Es ist der Abend vor dem zweiten Spiel der Schweizer Nati an dieser EM. Schottland heisst diesmal der Gegner. Wieder in Köln. Als Manuel Akanji kurz nach 19 Uhr den Medienraum im Stadion betritt, herrscht draussen Aufregung. Ein Sturm fegt über die Stadt hinweg. Es wirkt fast, als wolle Petrus die Schotten nochmals an das Auftaktspiel erinnern, als sie von Deutschland zerzaust wurden.
Akanji sitzt auf dem Podium, als er auf die Leistung der Schotten zum Auftakt angesprochen wird. «Wir wissen, dass sie es besser können», sagt er. Ein anderes Denken wäre auch fatal. Die Nati strebt am Mittwoch ab 21 Uhr den zweiten Vollerfolg an. Zwei Siege zum Start in ein grosses Turnier? Das hat die Schweiz in der Neuzeit noch nie geschafft an einem grossen Turnier.
Wenn das gelingen soll, braucht es unter anderem erneut einen Manuel Akanji in grosser Form. Als Abwehr-Boss war er eine der grossen Figuren beim 3:1 über Ungarn.
Akanji, der überragende Abwehr-Boss? Das war nicht immer so. Es gab Momente, da fragte man sich als Nati-Zuschauer: Ist das wirklich der Manuel Akanji in diesem roten Trikot, von dem in England alle schwärmen? Wo ist seine Ausstrahlung? Wo bleiben Seriosität und Zweikampfhärte? Manchmal, so schien es, hält sich die Lust an mühsamen EM-Qualifikationsspielen in engen Grenzen.
Nun darf man dafür durchaus ein gewisses Verständnis aufbringen. Wer mit Manchester City Woche für Woche zwei Spiele absolviert und dabei gegen die besten Mannschaften der Welt stets bis aufs Äusserste gefordert wird, der geht vielleicht gegen Weissrussland oder im Kosovo unbewusst nicht in jeder Aktion mit der allerletzten Konsequenz in die Duelle.
Doch jetzt ist EM. Und spätestens seit letztem Samstag wissen wir: Auch im roten Trikot kann Manuel Akanji ein Spiel beherrschen. Wie er die Duelle gewann, wie er organisierte, wie er die Schweizer Angriffe einleitete, das war grosse Klasse. Und vor allem hatte er eine herausragende Präsenz auf dem Feld.
Blerim Dzemaili war einer der Kollegen auf dem Feld, als Akanjis Nati-Karriere so richtig ins Rollen kam. Heute verfolgt Dzemaili die EM als TV-Experte fürs Tessiner Fernsehen RSI. «So eine grosse Ausstrahlung habe ich bei ihm noch nie gesehen», sagt Dzemaili über Akanji. «Da ist einer nochmals ziemlich gereift.»
Nationaltrainer Murat Yakin forderte bereits rund um die WM, dass Akanji noch einmal einen Schritt nach vorne macht. Mehr Verantwortung übernimmt. Und in dieser Beziehung Captain Granit Xhaka unterstützt. Die Hoffnung besteht, dass Akanji diesen Schritt tatsächlich macht.
Frage darum an Akanji: Hat er den Auftrag erfüllt? «Der Trainer sitzt ja gleich neben mir – lassen wir doch ihn die Frage beantworten», sagt er und lacht. Nun denn, Murat Yakin: «Es ist tatsächlich so, ich wünsche mir, dass Manuel vorangeht, dass er das Team trägt in der Achse. Er hat sehr, sehr grosse Fortschritte gemacht».
Klar Worte des Chefs. Mit Manchester City hat Akanji bereits eine zweite Saison als absoluter Stammspieler hinter sich. Drei Titel wie 2022/23 wurden es zwar nicht mehr. Aber für jenen in der Premier League reichte es gleichwohl. «Ich kann die beiden Saisons nicht wirklich miteinander vergleichen und auch nicht den Wert der Titel. Aber klar ist, wir haben zweimal in Serie Geschichte geschrieben», sagt Akanji. Manchester City ist die erste Mannschaft in der Premier League, die viermal in Serie den Titel gewann.
Eine Hauptrolle auf dem Weg zum Titel spielte zum Schluss auch Akanji. Im zweitletzten Spiel gegen Tottenham verstolperte er kurz vor Schluss einen Ball, es hätte das Gegentor werden können, das Arsenal den Titel bringt. Draussen an der Linie schlug Trainer Pep Guardiola die Hände vors Gesicht, juckte und warf sich sogar auf den Boden. Doch Torhüter Stefan Ortega rettete City und Akanji. Im Rückblick sagt Akanji: «Da hatte ich zwei Ideen im Kopf – und die zweite war dann die falsche. Ich hätte den Ball besser einfach weggeschlagen … Aber wir haben ja Teamkollegen, um einander auszuhelfen.»
Und nun also die Aufgabe gegen Schottland. Folgt ein nächster Beweis für Akanjis Reifeprozess?