Titel weg, Zwangsabstieg und Enteignung – für ManCity ist keine Strafe zu hart
Manchester City hat betrogen. Dies hat eine von der Premier League beauftragte, unabhängige Kommission nach jahrelangen Untersuchungen befunden. In den Worten von Ligachef Richard Masters zeige deren 40-seitiges Urteil, «wie der Klub die Regeln der Premier League fast ein Jahrzehnt lang systematisch gebrochen hat». Zwischen 2009 und 2018 habe Manchester City in 115 Fällen gegen die Finanzregeln der Premier League verstossen.
So wurden die Bücher dank Scheinverträgen mit Sponsoren und eines im Urteil beschriebenen «verschleierten Finanzierungssystems» ordentlich geschönt. Die Besitzer aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sollen als Sponsoreneinnahmen deklarierte Gelder selbst bezahlt haben. Ausserdem sollen Spieler- und Trainergehälter teilweise höher gewesen sein, als dies gemäss den offiziellen Lohnausweisen der Fall gewesen sei.
Insgesamt sollen die Einnahmen dadurch um 855,2 Millionen Pfund höher und die Ausgaben um 66,2 Millionen Pfund tiefer deklariert worden sein. Das ergibt eine insgesamte Bilanzverfälschung von umgerechnet deutlich über einer Milliarde Franken – nur mal als Massstab.
Obwohl Manchester City seine Unschuld beteuert, sagt Ligachef Masters deutlich: «Dieses Disziplinarverfahren und diese Entscheidung sind die bedeutendsten in der Geschichte der Premier League.»
Noch ist unklar, welche Folgen das Urteil für den Klub haben wird. In der Vergangenheit wurden Everton und Nottingham sechs bzw. vier Punkte für Verstösse gegen die Finanzregularien abgezogen. Diese waren aber nicht ansatzweise so schwerwiegend wie jene der Citizens. Sie haben den fairen Wettbewerb mit Füssen getreten und mit ihrem Verhalten allen Fans anderer Klubs ins Gesicht gespuckt. So lässt das Urteil in diesem Fall nur einen Schluss zu:
Die Skyblues wären ohne die unerlaubten Zusatzeinnahmen niemals da, wo sie heute sind. Zwischen 2009 und 2018 machte der Klub auf dem Transfermarkt jährlich einen Verlust von im Schnitt knapp 100 Millionen Pfund. Stars wie Yaya Touré (2010), Sergio Agüero (2011), Raheem Sterling und Kevin De Bruyne (beide 2015) hätte sich der Klub nicht leisten können. Diese Spieler waren allesamt Leistungsträger beim Gewinn mehrerer Titel. Auch Trainer Pep Guardiola wäre 2016 wohl kaum zu Manchester City gekommen, hätte es nicht auf betrügerische Weise den Status eines Topklubs erlangt.
Deshalb sollten Manchester City nicht nur die drei Meisterschaften und insgesamt fünf Cupsiege während der untersuchten Phase aberkannt werden, sondern alle nationalen Titel – die UEFA müsste mit einem eigenen Urteil nachziehen –, bei denen ein in dieser Periode verpflichteter Spieler im Kader stand. Und das sind alle Titel, die der Klub seit der Übernahme durch Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan und die Herrscherfamilie von Abu Dhabi in England gewonnen hat. Also:
- 8 Meisterschaften (11/12, 13/14, 17/18, 18/19, 20/21 bis 23/24)
- 4 FA-Cup-Siege (10/11, 18/19, 22/23, 25/26)
- 7 Ligacup-Siege (13/14, 15/16, 17/18, 18/19 bis 20/21, 25/26)
- 4 englische Supercup-Siege (12/13, 18/19, 19/20, 24/25)
Dabei sollten die Titel nicht auf einen anderen Klub übergehen. Vielmehr soll es in diesen Jahren keinen Titelträger geben – als Mahnmal dafür, dass Betrug hart bestraft wird. Einzigartig wäre das nicht: Die Tour de France strich den Gewinner der Jahre 1999 bis 2005 wegen Doping aus der Siegerliste. Die Spieler von Manchester City, die über das Vorgehen ihres Klubs wohl kaum Bescheid wussten, sollten ihre Trophäen und Medaillen allerdings behalten dürfen.
Darüber hinaus sollte Manchester City auch künftiger Erfolg erschwert werden. Ein Zwangsabstieg in die zweitklassige Championship wäre das Mindeste. Es wäre gar die Herabstufung in den Amateurfussball möglich, heisst es. Zusätzlich sollten die Ausgaben von ManCity für mehrere Saisons klar beschränkt werden. Nicht, dass sich der Klub durch unfaire Wettbewerbsvorteile einfach wieder in die Premier League kauft. Die Folgen des Betrugs sollten noch lange zu spüren sein.
Als Vorbild könnte dabei die Strafe der NBA gegen die Los Angeles Clippers dienen. Diese haben durch Scheinverträge mit angeblichen Sponsoren die Gehaltsobergrenze umschifft und Kawhi Leonard ein höheres Gehalt als deklariert bezahlt. Neben einer Busse von 30 Millionen US-Dollar und einer Sperre gegen Besitzer Steve Ballmer wurden den Clippers auch fünf Erstrundenpicks im Draft weggenommen. Die Chancen auf Erfolg in den nächsten Jahren wurden dadurch minimiert – was für allfällige Nachahmer eine sehr abschreckende Wirkung hat. Selbiges sollte nun im Falle von Manchester City passieren.
Am härtesten sollten die Besitzer bestraft werden: Die Abu Dhabi United Group, der Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan vorsteht, sollte zum Verkauf der Mehrheitsanteile am Klub gezwungen werden.
Das ist keine utopische Vorstellung, sondern durchaus realistisch. Einerseits wurde dies beim Russen Roman Abramowitsch, dem früheren Besitzer von Chelsea, infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine getan. Andererseits gilt seit Juni in England ein neues Regelwerk, was die Besitzer, Vorstandsmitglieder und Führungskräfte der Klubs betrifft. Kontrolliert wird dieses durch den «Independent Football Regulator» (IFR), der unter anderem für die Lizenzen der Klubs aus den oberen fünf Ligen Englands zuständig ist. Wer in den Augen dieses Gremiums gewisse Anforderungen nicht erfüllt, darf keine dieser Positionen übernehmen.
Der IFR bemüht sich unter anderem darum, die Integrität der Klubs und der Liga zu beschützen. Im Falle von den Besitzern Manchester Citys gibt es klare Argumente dafür, dass sie diese gefährden. So haben diese nicht nur die Finanzregeln der Premier League über mehrere Jahre gebrochen, sondern auch die darauffolgende Untersuchung behindert. Gemäss dem Bericht der unabhängigen Kommission hätten Zeugen, die zugunsten von Manchester City aussagten, wissentlich Falschaussagen getätigt.
Für die Verantwortlichen dieses Betrugs sollte es keinen Platz in der Premier League geben. Zwar sind Personen, die bereits eine Rolle als Besitzer oder Vorstandsmitglieder innehatten, vom neuen Regelwerk des IFR ausgenommen, doch sollte hier eine Ausnahme gemacht werden.
Anders als nach dem von der UEFA beschlossenen Ausschluss aus der Champions League im Jahr 2020 kann Manchester City nicht vor den internationalen Sportgerichtshof CAS mit Sitz in Lausanne ziehen. Alle Rechtsfälle bezüglich der Premier League und ihrer Klubs müssen in England oder Wales verhandelt werden. Die Premier League hat also weitreichende Macht – und diese sollte sie bei der Aussprechung der Strafe vollumfänglich nutzen. Zu hoch kann diese nämlich gar nicht ausfallen.
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