Biasca und Rochette erhalten Chance in der NHL – doch stimmt das wirklich?
Diese beiden Transfermeldungen dürften Schweizer Eishockey-Fans doch etwas überrascht haben: Attilio Biasca unterschreibt einen Vertrag bei den Boston Bruins und verlässt Meister Fribourg-Gottéron. Theo Rochette unterschreibt einen Vertrag bei den Detroit Red Wings und verlässt Lausanne. Die zwei Stürmer würden eine Chance in der NHL erhalten, titelten diverse Schweizer Medien.
Doch wie realistisch ist es, dass Biasca und Rochette nächste Saison tatsächlich in der NHL spielen? Was passiert, wenn sie es nicht ins Team schaffen? Und wie kamen die Transfers überhaupt zustande? Schauen wir es uns an.
Können National-League-Spieler einfach so in die NHL wechseln?
Ja, aber nicht unbegrenzt. National-League-Spieler müssen jeweils bis zum 15. Juni in der NHL unterschreiben, wenn sie aus einem weiterlaufenden Vertrag in der Schweiz nach Nordamerika wechseln wollen.
Für Fribourg-Gottéron und Lausanne ist das natürlich bitter: Sie verlieren in der Vorbereitung der neuen Saison einen Leistungsträger. Dank des Transferabkommens der National League mit der NHL gibt es immerhin eine finanzielle Entschädigung: Fribourg und Lausanne dürfen mit rund 200'000 Franken rechnen.
Werden die National-League-Verträge annulliert?
Nein. Die Verträge der beiden Spieler bei ihren Schweizer Klubs behalten ihre Gültigkeit, auch wenn Biasca und Rochette in Nordamerika tätig sind. Sollten sie ihr NHL-Abenteuer also vorzeitig abbrechen, würden sie zu ihren Stammklubs zurückkehren und die bestehenden Verträge erfüllen.
Wie sehen die Verträge von Biasca und Rochette aus?
Attilio Biasca hat bei den Boston Bruins einen Entry-Level-Vertrag über zwei Jahre unterschrieben, wie es der NHL-Gesamtarbeitsvertrag für einen 23-jährigen Spieler vorschreibt. Verbringt er die gesamte Saison in der NHL, verdient der Flügelstürmer 980'000 US-Dollar jährlich. Wird er in die AHL oder gar in die drittklassige ECHL geschickt, muss Biasca hingegen krasse Lohneinbussen hinnehmen. Dort beträgt sein Jahreslohn noch 85'000 US-Dollar.
The #NHLBruins have signed forward Attilio Biasca to a two-year contract through the 2027-28 season with an annual NHL cap hit of $980,000.
— Boston Bruins (@NHLBruins) June 14, 2026
📰: https://t.co/ic81IbpMkX pic.twitter.com/2yA8Oi7sRh
Als Entry-Level-Vertrag (ELC) ist Biasca Waiver-exempt. Das bedeutet: Der Schweizer kann in die AHL geschickt werden, ohne auf die Waiver-Liste zu müssen, wo ihn andere Klubs einfach übernehmen könnten.
Weil Theo Rochette noch ein Jahr älter ist, läuft sein Entry-Level-Vertrag nur ein Jahr. Zudem ist noch nicht bekannt, wie viel der Westschweizer in der NHL verdienen wird. Der Lohn dürfte sich aber in ähnlichen Sphären bewegen wie bei Biasca. Der maximale Jahreslohn für Entry-Level-Spieler beträgt in der Saison 2026/27 1,025 Millionen US-Dollar. Auch Rochette muss mit starken Lohneinbussen in der AHL oder in der ECHL rechnen und wie Biasca ist auch er waiver-exempt.
UPDATE: The #RedWings have signed Theo Rochette to a one-year, entry-level contract. pic.twitter.com/1Q6C8O7iwJ
— Detroit Red Wings (@DetroitRedWings) June 15, 2026
Wie sieht ihr Weg in die NHL aus?
Aktuell werden Biasca und Rochette ihr Sommertraining in der Schweiz fortsetzen. Ab Ende Juni stehen bei den NHL-Teams die ersten Development Camps an. Diese sind zumeist nur für die ganz jungen Spieler, die gerade erst gedraftet wurden. Es ist realistischer, dass die beiden Schweizer Stürmer dann noch in der Heimat bleiben und mit ihren Stammklubs trainieren. Die Klubs sind in der Zwischenzeit mit dem NHL-Draft und der Free-Agency-Transferperiode ab dem 1. Juli stark ausgelastet. Sobald klar ist, wie die Teams tatsächlich aussehen, dürfte ein genauerer Plan für die beiden neuen Spieler ausgearbeitet werden.
Spätestens im September dürfte dann der Wechsel nach Nordamerika folgen. Dann stehen dort zunächst die Rookie-Camps und später die wirklichen Trainingscamps mit der gesamten Mannschaft an. Dort geht es für Rochette und Biasca dann darum, sich für weitere Aufgaben zu empfehlen und sich im NHL-Team festzubeissen.
Wie realistisch sind NHL-Spiele für Biasca und Rochette nächste Saison?
Das lässt sich aktuell nur schwierig einschätzen, da bei den NHL-Teams noch viele Fragen offen sind, die erst mit dem Draft und der Free Agency beantwortet werden.
Im Fall von Attilio Biasca ist es etwas klarer. Die Mannschaft der Boston Bruins für nächste Saison ist mehr oder weniger komplett. Das bedeutet aber auch: Für Biasca wird es schwieriger, einen Platz im NHL-Team zu erobern. Er muss in den Camps zeigen, dass er physisch stark genug ist, um sich auch gegen erfahrene NHL-Spieler durchzusetzen, und seine Fähigkeiten als Powerstürmer aufs Eis bringen. Wenn er zudem zeigen kann, dass er auch defensiv verlässlich ist, gibt das sicher Pluspunkte.
What you are getting out of Attilio Biasca, lots of deflections, poweful skating, and fun. He’s not the most skilled guy and isn’t a dynamic puck-handler, but he is someone people in the Q raved about when it came to leadership. #NHLBruins pic.twitter.com/PtTxL44QJI
— Robert Chalmers (@IvanIvanlvan) June 14, 2026
Biasca bringt zwar schon Nordamerika-Erfahrung mit (zweieinhalb Saisons bei den Halifax Mooseheads im kanadischen Junioreneishockey), trotzdem scheint es realistisch, dass der 23-Jährige zuerst in der AHL Erfahrungen im nordamerikanischen Profi-Eishockey sammeln muss. Wenn er sich dort überhaupt nicht wohlfühlt, ist auch eine Rückkehr nach Fribourg auf Leihbasis möglich.
Bei Theo Rochette ist die Lage etwas undurchsichtiger. Die Detroit Red Wings haben nun bereits zehn Jahre in Folge die Playoffs verpasst und stehen vor einem nächsten Umbruch: Captain und Nummer-1-Center Dylan Larkin hat darauf keine Lust mehr und einen Trade verlangt. Je nachdem, ob ein solcher Trade tatsächlich zustande kommt und wie er aussieht, könnte es im Sturm der Red Wings tatsächlich Platz für einen Spieler wie Rochette haben.
Der Westschweizer ist nun 24-jährig und damit gleich alt wie Pius Suter, als dieser den Sprung in die NHL wagte und sich gleich durchsetzen konnte. Allerdings haben die beiden nicht den gleichen Spielstil: Rochette ist mehr der Künstler und das Genie, während Suter sich vor dem Tor festbeissen kann und zweikampfstärker ist. Rochette hat zuletzt aber bewiesen, dass er schnell lernt und sich so an neue Umstände anpassen kann. Sollte es bei ihm nicht ins NHL-Team reichen, erwarte ich eher eine Rückkehr nach Lausanne als einen langen Aufenthalt in der AHL.
