweizer Franken für neue Spieler ausgab.
Experten fordern harte Konsequenzen
Das Urteil schlägt in der britischen Fussballwelt und darüber hinaus natürlich grosse Wellen. Der langjährige englische Nationalspieler und heutige TV-Experte Jamie Carragher fordert, dass man den Citizens alle Titel aus der betroffenen Zeit (3 Meistertitel, 3 Siege im Ligacup und 1 FA-Cup-Titel) aberkennt. Carragher geht aber noch weiter in seinen Forderungen: «Die aktuellen Besitzer von Manchester City müssen entfernt werden.» ManCity werde ein wunderbarer Klub bleiben, aber diese Besitzer hätten im englischen Fussball nichts mehr verloren. «Die Reaktion des Klubs auf die Vorwürfe ist einfach nur Gaslighting», so Carragher.
“Until they [the owners] move away from the club, I don’t know how this stain is ever removed from the club”
— Sky Sports Premier League (@SkySportsPL) September 30, 2026
Jamie Carragher on Manchester City being found guilty of all charges related to serious breaches of Premier League financial rules 🗣️ pic.twitter.com/Om7SyiWNEH
Micah Richards, der in der Saison 2011/12 selbst mit einem der betroffenen City-Teams die Premier League gewann, war am Boden zerstört. Im Podcast «The Rest Is Football» sagte er: «Ich war, seit ich 14 Jahre alt war, in diesem Klub. Ich würde für ihn sterben. Und wenn du dann diese Berichte liest, ist das absolut niederschmetternd.» Er sei mit den Gedanken auch bei den Fans, für die das genau so schlimm sein müsse.
Auch Javier Tebas, Präsident der spanischen La Liga, mischte sich noch in die Debatte ein. Im Rahmen eines Gipfels zur Spielergesundheit in London forderte er scharfe Konsequenzen für Manchester City: «Der Klub muss zerstört werden.» Der 64-Jährige sagte, er habe schon lange auf Unstimmigkeiten bei ManCity aufmerksam gemacht. Dass nun bestätigt sei, dass der Betrug bereits 2009 angefangen habe, sei ein riesiger Skandal. «Dieser Fall hat weitreichende Konsequenzen für den ganzen europäischen Fussball. Die Bestrafung von Manchester City muss hart ausfallen und abschreckend wirken», sagt Tebas.
Manchester City kann bis zum 2. Oktober gegen das Urteil Rekurs einlegen. Der Klub hat angekündigt, dies auch zu tun. Gleichzeitig wird die Premier League einer neuen, dreiköpfigen Kommission ein Strafmass für den verurteilten Klub vorschlagen, während ManCity seine eigene Sicht der Dinge präsentieren kann. Von Geldstrafen über Punktabzug bis hin zum Zwangsabstieg sind diverse Sanktionen möglich. Wie lange die Entscheidungsfindung für das Strafmass dauert, ist noch nicht klar. Es scheint aber so, dass die Premier League darauf pocht, dass der Fall während der aktuell laufenden Saison abgeschlossen wird.
Die Behandlung des Rekurses wäre dann wohl das Ende dieses Falles. Ein Weiterzug des Urteils an den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne ist in diesem Fall nicht möglich. Manchester City könnte höchstens vor das Obergericht von England und Wales ziehen, wenn es das Gefühl hat, dass das Verfahren nicht unparteiisch geführt worden sei.
