Ambris Jahrzehnttalent zu Chur – so kann die Swiss League funktionieren
Reto und Jan von Arx haben Chur im Frühjahr 2024 in die Swiss League geführt. Inzwischen sind sie – abgesehen von Sierres Chris McSorley – die bestverdienenden Trainer der zweithöchsten Liga. Und ein Glücksfall für den EHC Chur. Beide wären für höhere Aufgaben qualifiziert und hatten bereits entsprechende Offerten. Aber sie sind in Chur geblieben und gelten als beste Ausbildner im Profihockey. Seit zwei Jahren arbeiten die SCL Tigers mit Chur zusammen und Sportchef Pascal Müller kommt aus dem Rühmen fast nicht heraus. «Chur bietet ein professionelles Umfeld für die Entwicklung von jungen Spielern.»
Chur hat sich 2002 aus der höchsten Liga verabschiedet und ist zwischenzeitlich bis in die 2. Liga getaucht. Längst vom Wahn geheilt, Davos herausfordern zu können, haben die Bündner ihren Frieden als Ausbildungs-Club und finanzielle Stabilität gefunden. Eitelkeiten spielen keine Rolle mehr. Zu den Besitzern gehören unter anderem Leonardo Genoni, Enzo Corvi, der ehemalige Verbandsgeschäftsführer Florian Kohler und dessen Ehefrau Steffi Buchli. Die Besitzer sind also um einiges prominenter als die Spieler.
Zweimal hintereinander haben Reto und Jan von Arx die Mannschaft seit dem Aufstieg ohne Ausländer in die Playoffs gebracht. Statt in ausländische Spieler wird in qualifiziertes Personal rund ums Team investiert. Das Modell Chur zeigt, wie die Swiss League aus Ausbildungsliga sehr wohl funktionieren könnte.
Der exzellente Ruf als Ausbildungsclub beschert Chur ein ausländisches Jahrzehnttalent. Matej Pekar (18), einer der interessantesten jungen Spieler in unserem Hockey. Der damalige Sportchef Paolo Duca holte ihn 2021 nach Ambri. Nach zwei Jahren auf höchster nordamerikanischer Juniorenstufe ist der tschechische Stürmer wieder zurück in Ambri und hat es in der Zwischenzeit bis ins tschechische U18 WM-Team gebracht. Sein Talent steht also nicht zur Diskussion. Um die Schweizer Lizenz zu bekommen, muss er die nächsten zwei Saisons mindestens je zehn Partien mit Ambris Junioren bestreiten.
Sein Potenzial – ein Center mit der Wirkung eines helvetischen Nationalspielers – kann er nur im Erwachsenenhockey entwickeln. Junioren-Hockey ist für ihn reine Zeitverschwendung. Für eine Ausländerlizenz in Ambri ist er noch nicht robust genug. Also wird er nach «Absitzen» der zehn Juniorenspiele im Herbst diese Saison und voraussichtlich auch nächste Saison mit einer Ausländerlizenz für Chur in der Swiss League stürmen. Da Chur keine Ausländer unter Vertrag hat, kann problemlos eine Lizenz für einen ausländischen Nachwuchsspieler verwendet werden.
Matej Pekar ist smart, schnell und mutig und stocktechnisch brillant und er wird, wenn die Hockey-Götter gnädig sind, in drei bis vier Jahren eine ähnliche offensive Wirkung haben wie ein Schweizer Nationalstürmer. Die Schweizer Lizenz wird für ihn zum Wertpapier und es war ein kluger Schachzug von Paolo Duca, Matej Pekar gleich bis 2029 unter Vertrag zu nehmen. Unterdessen ist der Vertrag vorzeitig bis 2031 verlängert worden.
In der anstehenden Phase des Umbruches ist eine zügige Entwicklung von Matej Pekar zum Stammspieler von entscheidender Bedeutung. Es ist noch nicht sicher, dass André Heim (sein Vertrag läuft aus) in Ambri gehalten werden kann. Sportchef Lars Weibel wird mit Engelszungen reden müssen. Und ganz nebenbei zu dieser Thematik: Es wird nicht einfach sein, Torhüter Philip Wüthrich von einem Wechsel abzuhalten. In Biel läuft der Vertrag mit Harri Säteri aus und ein Schweizer Torhüter würde es möglich machen, endlich wieder mit sechs ausländischen Feldspielern zu spielen. Ein Entscheid wird bis Ende Oktober erwartet.
Bleibt noch die Frage: Warum Chur und nicht Ambris Farmteam in Bellinzona? Ganz einfach: Weil der mit den Verhältnissen in der Swiss League und im Tessin überaus gut informierte Agent von Matej Pekar seinen Klienten in Chur in einem ungleich professionelleren Umfeld in viel besseren Händen sieht als bei einem finanziell darbenden sportlich chancenlosen «Lotterteam» in Bellinzona.
