Ein sanfter Riese mit hölzernen Händen komplettiert den SCB
Die Tinte unter dem SCB-Vertrag war schon seit längerer Zeit trocken. Aber Rodrigo Abols hatte bis zuletzt auf eine Fortsetzung seiner NHL-Karriere gehofft. Daraus wird nichts. Deshalb kommt er als siebter Ausländer zum SC Bern – und soll von der Hierarchie her als Center die Nummer-1-Position einnehmen.
Rodrigo Abols ist ein sonderbarer NHL-Spieler. Einer, den die Scouts lieben, weil sie ihn verstehen. Und den die Fans oft unterschätzen, weil sie ihn nicht verstehen. Er ist keiner, der die Fans elektrisiert. Er ist einer, der Trainern ruhige Nächte schenkt. Also das Gegenteil von einem Schillerfalter.
Der Lette ist so etwas wie der Buchhalter unter den Stürmern. Er zählt keine Kunststücke, sondern gewonnene Zweikämpfe. Er sammelt keine Spektakelauftritte, sondern kleine Siege entlang der Bande. Wer Hockey nur nach Toren und Assists beurteilt, wird an Rodrigo Abols nie Gefallen finden. Wer das Spiel hinter dem Spiel liebt, entdeckt in ihm einen Mann von fast altmodischer Zuverlässigkeit.
Er hat hölzerne Hände, eher geeignet für Schraubenschlüssel als für Geigenbögen. Sein Schuss ist ordentlich, aber die von ihm «abgefeuerten» Pucks halten auch gute Torhüter aus der MyHockey League. Er wird keinen Verteidiger mit einem Zaubertrick ins Leere laufen lassen.
Aber er besitzt etwas, was der SCB beim Neuaufbau braucht: defensive Verlässlichkeit auf der Position des Mittelstürmers. Er kann die Mannschaft stabilisieren. Mit Grösse, Reichweite, Disziplin und der seltenen Gabe, das Spiel zu vereinfachen. Er macht aus einer schwierigen Situation keine noch schwierigere. Er spielt den Puck dorthin, wo er hingehört, und stellt sich anschliessend dorthin, wo es wehtut – vor das Tor oder in die Ecke.
Abols ist kein Künstler. Er ist Handwerker. Fast alle Meistermannschaften brauchen solche Männer. Nicht jeder kann Solist sein. Kein Schelm wer denkt: Er wird meistens dann vorne auf dem Eis stehen, wenn hinten Rodwin Dionicio tanzt.
Mit seinen fast zwei Metern hat er genau jene Mischung aus Grösse und Beweglichkeit, die Trainer lieben. Der sanfte Titan ist erstaunlich flink, ist defensiv absolut verlässlich und verliert nur selten die taktische Ordnung. Er versteht Winkel, Laufwege und Abstände. Er verteidigt nicht spektakulär, sondern richtig. Das ist im modernen Hockey oft die grössere Kunst und beim SCB, einer Mannschaft im Umbau, sowieso.
Natürlich hat diese Zuverlässigkeit ihren Preis. Der neue SCB-Center wird nie einer wie Denis Malgin sein und auch kein Timo Meier. Ihm fehlen Kreativität, Eleganz und die Kaltblütigkeit im Abschluss. Aus einer halben Torchance macht er keine ganze.
Die NHL-Vergangenheit des neuen SCB-Ausländers ist überschaubar (64 Spiele/50 Punkte). Und die vergangene Saison – seine zweite – war bei Philadelphia nach 42 Partien zu Ende: Beinbruch. Aber davon hat er sich erholt. Seine grosse Zeit hatte er während sechs Jahren in Schweden (313 Spiele/202 Punkte). Da war er der perfekte Center fürs Schablonenhockey und deshalb das Bedauern, dass er nun eben als «Aufbauhelfer» nach Bern und nicht nach Schweden wechselt.
Bleibt noch die Frage: Müsste der SCB nicht einen produktiveren ausländischen Stürmer haben? In diesem Fall: Nein. Der SCB braucht dringender Stabilität auf der Mittelachse. Dann sind auch die Flügel besser und torgefährlicher. Der SCB hat ein paar Läufer und Schillerfalter und Vollstrecker auf den Aussenbahnen, die ihr Potenzial noch bei Weitem nicht oder nicht mehr ausgeschöpft haben.
Und nicht zu vergessen: Von hinten wird Rodwin Dionicio als stürmender Verteidiger die Offensive befeuern.
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