Nach einer 3:0-Führung verloren – na und?
Wie holt man drei Tore Rückstand auf? Von mehreren Möglichkeiten ist der Einfluss der Bandengeneräle der interessanteste.
Die Bezeichnung General ist im Ursprung nicht militärisch. Vom lateinischen «generalis» (das Ganze betreffend) abgeleitet, sind in alten Zeiten in den Klöstern die Chefs Generaloberer, Generalabt oder Generalvikar genannt worden. Da dürfen wir im Hockey von Bandengenerälen reden, ohne gleich als Militaristen dazustehen.
Im Hockey ist der Einfluss des Coaches – also des Bandengenerals – hoch. Er kann im Minutentakt die Formationen wechseln oder neu zusammenstellen, pro Spiel eine Denkpause verlangen (Timeout), seinen Männern zweimal in der Kabine während 18 Minuten ins Gewissen reden und den Torhüter so oft wechseln, wie er will.
Wenn es gelingt, einen Dreitore-Rückstand wettzumachen, dann gibt es mehrere Ursachen.
- Einem Aussenseiter gelingt es mit dem Beistand der Hockeygötter gegen einen Titanen drei Tore vorzulegen, wird dann aber doch noch überrollt.
- Ein Titan wird nach einer Führung überheblich, verliert die Kontrolle und kann sich nicht mehr zurückgewinnen.
- Ein Bandengeneral sorgt mit einer gelungenen Umstellung oder einem Kabinen-Donnerwetter für eine neue Dynamik in seinem Team.
Wir sind auf dem Weg zu einem neuen Spektakel-Rekord. Bereits dreimal haben Teams einen Dreitore-Rückstand aufgeholt und mindestens einen Punkt gerettet.
- Servette machte gegen Ajoie ein 0:3 wett, verlor aber in der Penalty-Entscheidung.
- Servette holte ein 0:3 gegen Gottéron auf und gewann die Penalty-Entscheidung.
- Die SCL Tigers machen gegen Lugano aus einem 0:3 im letzten Drittel ein 4:3.
Bei Servette gilt: Diese Mannschaft ist so hochkarätig besetzt, dass eine Aufholjagd gegen Ajoie logisch und gegen jedes andere Team der Liga möglich ist. Es genügt, wenn der Coach seinen Stars Beine macht.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Interessanter ist die Wende vom 0:3 zum 4:3 der SCL Tigers gegen Lugano. Langnaus Bandengeneral Thierry Paterlini beorderte seine beiden finnischen Verteidiger Juuso Riikola und Santtu Kinnunen im Schlussdrittel gemeinsam aufs Eis. Die beiden Finnen orchestrierten drei der vier Tore. Das Spiel ist auch an der Bande gewonnen worden.
Lugano verbleibt am Tabellenende und schöpft Trost aus der Vergangenheit: Im letzten Herbst starteten die Tessiner mit vier Niederlagen (gegen Gottéron, Biel, Zug und die ZSC Lions) und nach sechs Partien hatten sie erst einmal (gegen Ajoie) gewonnen. Da ist nun der Saisonstart ein grosser Schritt nach vorne: Schon zwei Siege (gegen Servette und Zug) nach fünf Partien.
Also nicht einmal bei den Tessinern ein Grund zu toben oder zu polemisieren oder eine Krise auszurufen. Das zeigt sich nach der Niederlage im Kabinengang.
Die Kabinentüre ist noch zu. Drei Chronisten (Chronistin war keine da) warten, so wie es der Brauch ist, auf die Protagonisten, um sie zur schmählichen Niederlage zu befragen. Weil sich auch Sportchef Janick Steinmann in die Kabine begeben hat, keimt Hoffnung auf etwas Polemik. Also raten die drei Chronisten, wie lange es dauert, bis die Kabinentüre wieder geöffnet wird.
Die zwei aus dem Tessin schätzen auf ein Kabinengewitter von mindestens einer Viertelstunde Dauer. Der Chronist aus der Deutschschweiz, dem die lateinische Lust an der Polemik eher fremd ist, vermutet höchstens sieben Minuten und sagt, es könnten aber auch nicht viel mehr als sieben Sekunden dauern. Kaum gesagt, wird die Türe zum Allerheiligsten geöffnet. Niemand flucht, niemand tobt, alle und selbst Janick Steinmann, der Architekt einer neuen Leistungskultur, sind recht entspannt. Er räumt ein, dass so etwas natürlich nicht passieren sollte, hat dafür keine Erklärung und verweist darauf, dass der Start letzte Saison ja schwieriger war.
Und dabei wird – bevor auch nur eine polemische Frage überhaupt aufkommt – auch Torhüter Joren van Pottelberghe (Fangquote 86,21 Prozent) von aller Schuld freigesprochen. Mit einer Vertragsverlängerung sollte Luganos Nummer 2 trotzdem nicht rechnen.
Es gibt für Lugano noch einen Trost: Die Liga ist so ausgeglichen, dass es wohl nicht das letzte Mal war, dass ein Team eine Dreitore-Führung preisgegeben hat.
- Während der ganzen Qualifikation 2023/24 – eine Regular Season umfasst jeweils 364 Spiele – gaben nur Langnau (gegen den SCB) und Davos (gegen Lausanne) ein 3:0 preis.
- Während der Qualifikation 2024/25 passierte das Malheur sechs Mal.
- Während der letzten Saison drei Mal.
Und nun hat es noch Blätter in den Bäumen, es ist noch September und schon ist in nur 45 Partien dreimal eine Drei-Tore-Führung verspielt worden. Die Ausgeglichenheit der Liga wird uns einen neuen Spektakel-Rekord bescheren wird. Nach dem Motto: Eine 3:0-Führung verspielt – na und? Die Chancen sind intakt, dass sich auch mal Lugano über eine Aufholjagd nach drei Toren Rückstand freuen darf.
Für alle, die den Kick suchen
Auch in dieser Saison können die Schweizer Eishockeyfans ausgewählte Spiele im Free-TV mitverfolgen.
Das ganze Programm von 3+ Adrenalin findest du hier.
