SCB-Hockey wie Tennis – und hat Langnau schon wieder die besseren Ausländer?
Er gleitet nicht übers Eis. Er quält sich vorwärts. Mit letzter Kraft schafft er es noch bis vors gegnerische Tor. Aber die Energie für den Abschluss fehlt. Die Chance ist vertan. Der Nostalgiker fragt sich: Hat der SC Bern noch einmal den Riesen Marc Reichert (190 cm) aufgeboten? Er ist zwar bereits 46 Jahre alt, 2017 zurückgetreten und im Hockey nur noch als Leutschenbach-Experte tätig. Aber warum nicht im Sinne der Unterhaltung bei einem Nachmittags-Zirkusspiel für einmal eine Legende als Überraschungsgast laufen lassen?
Es war natürlich nicht Marc Reichert. Es war der neue SCB-Stürmer Rodrigo Abols. Der Riese aus Lettland (193 cm) ist in seiner aktuellen Verfassung der langsamste ausländische Spieler der Liga.
Der neue Trainer Serge Aubin wird ihm noch ordentlich Beine machen müssen. Romantiker hoffen, dass er fehlendes Tempo durch Schlauheit wettmachen, einen Block zusammenhalten, seine Flügel besser machen und das Spiel am Laufen halten kann.
Abols' Formstand stimmt nachdenklich
Pessimisten hingegen fragen seufzend: Ach, halt wieder ein Fehleinkauf. Hat Langnau schon wieder die besseren Ausländer? Seit der letzten Meisterfeier im Frühjahr 2019 hat sich der SCB mehr ausländische Fehleinkäufe geleistet als jeder andere Klub.
Warum gerade bei einem Zirkusspiel diese boshaften Gedankenspiele um die Besetzung der sechs Ausländerpositionen? Weil Trainer Serge Aubin erstmals gleich alle sieben laufen lässt, die unter Vertrag stehen – das geht nur bei Testspielen. Es ist also eine höchst kurzweilige «Leistungsschau», die durchaus ein wenig Aussagekraft hat und mahnt: Die Zeiten der Wirren um die ausländischen Arbeitnehmer sind noch nicht ganz vorbei.
Gerade der mit Spannung erwartete Auftritt von Abols ist ein Grund zur Sorge. Sein Formstand gut zwei Wochen vor dem Saisonstart am 14. September in Zürich stimmt nachdenklich. Eine lange Angewöhnungszeit kann er sich nicht erlauben. Auf der Mission der Wiedergutmachung muss es beim SCB gleich von allem Anfang an rocken.
Zu wenig gute Ausländer
Die Erkenntnis aus der Parade gleich aller sieben ausländischen SCB-Arbeitnehmer: Sehr vieles spricht dafür, dass die Langnauer erneut die besseren Ausländer haben. Eine Rückkehr in die obere Tabellenhälfte oder vielleicht gar in die Spitzengruppe wäre für den SC Bern mit Langnaus Ausländern mit ziemlicher Sicherheit garantiert. Aber mit dem aktuellen ausländischen Personal?
Als Grundregel gilt: Von den sechs Ausländerpositionen müssen vier sehr gut und zwei gut besetzt sein. Zwei SCB-Ausländer sind sehr gut (Sonny Milano, Waltteri Merelä), zwei gut (Emil Bemstörm, Ian Michtell), bei einem besteht die Chance auf Rehabilitation (Miro Aaltonen), einer ist noch ausser Form (Rodrigo Abols) und einer ist wie bereits letzte Saison eine Fehlbesetzung: Anton Lindholm.
Mag sein, dass Lindholm – wie in dieser Partie – für den unberechenbaren Schillerfalter Rodwin Dionicio die defensive Absicherung übernimmt. Aber kein anderer Klub der Liga verschwendet eine Ausländerlizenz für einen offensiv völlig unbrauchbaren defensiven Defensiv-Verteidiger. Oder noch etwas präziser formuliert: Ausser Sonny Milano könnte keiner in Langnau einen der aktuellen Ausländer aus dem Team verdrängen.
Der Amerikaner ist ein Lichtblick. Milano wird die Fans als blitzgescheiter, blitzschneller Spektakelstürmer begeistern wie zuvor Mark Arcobello und Austin Czarnik. Oder polemisch: Der SCB hat in der Gesamtsumme über die sechs Positionen gerechnet neben den Rapperswil-Jona Lakers die schwächsten Ausländer der Liga.
Schnell und direkt vors Tor
Die Ausländer sind umso wichtiger, weil der SCB eigentlich auf dem Weg zur Besserung ist. Die Handschrift des neuen kanadischen Trainers Serge Aubin ist immer besser zu erkennen. Das Zeitalter des Schablonen-Hockeys ist endlich, endlich, endlich, endlich, endlich zu Ende gegangen. Das SCB-Spiel findet nicht mehr in erster Linie in der neutralen Zone statt, sie ist nur noch «Durchgangszone».
Das Spektakel wird schnell und direkt vors gegnerische Tor getragen oder die Scheibe wird mit echtem, bissigem Forechecking in der gegnerischen Zone erkämpft. Bei gegnerischem Scheibenbesitz gibt es dann in Gottes Namen halt Turbulenzen vor dem eigenen Tor und wenigstens ist dann etwas los. Das Blockieren des Spiels in der neutralen Zone gibt es nicht mehr. Es geht rasch hin und her und hin und her wie beim Tennis. Gerade für dieses anspruchsvolle Hockey wären sechs gute Ausländer eine grosse Hilfe.
Aubin stehen jetzt mehr talentierte Schweizer Spieler zur Verfügung als jedem anderen Trainer seit dem letzten Titelgewinn von 2019. Er hat die anspruchsvolle Aufgabe, nun alles zu strukturieren und zu ordnen und die richtige Mischung zu finden. Für den SC Bern gilt zumindest für die Schweizer Spieler: «All the tools, but no toolbox.»
Es obliegt in erster Linie den Schweizern, das Team zu tragen und Serge Aubins Philosophie des urigen Spektakelhockeys umzusetzen. Fünf von sieben Ausländern sind lediglich – wohlwollend formuliert – hochkarätige und teure Ergänzungsspieler.
