Sie sagt, was sich viele nicht trauen – Lise Klaveness nimmt es mit der FIFA auf
FIFA-Präsident Gianni Infantino hat nach eigener Aussage zwei linke Füsse. Das hinderte den Walliser nicht daran, zum mächtigsten Funktionär der Fussballwelt aufzusteigen. Seine jüngste Eskapade ist der Verkauf von WM-Rechten an Investoren.
Lise Klaveness kennt den Spitzenfussball aus eigener Erfahrung. Die Präsidentin des norwegischen Fussballverbands lief in 73 Länderspielen auf, darunter war ein EM-Final. Als Top-Sportfunktionärin ist sie eine Ausnahme: als Frau ebenso wie wegen ihrer vergleichsweise jungen 45 Jahre.
Die Juristin gegen die FIFA
Vor allem aber ist Klaveness eine Ausnahme, weil sie Konflikte nicht scheut, sondern offensiv austrägt. Als Juristin pocht sie auf die Einhaltung der Reglemente. So kündigte sie vor wenigen Tagen an, Norwegens Verband werde im «Fall Balogun» eine Beschwerde gegen die FIFA einreichen.
«Wir alle wissen, dass dieses Urteil von aussen beeinflusst wurde und nicht auf einem ordnungsgemässen Verfahren beruhte», sagte Klaveness der «Times». US-Präsident Donald Trump hatte damit geprahlt, er habe die Spielsperre von Stürmer Folarin Balogun mit einem Anruf bei Infantino aufschieben können. Als «besorgniserregend für den Sport» bezeichnete Klaveness dieses Vorgehen, das grundlegende Spielregeln ausgehebelt habe. Sie forderte: «Wir brauchen von unserer Führung bei der FIFA die Aussage, dass dies ein Fehler war.»
Selbstkritik ist allerdings keine besonders verbreitete Tugend beim Weltverband, wie Präsident Infantino zuletzt mit einer in angriffigem Ton verfassten Botschaft belegte. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Gianni Infantino und die FIFA mittlerweile kaum mehr voneinander zu trennen. Doch Klaveness ist es wichtig zu betonen, dass es ihr nicht um den Mann gehe, sondern um die Sache.
Die Rede, die alles veränderte
«Ich habe grossen Respekt vor den gewählten Führungskräften der FIFA», führte sie einst im «Blick» aus. Sie versuche deshalb, sich bei ihrer Kritik auf anderes zu konzentrieren: «Was steht im Reglement? In welchem Rahmen sollen wir abstimmen? Und wenn wir uns darüber Sorgen machen, fragen wir nach, erheben Einwände und versuchen, Druck auszuüben.»
Klaveness ist keine, die alles einfach so hinnimmt. Sie ist eine Funktionärin, die sich nicht hinter Ausreden versteckt, sondern Klartext spricht. Wobei sie sich bewusst ist, dass sie als Vertreterin eines kleineren Verbands weniger Rücksicht nehmen muss als ihre Kollegen in grösseren Fussballnationen.
Im März 2022 nahm die Fussballwelt erstmals von Lise Klaveness Notiz. «Norwegens Verbandschefin crasht die grosse FIFA-Party», fasste der österreichische «Standard» zusammen. Wenige Monate vor der WM in Katar hatte Klaveness am Kongress des Weltverbands in Doha eine Rede gehalten, die hohe Wellen warf. Sie sprach über Themen wie Ethik, Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Wanderarbeiter oder Korruption. «Ich hatte keine Zweifel, dass das richtig war», sagte sie im Magazin «11 Freunde». Sie habe eine Botschaft überbracht, «die eindeutig umstritten und in dem Raum nicht beliebt war».
Nun war das Narrativ geboren: Hier Gianni Infantino als Symbol der FIFA, dort die Jeanne d'Arc des Fussballs. Eine Rolle, die sie nach eigener Aussage nie gesucht hatte.
Lise Klaveness arbeitete als Anwältin in der Zentralbank und hatte eine Stelle bei einem hohen Gericht in Aussicht, als sie für die Stelle der Sportdirektorin des norwegischen Fussballverbands angefragt wurde. Erst nach mehrmaliger Nachfrage habe sie den Job angetreten und beim Präsidium sei es genau gleich gewesen: «Weil es in hundert Jahren keine weibliche Präsidentin gegeben hat und es viele wichtige Themen zu bearbeiten gab, habe ich schliesslich zugesagt.»
Wenig Wirkung – und trotzdem wichtig
Und nun ist sie eben da, im Kreis der vielen alten weissen Männer, seit etwas mehr als vier Jahren. Seit einem Jahr ist Klaveness zudem Mitglied im Exekutivkomitee der UEFA, einem wichtigen Amt im europäischen Fussballverband. Die UEFA ist schon seit längerer Zeit auf Distanz zur FIFA gegangen, wenn auch aus anderen Motiven als Klaveness. Besonders seit Infantino mit der Klub-WM einen Gegenpol zur europäischen Champions League zu setzen versucht, sind die Fronten verhärtet. Den Plan vom Ausverkauf der WM-Rechte bezeichnete die UEFA als eine Grenzüberschreitung.
Ganz nüchtern betrachtet hat Klaveness mit ihrer kritischen Haltung beim Weltverband wenig erreicht. Gianni Infantino und die Ja-Sager, die ihn umgeben, setzen ihren Kurs unbeirrt fort und verändern den Fussball weiter im grossen Stil. Vielleicht sollte man die Wirkung von Lise Klaveness anders messen: Als Erinnerung daran, dass es auch Sportfunktionäre gibt, die Haltung zeigen.
