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Ajoies Mannschaft feiert nach dem sechsten Eishockey Playoff-Finalspiel der Swiss League zwischen dem HC Ajoie und dem EHC Kloten, in der Raiffeisen Arena in Pruntrut, am Mittwoch, 28. April 2021. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Ajoies Mannschaft feiert nach dem sechsten Playoff-Finalspiel der Swiss League am 28. April den Aufstieg. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Von Aufsteiger Ajoie lernen, heisst richtig «geschäften» lernen

Brauchen wir in unserem Hockey eine Lohnobergrenze? Nein. Es reicht, wenn alle Sportchefs Business machen wie Aufsteiger Ajoie.



Ajoie hat noch keine Partie in der höchsten Spielklasse bestritten und uns schon aufs vortrefflichste unterhalten.

Sportdirektor Vincent Léchenne hat Sierre Topskorer Guillaume Asselin ausgespannt. Diese Angelegenheit hat dem Chronisten eine ganze Serie von Geschichten geliefert. Die Ober- und Untersportchefs und sonstigen sportlichen Bürogeneräle der Liga sollten diesen Fall eingehend studieren. Und kopieren.

In der Regel lassen die Sportchefs alles stehen und liegen, wenn die Spieler etwas fordern. Deshalb kennt die Entwicklung der Saläre seit der Einführung der Playoffs (1986) nur eine Richtung: nach oben.

In der Ajoie ist es nicht möglich, ständig alle Wünsche des spielenden Personals zu erfüllen. Vincent Léchenne muss rechnen. Jeden Franken umdrehen. Unkonventionelle Lösungen suchen. So wie das die Bäuerinnen und Bauern seit Jahrhunderten in ihren Höfen auf den Hochflächen mit Tannentitanen, Hochmooren und weitem Himmel in einer Landschaft tun, die an das Auenland aus Tolkiens «Herr der Ringe» mahnt. Die können ihren Mägden und Knechten auch nicht jedes Mal das Sackgeld erhöhen, wenn im August das «Pferde-Woodstock» zu Saignelegiér über die Bühne geht.

Aber Bauernschläue kommt man auch im Sport fast so weit wie mit spendablen Millionären. Erst recht im Jura.

Die Frage war erstens: wie locken wir Guillaume Asselin von Sierre nach Ajoie?

Geneve-Servette's forward Guillaume Asselin, of Canada, controls thee puck, during a National League regular season game of the Swiss Championship between Geneve-Servette HC and HC Ambri-Piotta, at the ice stadium Les Vernets, in Geneva, Switzerland, Tuesday, March 9, 2021. The game is played behind closed doors due to the coronavirus COVID-19 pandemic. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Guillaume Asselin hat diese Saison in vier Spiele für Genf sechs Tore erzielt. Bild: keystone

Der Sportchef muss in einem solchen Fall erst einmal ein Verkäufer sein. Am wirksamsten ist es, einem Spieler einen Traum zu verkaufen. Im Sinne: kommt zu uns, hier kannst du deinen Traum leben. Kommt dazu: Trainer Gary Sheehan kennt Guillaume Asselin seit Jahren. Auch Jonathan Hazen und Philip-Michaël Devos sind mit dem Sierre-Star wohlbekannt. Ein bisschen Abenteuerlust, eine alte Männerfreundschaft und alles gewürzt mit der Romantik im Quebec der Schweiz mit Kumpels Hockey spielen zu können – da kann ein Frankokanadier ja fast nicht widerstehen.

Ajoie's Cheftrainer Gary Sheehan, spricht im vierten Eishockey Playoff-Finalspiel der Swiss League zwischen dem HC Ajoie und dem EHC Kloten, am Samstag, 24. April 2021, in der Raiffeisen Arena in Pruntrut. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Ajoie-Trainer Gary Sheehan. Bild: keystone

Aber am Ende des Tages geht es eben auch ums Geld. Guillaume Asselin hatte in Sierre einen weiterlaufenden Vertrag mit einem Salär von 70'000 Euro pro Saison.

Zu Ajoie wechseln bedeutet Vertragsbruch und es war nicht möglich, ungeschoren davonzukommen – schon gar nicht in Sierre, wo Bauernschläue auch keine unbekannte Eigenschaft ist. Also forderte Sierre, gestützt auf den Vertrag, von Ajoie eine Ablösesumme von 25'000 Franken.

Der Aufsteiger muss, wie wir wissen, jeden Franken umdrehen. Da kann Vincent Léchenne nicht einfach eine Ablösesumme zahlen. Das würde zu Recht als pure Geldverschwendung gerügt und kritisiert.

Und so ist dem Sportchef des Aufsteigers ein Meisterstück gelungen: der Spieler zahlt die Ablöse aus dem eigenen Sack. So steht es im Zweijahresvertrag, den Ajoies neuer ausländischer Stürmer heute Donnerstag um 10.47 Uhr per Whatsapp (!) bestätigt hat. Beinahe hätte er die Deadline der Offerte (12.00 Uhr) verpasst. Bei ihm in Quebec, wo er den Sommer verbringt, war es um diese Zeit 04.47 Uhr in der Früh. Und so sieht die ganze Sache im Detail aus:. Guillaume Asselin verdient

Warum diese Abzüge, die so im Kontrakt festgeschrieben sind? Ganz einfach: Zweimal 12'500 Franken ergeben 25'000 Franken – und das ist exakt die Ablöse, die Sierre verlangt. So muss es sein. Der Spieler bezahlt die Summe selbst, die es ihm erlaubt, in Ajoie oben einen Hockey-Traum zu leben.

Was die Sache noch besser macht: Guillaume Asselin ist kein Ahnungsloser in Geldangelegenheiten, der da über den Tisch gezogen wurde. Er hat an der Universität von Quebec in Trois Rivières ein Studium der Finanzwissenschaften mit Diplom abgeschlossen.

Le Top Scorer valaisan Guillaume Asselin, gauche, lutte pour le puck avec le defenseur jurassien Anthony Rouiller, droite, lors du match a huis clos du championnat suisse de hockey sur glace de Swiss League entre le HC Sierre et le HC Ajoie, ce mercredi, 2 decembre 2020, a la patinoire du Graben a Sierre. (KEYSTONE/Cyril Zingaro)

Topscorer Guillaume Asselin, als er noch gegen Ajoie spielte. Bild: keystone

Wer ist nun schlauer? Sierre oder Ajoie? Ajoie. Eine Sache haben die Bauernschlauen zu Sierre nämlich nicht bedacht: was ist, wenn Guillaume Asselin Pruntrut bereits nach einer Saison vor Ablauf seines Vertrages verlassen sollte? So wie er Sierre den Rücken gekehrt hat? Wenn er so bäumig spielt und stürmt und skort, dass er einen viel höher dotierten Vertrag von Servette, den ZSC Lions oder Lugano bekommt? Das ist zwar nicht unbedingt zu erwarten, könnte aber schon passieren. Auch in der Ajoie gilt die alte Redewendung, die gerade die Bauernschlauen zur Vorsicht mahnt: «On est jamais au bout des surprises.»

Also: wer zahlt die zweite Rate der Ablösesumme, die zweiten 12'500 Franken, wenn Guillaume Asselin nicht mehr für Ajoie spielen sollte? Das ist im Vertrag nicht geregelt. Nur eines wissen wir: diese zweite Rate wird sicher nicht Vincent Léchenne bezahlen. Von Aufsteiger Ajoie lernen, heisst richtig «geschäften» lernen.

Die Frage ist aber auch: ist Guillaume Asselin ein guter Transfer? Ja, ganz ohne Zweifel. Weil es nächste Saison keine Relegation gibt, kann Ajoie nicht absteigen. Die Mannschaft ist nicht gut genug, um schon um die Pre-Playoffs zu spielen. Also geht es um Emotionen, um Unterhaltungswert, um Spektakel.

Mit Guillaume Asselin, Philip-Michaël Devos und Jonathan Hazen kann Trainer Gary Sheehan bei Bedarf einen kompletten frankokanadischen Sturm auf die Gegner loslassen – das hat es so in der Ajoie, im Quebec der Schweiz noch nie gegeben. Da wird ein 3:9 gegen Gottéron trotz allem ein Volksfest, wenn die drei «Flying Frenchmen» die drei Ehrentreffer zelebrieren. Kommt dazu: Guillaume Asselin ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der günstigste ausländische Spieler der ganzen National League.

Ajoie wird uns noch viel Kurzweil bescheren. Auf und neben dem Eis.

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