Zug und Paolo Duca – einer lahmen Ente Flügel machen
Paolo Duca wird sich an seiner neuen Wirkungsstätte erst einmal um den Sport kümmern müssen. Ist denn nicht der tüchtige Ted Suihkonen zum Nachfolger des gefeuerten Reto Kläy ernannt worden und führt die Sportabteilung? Das ist richtig. Aber ist er in diesen schwierigen Zeiten dem Amt eines Sportchefs gewachsen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Time will tell. Jedenfalls ist es gut, dass nun mit Paolo Duca einer kommt, der aus Ambri viel Erfahrung als Sportchef und sportliches Krisenmanagement mitbringt.
Das Problem: Es war noch der inzwischen gefeuerte Reto Kläy, der Lauri Marjamäki in einem der seltsamsten Deals der Neuzeit als Trainer engagiert hat: Der Finne ist aus einem weiterlaufenden Vertrag in Kloten herausgeholt worden und im Gegenzug steht nun in Kloten der in Zug entlassene Michael Liniger an der Bande. Kein Schelm, wer fragt: Warum wollte Kloten Lauri Marjamäki nach zwei guten Jahren nicht mehr und setzt lieber auf den in Zug bereits in der ersten Saison gescheiterten Michael Liniger?
Es ist also nachvollziehbar, dass Reto Kläys Nachfolger Ted Suihkonen diese Trainerverpflichtung kritisch hinterfragt. Und hätte er es diskret getan, wäre es kein Problem. Aber er hat zu viele Gespräche in der Sache geführt – und nun ist das Gerücht in der Welt, kursiert in Zugs Umfeld und in der Kabine, bei den Agenten und quer durch die Liga: Der Sportchef zweifle in Zug am neuen Trainer. Da sind dann böse Zungen nicht mehr weit, die fragen: Wann wechselt Zug den Trainer?
Zauberlehrling Ted Suihkonen, noch ohne jede Erfahrung als Sportchef, hat – wohl ohne es zu ahnen – einen in diesem Business unverzeihlichen Fehler begangen: Er hat ungewollt durchsickern lassen, dass er seinem wichtigsten Angestellten nicht hundertprozentig vertraut, und kann die Sache nicht mehr rückgängig machen. Er mag nun mit Engelszungen über seinen Trainer reden und ihn loben und preisen – niemand glaubt es ihm.
Ein Trainer, der nicht die bedingungslose Unterstützung seiner Vorgesetzten geniesst beziehungsweise vermutet wird, dass er diese Unterstützung nicht hat, verliert seine Autorität. Auch in der Kabine. Auf den Punkt gebracht: Er wird zur «Lame Duck». Zur lahmen Ente.
Ist Lauri Marjamäki in Zug bereits eine «Lame Duck»? Die Frage mag eine polemische Zuspitzung sein. Und doch: Eine sportliche Krise kann der freundliche Finne unter diesen Voraussetzungen nicht überstehen. Zumal die Mannschaft keine meisterliche mehr ist. Deshalb ist die Frage nicht nur boshaft: Wann wird Zugs Trainer gefeuert?
Die dringendste Aufgabe für den neuen Geschäftsführer Paolo Duca ist es also, der lahmen Ente Lauri Marjamäki so schnell wie möglich wieder Flügel zu machen. Nur er kann das. Der Sportchef nicht mehr.
Paolo Duca hat als Trainerflüsterer sowie als Präsidenten-, Medien- und Sponsoren-Beruhiger jahrelange Erfahrung. In Ambri musste er zwischendurch einen mutlosen Luca Cereda wieder aufrichten und immer wieder gegen Kritik verteidigen. Nun obliegt es ihm, in Zug die verfuhrwerkte Situation rund um den neuen Trainer zu stabilisieren.
Was Lauri Marjamäkis Arbeit zusätzlich erschwert: Obwohl bereits genügend ausländische Spieler unter Vertrag stehen, sucht der Sportchef weiterhin ausländische Arbeitskräfte für die zentrale Mittelstürmer-Position. Ein klares Misstrauensvotum gegen Tomas Tatar und Jan Kovar, die eigentlich das Team tragen sollten. Auch das trägt nicht zur Festigung des Teamgeistes und zur Stabilisierung der sportlichen Situation bei.
Bevor er auch nur ein Spiel verloren und den Lehner Cup Ende August in Sursee überstanden hat, steht also Lauri Marjamäki bereits in der Kritik. Das mag auf den ersten Blick ein grosses Problem sein. Aber es gibt auch diese Sichtweise: Ein starker Geschäftsführer wie Paolo Duca kann in der zusätzlichen Funktion als «Obersportchef» diese Situation meistern. Romantiker hoffen nicht ganz zu Unrecht, dass nach all den Wirren in Zug nun eine «Wir-gegen-den-Rest-der-Welt»-Stimmung für Zusammenhalt und Energie sorgt. Es hilft den Zugern, dass sie nach einem Hollywood-Sommer als Krisenteam wahrgenommen und unterschätzt werden. Und hat nicht einst Dan Tangnes seine Arbeit in Zug mit wenig Vorschusslorbeeren begonnen? Na also.
Paolo Duca wird als «Obersportchef» auch in der Causa Vinzenz Rohrer gefordert sein. Die Versuchung ist gross, mit viel, viel Geld einen Prestigetransfer zu orchestrieren (Vinzenz Rohrer entweder von Montréal leihweise oder definitiv zu übernehmen), um endlich auch mal vom Männerteam eine positive Meldung verbreiten zu können. Tatsächlich ist der erst 21-jährige Österreicher mit Schweizer Lizenz ein Jahrzehnt-Talent. Aber noch bei weitem nicht dazu in der Lage, eine Mannschaft zu tragen. Vorerst ist er ein talentierter Mitläufer und kein Leitwolf und kam letzte Saison bei den ZSC Lions in 50 Spielen gerade mal auf 13 Punkte. Ihn nun in der Salär-Hierarchie ganz oben zu platzieren, würde den Kabinenfrieden empfindlich stören.
Für beste Unterhaltung ist auf jeden Fall gesorgt. Dazu passt das neueste Gerücht in der Stadt – aber wirklich nur ein Gerücht, und zwar ein boshaftes: Präsident Hans-Peter Strebel habe beim berühmten Zuger Bildhauer Stephan Schmidlin sein eigenes Denkmal in Auftrag gegeben, das vor dem Stadion aufgestellt werden soll. Stephan Schmidlin gehört zu den bekanntesten Schweizer Holzbildhauern der Gegenwart. Er hat sich mit monumentalen Skulpturen aus Holz, Stein und Metall einen Namen gemacht.
Solche wahrlich boshaften Gerüchte können – wie einst die Witze über die legendären Bundesräte Rudolf Minger und Adolf Ogi – für die Popularität einer Persönlichkeit stehen. Aber sie zeigen eben auch, wie schmal der Grat zwischen respektiertem Hockey-Unternehmen und Zirkus inzwischen in Zug geworden ist.
Je schneller Paolo Duca seiner lahmen Ente Lauri Marjamäki Flügel macht (damit er sich gleich einem Adler aufschwingen und für einen rasanten Saisonstart sorgen kann), desto besser für alle. Der neue Zirkusdirektor und Obersportchef bzw. Geschäftsführer ahnt womöglich gar nicht, worauf er sich in Zug eingelassen hat. Es könnte sein, dass ihm seine ereignisreichen Jahre in Ambri bald einmal vorkommen werden wie ein Erholungsurlaub auf einem Ponyhof.
